Die alten Hightech-Stars: Viel Schatten, wenig Licht
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 26. Juni 2006 07:30 Uhr
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Der einzige der großen US-Indizes, der seit Jahresbeginn wirklich nennenswert im Minus notiert, ist der technologielastige Nasdaq 100. Dabei sind es weniger die kleinen Titel, die den Index seit Jahresbeginn knapp acht Prozent in die Knie zwangen, sondern die alten Lieblinge der Boomphase 1999/2000. Es sind Dell, Microsoft, Intel oder Ebay, die heute nicht mehr allzu weit oberhalb der Tiefs nach dem Platzen der Millenniums-Blase 2000 notieren. Also die Aktien, die man damals als die „Soliden“ bezeichnet hatte, die Aktien, die mal in jedem Fall unbesorgt halten kann.
Nun, an dieser Solidität ist nicht zu zweifeln. Es sind gigantische Hightech-Firmen, Marktführer in ihren Bereichen und milliardenschwer. Doch es ist kein Zufall, dass der Kursverlauf dieser Firmen aussieht wie bei der Deutschen Telekom. Nehmen wir als typisches Beispiel den Intel-Kursverlauf seit 2000. Zwischen Frühjahr 2000 und Herbst 2002 verlor die Aktie 80 Prozent ihres Wertes. Dann kam die Wende:
Alte Hightech-Stars nach unten durchgereicht
Im Herbst 2002 fanden die Technologieaktien als erste der großen abgestürzten Branchenbereiche des Aktienmarkts ihren Boden und zogen wieder an. Binnen 12 Monaten gewann der Kurs um 130 Prozent hinzu, doch Sie sehen im Chart, das Statistiken immer eine Sache der Perspektive sind ... gemessen vom Hoch im Jahr 2000 war diese Kurserholung nicht viel mehr als nichts.
Und das war es dann auch schon gewesen – seit zweieinhalb Jahren bröckelt die Aktie langsam, aber sicher wieder in Richtung der bisherigen Tiefs ab, während der Rest der Aktienmärkte immer weiter zulegen konnte. Als Beispiel sehen Sie hier den Vergleich zwischen dem marktbreiten S&P 500 seit dessen Tief im März 2003 und der Intel-Aktie. Zunächst wurde nur die Outperformance der Aktie gegenüber dem Gesamtmarkt abgebaut, doch seit Jahresbeginn 2006 wurde Intel nach unten durchgereicht, während der US-Aktienmarkt in seiner Gesamtheit seit Frühjahr 2003 immer noch um die 50 Prozent Zugewinn verzeichnen kann. Ein trauriges Bild, und wie gesagt kein Einzelfall.
Von der Wiege bis zur Bahre – oft ein Nullsummenspiel
Auch die anderen, oben genannten alten Hightech-Stars sehen großenteils so erbärmlich aus. War diese angebliche Solidität also doch nur eine Durchhalteparole derer, die zuvor so lange zum Einstieg in gerade diese Aktien getrommelt haben? Ja und nein. Rein von den Bilanzen her sehen all diese Technologie-Größen unverändert sauber und solide aus. Doch es fehlt das letztlich entscheidende Element, das Aktienkurse treibt: Wachstumsphantasie! Und diese Problematik haben auch die nicht erkannt, die unaufhörlich den Kauf dieser Hightech-Blue Chips gepredigt hatten.
Ich hatte dieses Thema bereits Anfang Mai angesprochen und vor diesen Aktien gewarnt. Mittlerweile hat die jüngste Korrektur der Aktienmärkte noch einmal einiges mehr an Kurserosion verursacht. Das Hauptproblem dieser Titel liegt darin, dass die Kurse den Wechsel von einer elektrisierenden neuen Technologie mit gigantischen Wachstumsraten und permanenter Innovation hin zu einer „normalen“ Branche mit ebenso „normalem“ Umsatz- und Gewinnwachstum nicht verkraftet haben. Doch diesen Weg gehen all diese Unternehmen, ob sie nun aus dem Computer-, Telekom oder Biotechsektor stammen.
Wer damals, zu Beginn des Booms, die Zeichen der Zeit erkannte und in diese Titel investierte, war zeitweise mit vierstelligen Prozentraten im Gewinn. Doch es ist nicht nur der richtige Zeitpunkt zum Kauf, der über Wohl und Wehe eines Aktiendepots entscheidet, sondern auch der zeitgerechte Ausstieg. Denn wie uns zuletzt die abstürzenden Metallpreise an den Rohstoffmärkten lehrten: An der Börse wie in der Luftfahrt gilt „runter kommen sie immer“.
Die Opfer der Marktsättigung
Dabei müssen wir bei diesen Verlierern zwischen zwei großen Gruppen unterscheiden: den abgehängten Ex-Lokomotiven und den Opfern der Sättigung. Aktien wie Intel oder die Telekom litten darunter, dass ihnen mit den Jahren die Wadenbeißer der zweiten Reihe erfolgreich ihre Führungsrolle streitig machten, was dazu führte, dass die Kurse ihren Marktführerbonus einbüßten. Bei Intel z.B. wanderten zahllose Anleger zu ihrem neuen Liebling Advanced Micro Devices (AMD) ab, wie der folgende Chart unterstreicht: AMD stieg seit Frühjahr 2005 wie eine Rakete, während Intel nur noch vor sich hin schwankte und bröckelte.
Doch auch dieser neue „Ersatzstern“ am Chiphimmel hat seit Jahresbeginn um die zwei Drittel seiner vorherigen Kursgewinne wieder eingebüßt. Hier resultiert der entsprechend späte Abstieg aus der Erkenntnis, dass bei diesen Branchen die Bäume nicht nur nicht mehr in den Himmel wachsen, sondern dass daraus auch zukünftig nichts mehr wird. Die extremen Wachstumsraten der frühen 2000er Jahre wurden bereits so weit im Aktienkurs in die Zukunft extrapoliert, dass angesichts des klar rückläufigen Wachstumstempos keine Chance besteht, dass sich diese Aktien in Zukunft noch einmal vervielfachen können, denn:
Die goldenen Zeiten sind vorbei ...
Der Sättigungsgrad hinsichtlich der von zehn Jahren noch deutlich dünner gesäten Computer, Netzwerke, Mobiltelefone etc. ist jetzt immens, da geht nicht mehr viel. Sicher, die Hunderte Millionen potenzieller Konsumenten der Schwellenländer darf man nicht übersehen, aber hier haben sich mittlerweile zahllose regionale Unternehmen etabliert, die den Altstars der Branchen das Wasser abgraben. Gleichzeitig stoßen die Innovationsmöglichkeiten auf der einen Seite und die Akzeptanz immer neuer Verbesserungen an ihre Grenzen. Die Zeiten, in denen man alle 12 Monate ein neues Handy oder einen neuen Computer brauchte, um mit den wichtigsten Standards mithalten zu können, sind vorbei.
... aber nicht für alle!
Es ist daher wenig verwunderlich, dass die Altstars immer weiter im Kurs abbröckeln, je mehr die Wachstumsphantasie schwindet. Und es ist keineswegs zu erwarten, dass sich daran sehr viel ändern wird. Sie als Investor sind aufgerufen, diejenigen Aktien zu finden, deren Wachstum weiterhin überzeugen kann. Sei es durch Fusionen oder durch interne Veränderung oder Innovation. Es gibt durchaus noch zahlreiche Bereiche, in denen Wachstum und vor allem Wachstumsphantasie auch für die kommenden Jahre ein Thema sind, aber Selektion ist Pflicht, wo man früher „einfach mal alles“ kaufen konnte. Beispielhaft sehen Sie z.B. hier den Chart von Oracle, nachdem das Unternehmen mit den jüngsten Zahlen absolut überzeugen konnte. Gleichzeitig sollte jede Investor ernsthaft überdenken, ob er die alte „Weisheit“ des „buy and hold“ wirklich durchexerzieren will ... denn wer heute noch an den alten Highflyern von gestern hängt muss damit rechnen, dass sein Vermögen weiter schrumpft, während der Rest der Börse steigt.
Dabei sei erwähnt, auch wenn es selbstverständlich sein sollte: Bitte beachten Sie, dass ich hier keine konkreten Kauf- oder Verkaufsempfehlungen ausspreche. Dies ist ein Newsletter, der Sie über interessante Themenbereiche rund um das Börsengeschehen informiert, aber kein Börsendienst, der konkrete Anlageempfehlungen ausspricht!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
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