Die Alan Greenspan-Option
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 06. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Das ist ja fast wieder wie in den alten Zeiten, oder was? Mit den "alten Zeiten" meine ich die Periode der kindlichen Halluzination an den Börsen von ungefähr 1995 bis zum Ende des Jahrtausends, auch als "New Era" bekannt.
Eins von den großartigen Dingen dieser Zeit war die Idee, dass Alan Greenspan, der weltbekannteste öffentliche Angestellte seit Pontius Pilatus, den Boom nicht enden lassen würde. Der Zentralbanker schien einen "Greenspan Put-Option" zu haben. Diese Option schien ihm die Möglichkeit zu geben, die Wirtschaft anzuheizen – einfach durch Zinssenkungen.
Stellen Sie sich die Enttäuschung der Star-Analystin Abby Joseph Cohen vor, als Greenspan schließlich diese Option ausübte – und nichts passierte.
Was konnte man da tun? Nun, es noch Mal probieren! Und noch Mal. Und noch Mal. Jetzt hat er es 12 Mal versucht ... und jetzt gibt es nicht mehr viel Spielraum. Wie in Japan haben die kurzfristigen Zinsen bereits "effektiv Null" erreicht, da die Kosten für einen kurzfristigen Kredit unter der Inflationsrate liegen. Dennoch ist die "Greenspan Put-Option" immer noch "lebendig und gut", so Richard Bernstein von Merrill Lynch. Die Investoren scheinen zu denken, dass die zwölfte Zinssenkung endlich etwas bewirkt hat ... dass Alan Greenspan damit plötzlich den perfekten Zinssatz für Interbanken-Tagesgeld gefunden hat. Das Wall Street-Feuer flackert warm, bemerken sie ... während die Heizungen sonst in der ganzen Volkswirtschaft sich langsam aufheizen. Ich bin mir da nicht so sicher. Die Autoverkäufe gingen im November um 13 % zurück; Ford meldete 20 % niedrigere Umsätze. Die Aktie von General Motors fiel am Dienstag um 5 %. Die Autoproduktion läuft derzeit weltweit auf Hochtouren – das erhöht den Druck auf die Preise. Die Autopreise liegen deshalb 1 % unter dem Wert von vor einem Jahr.
Und jetzt teilt uns NewsObserver.com auch noch mit, dass Bauherren es schwerer haben, ihre Häuser zu verkaufen. Sie müssen deshalb Bonbons wie Küchenaufrüstungen etc. hinzufügen, um niedrigere Verkaufspreise zu vermeiden.
Sogar die Vereinigung der Hypothekenbanken rechnet damit, dass sich die Wachstumsraten bei Immobilienpreisen und Refinanzierungen im nächsten Jahr halbieren werden. In diesem Jahr werden die Immobilienpreise insgesamt um rund 9 % steigen; nächstes Jahr werden es laut dieser Vereinigung rund 4 %. Dieses Jahr wurden Hypotheken im Volumen von 1,4 Billionen Dollar refinanziert. Nächstes Jahr sollen es eher 700 Milliarden Dollar werden.
Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wenn die "Greenspan Put-Option" nicht wirkt, dann hat der Fed-Gouverneur Bernanke der Welt ja vor kurzem mitgeteilt, dass die Fed auch andere Möglichkeiten hat, eine Inflation zu verhindern (und die Wirtschaft am Rollen zu halten). Was für eine verrückte Welt, in der wir leben. Es ist so, als ob die ganzen volkswirtschaftlichen Erkenntnisse von Keynes bis Friedman auf einen simplen Paragraphen reduziert werden könnten:
Volkswirtschaften sind nicht mehr als Leute, die Geld bekommen und Geld ausgeben. Wenn man will, dass die Leute mehr bekommen und mehr ausgeben ... dann muss man dafür sorgen, dass die Leute Geld leihen. Und man muss dafür Sorgen, dass das Geld seinen Wert verliert, so dass sie das Geld so schnell wie möglich ausgeben wollen.
Die Fed hat das Geld-Leihen durch die Zinssenkungen unterstützt. Hausbesitzer haben die Chance genutzt, sich unter höheren Hypotheken und 0 %-Autofinanzierungen zu begraben.
Jetzt, wo die Fed die Zinsen so tief gesenkt hat, wie sie kann (wenn sie die Zinsen weiter senkt, dann könnten die Zinsen am Geldmarkt negativ werden, da die operativen Kosten die Zinsen übersteigen könnten) ... sucht die Fed nach Wegen, die Währung zu zerstören. Ich bezweifle nicht, dass die Fed diese Wege finden wird ... aber vielleicht nicht so schnell, wie die meisten Leute denken könnten ... mehr dazu weiter unten.