Deutschland verliert seine Konsumenten
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 29. November 2007 18:00 Uhr
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Das war eine brutale Short-Squeeze gestern: Dow Jones 2,55 % Plus, Nasdaq100 3,03 % und sogar der S&P500 stieg um satte 2,85 % an. Heftig. Nach dem kleinen Sell Off am Montag kommen nun wieder die Bullen an die Macht, so scheint es.
Es ist die zweite Short-Squeeze in diesem Abwärtsmove. Sie erinnern sich, bei der ersten hatte ich noch geschrieben, dass die erste meistens nicht die letzte ist, sprich dass die erste Short-Squeeze selten den eigentlichen Boden markiert. Bei der zweiten Short-Squeese steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Boden hingegen schon deutlich an.
(Einschub: Eine Short-Squeeze entsteht, wenn viele Menschen, die auf fallende Kurse gesetzt haben, ihre Positionen auflösen.)
Wir warten auf Anschlusskäufe
Wichtig ist nun, ob es nach dieser Rally zu sogenannten Anschlusskäufen kommt. Es reicht einfach nicht, wenn die Shorties in Panik geraten und ihre Positionen glattstellen, nein, institutionelle Anleger müssen ausreichend Gründe sehen, um einzusteigen. Sprich, es müssen große kapitalkräftige Käufer erkennbar werden.
Aus diesem Grund ist der gestrige Tag für sich genommen noch nicht ausreichend. Es wird auf die nächsten Tage ankommen. Dabei ist es völlig normal, dass es nach so einer explosiven Aufwärtsbewegung erst einmal zu einer Orientierungsphase kommt, in der die Kurse konsolidieren.
Explodierende Ölpipeline treibt den Ölpreis
Allerdings gibt es heute auch eine Nachricht, welche die Kurse belastet. Eine Explosion einer Ölpipeline zwischen Kanada und den USA trieb den Ölpreis um bis zu 4 Dollar nach oben und das ließ die Börsen vorsichtig werden.
US-BIP steigt um 4,9 %
Interessant ist, dass das US-Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal sogar um satte 4,9 % (!) gestiegen ist. Damit wurde die erste Schätzung von 3,9 % um 1 Prozentpunkt nach oben revidiert. Das ist immerhin das stärkste Wachstum seit 4 Jahren. Zur Erinnerung, im dritten Quartal war es zu einem Einbruch der Gas- und Ölpreise gekommen, der diesen Wachstumsschub mit ausgelöst hat.
Die Subprime- und Kreditmarktkrise hatte also auf das dritte Quartal noch keinen Einfluss, dafür reichte die Zeit nicht. Das wird sich im vierten Quartal wahrscheinlich ändern.
Deutschland: Seit 14 Jahren gab es nie weniger Arbeitslose im November!
Eine zumindest auf den ersten Blick höchst erfreuliche Nachricht: In Deutschland ist die Zahl der Arbeitslosen auf den niedrigsten „November“-Stand seit 1992 gesunken! Sie verringerte sich saisonbereinigt um 53.000 auf 3,6 Millionen. Damit ging die Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte auf 8,1 % zurück.
Es werden zwei Gründe für diesen Rückgang genannt. Der erste ist logisch: Die gute Konjunktur führt zu neuen Arbeitsplätzen. Der zweite ist interessant: So wird der deutsche Arbeitsmarkt auch durch ein rückläufiges Arbeitskräfteangebot entlastet.
Vollbeschäftigung aufgrund fehlenden Nachwuchs?
Es ist einige Jahre her, da habe ich schon einmal darüber geschrieben, dass es in Deutschland allein aufgrund des Bevölkerungsrückgangs bald zu einer Entlastung des Arbeitsmarktes kommen wird. Im Moment soll es hierbei bereits um 73.000 Stellen je Jahr gehen. Das könnte sich aber noch ausweiten. Kehrt Deutschland bald zur Vollbeschäftigung zurück, einfach weil keine neuen jungen Menschen mehr auf den Arbeitsmarkt drängen?
Zunächst hört sich das gut an, doch so einfach ist es nicht. Hinter dieser lapidaren Nachricht versteckt sich eine große Gefahr für die Binnenkonjunktur! Denn eben diese neuen jungen Arbeitskräfte sind es, die zum Zeitpunkt der Familiengründung am meisten konsumieren!
Sie müssen sich einrichten, bauen Häuser, die Kinder werden ausgestattet, neue Küche, ein neuer Kühlschrank, das neue Auto und der Zweitwagen für den erziehenden Partner.
Alte Menschen neigen zur Konsummüdigkeit
Alte Menschen hingegen sind meistens etabliert und haben sich derart an ihre Möbel und den Kühlschrank aus den 90er Jahren gewöhnt, dass sie sich nur Neues kaufen, wenn es unbedingt sein muss. Und dann wird natürlich auch preisbewusst gekauft – das ist ein Erfahrungswert. Das Auto tut seit 15 Jahren zuverlässig seinen Dienst – warum ein neues kaufen, man hat sich doch so schön dran gewöhnt? Bald wird es sowieso abgegeben. Und dieser ganze neumodische Schnickschnack, was will man mit einem Beamer, einer Dolby Surround Anlage und diese neuen Handy, die sind eh zu kompliziert – ganz abgesehen von diesen mickrigen Tasten...
Natürlich ist das etwas überspitzt dargestellt, aber eine gewisse Konsummüdigkeit im Alter ist einfach nicht zu leugnen.
Dieser Rückgang des Nachwuchses in der Arbeitswelt bedeutet demnach, dass es auf lange Sicht zu einem beständigen Rückgang im Bereich Konsum kommen wird. Und eben dieser wird die Wirtschaft belasten und letzten Endes wieder Arbeitsplätze kosten.
Die Folgen sind nicht absehbar
Leider ist also nicht zu klären, wie sich diese Entwicklung letzten Endes wirklich auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. Da man jedoch weiß, dass Bevölkerungswachstum oft zu einem Wachstum des Bruttosozialproduktes führt, weil mehr Menschen einfach mehr konsumieren, muss man damit rechnen, dass in einigen Jahren die deutsche Binnenwirtschaft Probleme kriegen könnte (noch mehr als jetzt schon).
Ganz abgesehen von den Fragen, die uns sowieso schon beschäftigen: Wer soll unsere Renten bezahlen? Wer soll uns im Alter pflegen? Wer soll uns im Alter versorgen? Wo sollen all diese Menschen, die immer mehr alte Rentner sozial absichern können, herkommen? Aus dem Ausland? Werden wir in 10-20 Jahren wieder mit Blumen und Fanfaren den 1 Mio. Einwanderer auf dem Bahnsteig begrüßen? Bilder, die wir aus den 60er mit türkischen Gastarbeitern noch kennen? Keiner weiß es...
Sicher ist, dass es bereits zu spät ist, um die Entwicklung der Bevölkerungspyramide noch zu retten. Die geburtenstarken Jahrgänge fangen langsam an, aus dem gebärfähigen Alter auszuscheiden...
Armut in Deutschland
Ich hatte oben geschrieben, dass die Zahlen vom Arbeitsmarkt auf den ersten Blick gut sind. Leider nur auf den ersten Blick: So war heute in der FTD zu lesen, dass in Deutschland mittlerweile ein Fünftel der Bevölkerung laut EU-Standard als arm gilt.
Hintergrund ist unter anderem auch, dass die Lohn-Kaufkraft der Arbeitnehmer auf ein historisches Tief gefallen ist. Zwar steigen die Löhne in letzter Zeit, das werde aber durch die zurzeit hohe Inflation ausgeglichen.
Und damit kommen wir zu der Schattenseite der oben genannten Arbeitsmarktzahlen: Die Hälfte der neu geschaffenen Jobs sollen von schlechter Qualität sein: Zeitarbeit, Minijobs und andere schlecht bezahlte Arbeiten.
Deutschland, quo vadis...
Chancen?
Doch ich will gar nicht alles so schwarz malen. Wenn ich eins als Börsianer gelernt habe, dann, dass Krisen immer auch Chancen sind - vielleicht sollte man sich fragen, welche Chancen sich aus dieser Entwicklung für Deutschland ergeben. Das wäre zumindest konstruktiver. Denkbar wäre zum Beispiel eine Hochspezialisierung, eine Energie - Selbstversorgung, etc. Ich bin gespannt.
Viele Grüße
Jochen Steffens