Deutsche Börse: Wachstum, aber wie?
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 9. November 2009, 08:00 Uhr
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stellen sie sich vor, sie haben seit Jahren ein unschlagbares Geschäftsmodell, eine Art „Cash Cow" und erfreuen sich an einem kontinuierlichen, manchmal sogar stürmischen Wachstum. Welcher Unternehmer, gar angestellter Manager würde in Zeiten der kurzfristigen Unternehmensplanung da auf die Idee kommen schlafende Hunde zu wecken und sich Gedanken über die langfristige Zukunft zu machen. Mehr als intensive Lobbyarbeit, vor allem in der Politik, ist eigentlich nicht gefragt. Nach dieser Praxis sind Jahre lang die staatliche Unternehmen wie die Deutsche Telekom oder auch die Deutsche Post verfahren.
In quasi monopolisierten Märkten fehlte jeglicher Anreiz Ineffizienz zu beseitigen, denn der Preis konnte nach Belieben bestimmt werden. Welche Schockwellen ein Eingriff in diese schönste aller Welten auslösen kann, haben die vergangenen zehn Jahre sowohl bei der Deutschen Telekom als auch bei der Deutschen Post gezeigt. Eine Anpassung an ein sich schnell veränderndes Wettbewerbsumfeld fällt schwer und die Politik rudert, wie bei der Deutschen Post, sogar wieder ein Stück zurück.
Helfen wird es nichts, denn ist der Wettbewerb erst einmal ausgerufen worden, kommen auch die Kunden auf den Geschmack. Diese Situation erlebt gerade die Deutschen Börse. Seit 14 Jahren lebt das Unternehmen prächtig von seinen Lizenzgebühren für die DAX-Familie und dem elektronischen Handelssystem Xetra. Das Wachstum in dieser Zeit war beachtlich, doch die stark aufholenden alternativen Handelsplattformen gefährden das Geschäftsmodell.
Größe garantiert kein Wachstum
Wer in die Zukunft hätte blicken wollen, brauchte nur die Entwicklung in den USA zu betrachten. Dort machen sich schon seit langem unterschiedliche Börsensegmente, wie die Nasdaq und die NYSE (New York Stock Exchange) gegenseitig Konkurrenz. Richtig interessant wurde es aber mit der Gründung, neuer kleinerer elektronischer Handelsplattformen. Sie ermöglichten es vielen Investoren sehr kostengünstig zeitnah zu handeln. Hürden wie hohe Kosten für aktuelle Kursbelieferungen fielen dadurch weg.
Diesen Trend hat die Deutsche Börse eindeutig verschlafen. Noch heute müssen Marktteilnehmer, die aktuelle Kurse haben wollen, dafür bezahlen. Das ist in Zeiten des Internets kein kundenorientiertes Verhalten. Mühevoll versucht die Deutsche Börse ihre große Kunden über den Ausbau der Dienstleistungen im Bereich Wertpapierverwaltung zu halten, während sie gelichzeitig selbst dafür sorgt, dass die Durchlaufzeiten im Handel erhöht werden. Händler in London sollen nun schon nach 5 Millisekunden statt wie bisher 6,4 Millisekunden ihre Auftragsbestätigung erhalten. Ob das die stark rückläufigen Umsätze auf Xetra wiederbelebt bleibt zu bezweifeln.
Stattdessen müsste die Börse daran interessiert sein, neue potenzielle Anlegerschichten zu erschließen und dafür stärkere politische Lobbyarbeit zu betreiben. Doch wenn es um die Widereinführung der Börsenumsatzsteuer bleibt das Unternehmen stumm. Lieber setzt man auf die Wiedergewinnung abgewandter Kunden durch hohe Preiszugeständnisse. Eine aussichtsreiche Wachstumsperspektive ergibt sich dadurch aber nicht.
Kooperationen helfen nur begrenzt weiter
Darüber hinaus versucht das Unternehmen seit Jahren schon über den Ausbau von Kooperationen mit anderen Börsenplätzen und die Anbindung seines Handelssystems an osteuropäische und asiatische Börsen neuen Schwung in das sinkende Umsatzvolumen zu bringen. Die kürzlich verkündete Absicht die Börse Warschau übernehmen zu wollen gehört dazu. Die Schwierigkeit liegt aber in dem statischen Angebot. Bis neue Produkte angeboten werden, die auch preislich interessant sind, dauert es einfach zu lange.
Die sogenannten Exchange Trading Funds (ETF) sind dafür ein gutes Beispiel, denn in den USA und England handelt man damit schon seit über einem Jahrzehnt. Die Problematik ist damit klar umrissen: Das Unternehmen ist zwar privatwirtschaftlich ausgerichtet, handelt aber wie eine Behörde. Reformen werden zwar von oben verkündet, umgesetzt werden sie aber höchstens bis ins untere Management. Die Entwicklung ist deshalb nicht ganz unähnlich jener der Deutschen Telekom.
Man hat zwar das Problem eines dahinsiechenden Geschäftsmodells erkannt, sieht sich aber qua eigener verkrusteter Strukturen nicht in der Lage Abhilfe zu schaffen. Ein Familienunternehmen kann so noch eine Weile existieren, für ein börsennotiertes Unternehmen läuft in solchen Fällen hingegen die Sanduhr. Im Börsenbereich wird das Thema Information immer bedeutsamer. Servicedienstleistungen nur für institutionelle Investoren helfen deshalb nicht weiter. Betreibt die Börse nicht bald Lobbyarbeit auf breiter Front in eigener Sache und erschließt sich neue Kundengruppen, wird sie von alternativen, flexibleren Anbietern weiter in die Defensive gedrängt werden.
Seitwärtstrend setzt sich fort
Kaum bricht die Aktie der Deutschen Börse in eine Richtung aus, schon wird sie wieder von der Gegenseite unter Druck gesetzt. Das volatile Auf und Ab in dem Titel setzt zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Börsenjahr. Aktuell befindet sich die Aktie wieder auf dem Weg nach Süden, der Trendindikator MACD hat ein frisches Verkaufssignal generiert.
Aus zyklischer Sicht erscheint es so, dass sehr bald wieder mit einer größeren Gegenbewegung zu rechnen ist. In einer Seitwärtshandelsspanne zwischen 50 und 65 Euro lässt sich eine leicht aufwärts gerichtete Tendenz erkennen. Auch die steigende 200-Tage-Durchschnittslinie dürfte diesen Trend unterstützen. Fällt die Aktie in den nächsten Tagen nicht unter 50 Euro, sollte sie Monatsende wieder die 60-Euro-Marke sehen. Auf längere Sicht könnte sogar die Mindesterholung der seit Beginn der Baisse vollzogenen Abwärtswelle abgeschlossen werden. Nach der Fibonacci-Theorie befindet sich das Kursziel dann bei 70 Euro.
