Der Witz von den Wirtschaftswissenschaftlern
Justice Litle in Traders Daily
vom 1. April 2009, 12:00 Uhr
ENL5454
„Praktisch begabte Männer, die sich selbst für relativ frei von irgendwelchen intellektuellen Einflüssen halten, sind normalerweise die Sklaven irgendeines längst überholten Ökonomen."
- John Meynard Keynes
Es gibt einen alten Witz über Wirtschaftwissenschaftler, die mit einer verdunkelten Windschutzscheibe die Straße hinab brettern. Sie verlassen sich ausschließlich auf die Rückspiegel.
Die Analogie hat tiefe Wurzeln. Heute schauen wir nach vorn, wenn wir in die Zukunft blicken, aber die alten Griechen hatten eine andere Vorstellung von Zeit. Sie sahen sich selbst rückwärts durch die Zeit laufen. Sie waren sich deutlich bewusst, woher sie kamen, daher bot das Terrain der Vergangenheit die besten Ansatzpunkte für Vermutungen darüber, was als nächstes kommen würde.
Als Anleger und Trader schauen wir so gut wir können nach vorn, handeln in der Gegenwart und informieren uns in der Vergangenheit. Dann gehen wir kalkulierte Risiken ein, in der Hoffnung, richtig zu liegen. In einem gewissen Sinne laufen wir dabei wie die Griechen rückwärts, allerdings mit einem bedeutenden Vorteil: die überwältigende Tiefe und Weite unserer Vergangenheit. Mark Twain hat festgestellt, dass sich die Geschichte zwar nicht wiederholt, aber reimt. Vielleicht haben die begabten Investoren ja ein bisschen Poesie in ihren Seelen.
Aber was bedeutet es, wenn Keynes Recht hat? Können uns unsere Ansichten irgendwie nutzen, wenn wir eigentlich doch nur Sklaven eines toten Wirtschaftswissenschaftlers sind? Glücklicherweise hat Keynes keine Form von Gehirnkontrolle aus dem Grab im Sinn. Sein Punkt ist die erstaunliche Kraft von Ideen und Vorstellungen.
Besonders stark sind sie dann, wenn sie die Grundbausteine unserer Vermutungen werden. Damit können sie unsere Wahrnehmungen lenken, wenn es um wirklich wichtige Dinge geht. Gleichzeitig werden sie im Allgemeinen als Gemeinplätzen und es wird ihnen nicht viel Beachtung geschenkt.
Viele dieser Schlüsselkonzepte sind unsichtbar, schlau verwoben in unsere Überzeugungen. Sie verstecken sich direkt vor unseren Augen, so wie Poes entwendeter Brief. Die meisten von uns neigen nicht bewusst zu ihren Kernthesen. Ebenso wie bei den Fundamenten verlassen wir uns auf sie, ohne sie je genauer betrachtet zu haben.
Ohne ein stabiles Fundament wird jedoch kein Haus - und in diesem Fall auch kein Investmentportfolio - über die Zeit bestehen. Ein schlechtes Fundament taugt nicht als Grundlage, auf der man Reichtum aufbaut und wacklige Rohbauten laden zum Zusammenbruch ein.
Je flüchtiger und gefährlicher die Dinge werden, desto wichtiger wird das Fundament. Wenn die Sonne scheint und der Himmel blau ist, dann sind Mängel nicht sehr kostspielig, wenn aber das Wasser peitscht und der Wind aus allen Richtungen bläst, dann bedeutet strukturell Unversehrtheit einen echten Vorteil.