Der Weg des Schmerzes
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 10. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5462
Erst einmal zu Gold: Ich mache mir etwas Sorge um Gold. Gerüchten zufolge wollen institutionelle Adressen den Goldpreis drücken. So war nun zu lesen, dass der Bedarf an Gold den aktuellen Goldpreis nicht widerspiegelt. Mit anderen Worten: Es gäbe zu viel Gold bei zu wenig Abnehmern. Ich kann diese These und deren Auswirkung im Moment nicht wirklich einschätzen, weiß jedoch, dass dieser Faktor nur zum Teil für die Höhe des Goldpreises verantwortlich ist. Doch für einige Rohstoffhändler hat es ausgereicht: Der Goldpreis sinkt heute deutlich. Es wird letztlich darauf ankommen, wie sich die aktuelle Rallye weiter entwickelt. Da jedoch der Goldpreis unter diesen Gerüchten leidet, kann ich Ihnen nur raten, sichern Sie Ihre Gewinne durch Stopps, die immer noch deutlich im Gewinn liegen. Charttechnisch wäre mittlerweile ein Bruch der 350 Dollar als kritisch anzusehen. Sollte jedoch die aktuelle Rallye an den internationalen Aktienindizes wegbrechen, dann wird Gold (was auch immer jemand da erzählen mag) wieder weiter steigen. Die Charts der Aktien-Indizes, die Indikatoren, schreien geradezu nach einer längeren Konsolidierung. Aber noch denken die Amerikaner nicht daran, Gewinne mitzunehmen. Sie sind derart überzeugt von weiter steigenden Kursen, dass auch in den letzen beiden Tagen, trotz dieser mehr als deutlichen Verkaufssignale, nur mäßiger Verkaufsdruck aufkam.
Natürlich, noch sind die charttechnischen Marken, an denen der eingefleischte Bulle nervös werden wird, weit genug entfernt. Noch schwitzt keiner der Bullen und viele zählen ihr (noch nicht realisiertes) Geld und haben Dollarzeichen in den Augen. Okay, es ist etwas eng auf der Bullenkoppel und die Eintrittspreise liegen mittlerweile im Bereich des Wuchers, aber egal. Da wird schon einmal in Anbetracht der (nicht realisierten) Gewinne alles möglich angeschafft und eingekauft. Ein gefährliches Unterfangen. Sie kennen meine Ansicht: Der Markt geht den Weg, der für die meisten Marktteilnehmer der Weg des größten Schmerz sein wird.
Aktuell sind es die antizyklisch denkenden Bären, die leiden. Sie sind in den vorigen beiden Handelstagen in den Markt eingestiegen, weil sie wussten, dass die Märkte extrem überkauft sind. Weil Sie die Umkehrsignale erkannt haben und weil ihnen klar war, dass es nun ein guter Zeitpunkt ist, auf fallende Kurse zu setzen. Es gibt immer wieder diesen gefährlichen Antrieb, genau das Hoch oder das Tief zu erwischen. Aber was macht der Dax? Na, er quält die Bären noch ein bisschen und treibt noch ein paar Bullen in den Markt. Nein, so schnell stirbt eine solche Rallye nicht.
Denn stellen Sie sich vor, Sie sind bereits einige Prozente im Gewinn. Alles um sie herum redet von weiter steigenden Kursen ... Sie sind sich sicher, die Jahrhundert-Baisse (die schlimmste aber auch erste in diesem Jahrhundert) ist endlich vorbei. Wann würden SIE Ihre Hoffnung, Ihren Optimismus zu Grabe tragen? Dann, wenn es anfängt, weh zu tun? Wenn entweder aus den großen Gewinnen kleine geworden sind, oder Sie bereits im Minus gelandet sind? Aber vielleicht würden Sie dann auch erst recht nachkaufen? Es wird also etwas dauern, das Vertrauen der amerikanischen Anleger zu erschüttern. Bis dahin sind die Bären willkommene Opfer. Es ist im Moment noch einfacher, den Markt nach oben als nach unten zu treiben.
Das konnten Sie heute morgen deutlich im Dax erkennen. Da wurde der Dax über den Future gezogen. Die vorbörslichen Kurse zeigten zunächst Kursgewinne an. Doch offenbar waren viele Anleger ganz anderer Ansicht. Der Dax startete zunächst bei 3067 Punkte deutlich im Minus. Danach wurde er wieder um mehr als 80 Punkte auf 3149 nach oben gezogen. Doch auch die amerikanischen Anleger enttäuschten, so dass er wieder deutlich wegbrach. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Aber das "miese" Spiel geht auch an anderer Stelle weiter. Letztens war es das bekannte Hypovereinsbank/Commerzbankgerücht, dass Aktien trieb. Aktuell ist es die Allianz, die sich endlich ihrer Sorgentochter Dresdner Bank entledigen können soll. Gerüchten zufolge soll die Banc of America Interesse an der Dresdner Bank haben. Natürlich kommentierte die Allianz diese Gerüchte nicht. Natürlich kann auch etwas dran sein. Aber ich sagte Ihnen ja, solche Gerüchte bewegen den Markt gerne in Topbildungsphasen oder wenn jemand aus anderen Gründen noch gut aus einer Aktie herauskommen will.
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