Der Untergang der alten Weltordnung
Investors Daily
vom 23. Oktober 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es weit verbreitete Bedenken in Europa über den Untergang des Westens. Viele Beobachter dachten, dass die europäische Vormachtstellung im Bereich der Produktion nur ein temporärer Vorteil sein würde, dass Europa unter einer langfristigen sozialen Dekadenz leiden würde und dass Asien alleine schon wegen der Zahl der Bewohner zum dominierenden Kontinent werden würde.
Diese Ansicht war besonders in Deutschland weit verbreitet, wo sie sich nicht nur auf die massive Bevölkerung von Indien und China bezog, sondern auch auf Russland – das asiatische Land, das bereits eine europäische Präsenz hatte. Zumindest einige der kaiserlichen Berater dachen zu Beginn des Ersten Weltkriegs, dass sie einen Präventivkrieg gegen Russland führen müssten. Ihre Denkweise: Wenn sie Russland nicht zerstören würden, so lange sie es noch könnten, dann würde Russland für sie einfach zu stark werden.
Die meisten Europäer hatten gegenüber den Asiaten auch rassistische Ansichten, und – wie immer beim Rassismus – wurde Furcht vermixt mit dem Gefühl der rassischen Überlegenheit. 1914 fürchtete jeder diejenigen, die östlich von ihm lebten. Die Russen fürchteten die "mongolischen Horden" und die Japaner, die Russland im Jahr 1905 schon einmal besiegt hatten. Das war übrigens das erste Mal, dass eine asiatische Macht zeigte, dass sie einer europäischen Macht technologisch überlegen war. Man muss zugeben, dass die russische Marine 1905 überraschend inkompetent war. Auf dem Weg nach Japan beschoss sie auf der Dogger Bank ein paar britische Fischtrawler, bevor sie dann von den Japanern bei Port Arthur in China versenkt wurde.
Die Deutschen und die Bewohner von Österreich-Ungarn fürchteten die slawischen Bevölkerungen Russlands und des Balkans. Diese Furcht führte dazu, dass die Österreich-Ungarn 1914 Serbien zerquetschen wollten. Die Franzosen und Briten wiederum fürchteten die Deutschen. Nur die Amerikaner waren jenseits des Atlantiks zu weit entfernt, um irgendjemand besonders zu fürchten.
Wir wissen alle, dass Asien im 20. Jahrhundert nicht die Welt dominiert hat. Es gab einen Rückgang im Westen, weil in Europa zwei Weltkriege begannen und Europa insgesamt beide Male ein Opfer dieser Kriege wurde. Aber die aufstrebende Macht wurde nicht Asien, sondern die USA, die nach dem zweiten Weltkrieg die führende Weltmacht wurden. Sie ersetzten das britische Imperium, und sie waren bereits früher die führende technologische Macht geworden. Von den Hochhäusern über die Elektrizität bis hin zum Automobil.
In den letzten rund 250 Jahren scheint es fast eine kontinuierliche Periode der Dominanz der Englisch sprechenden Welt gegeben zu haben. Seit dem Siebenjährigen Krieg, in dem Frankreich Kanada und Indien verlor und es nicht schaffte, die aufstrebende Machte Russland unter Peter dem Großen aufzuhalten. Die britische Periode dauerte von 1759 bis 1914 – trotz des Abfalls der nordamerikanischen Kolonien im Jahr 1776. Zwischen 1914 und 1945 übernahmen die USA den Stab von den Briten, und seit 1945 hatten sie ihn fest in der Hand.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es Asien offensichtlich nicht geschafft, vom Rückgang der Macht Europas profitieren zu können. Zwischen 1945 und heute hat sich Europa in gewissem Maße wieder erholt, aber es gibt absolut keine Anzeichen dafür, dass Europa seine relative Position des Jahres 1900 wiedererlangen könnte. Die EU ist eine große Volkswirtschaft, aber sie hat hohe Kosten, mittelmäßige Technologie – der größte Teil der europäischen Exporte sind Produkte, die vor 1900 erfunden worden waren – und eine sehr begrenzte Verteidigungskapazität. Und Asien hat sich – wie Europa – unter der Sicherheit des US-Verteidigungsschirms entwickelt.
Russland hat gezeigt, dass das kommunistische Modell in Friedenszeiten weder wettbewerbsfähig noch wirtschaftlich verlässlich war – obwohl es im Zweiten Weltkrieg ziemlich effizient war. China hat den gleichen Fehler gemacht. Die japanische Invasion hat China eine Generation Entwicklung gekostet, und der Sieg von Mao und der Kommunistischen Revolution noch eine Generation. China ist immer noch 50 Jahre hinter der Entwicklung, die es genommen hätte, wenn diese Entwicklung nicht unterbrochen worden wäre.
Japans großer Fehler war Pearl Harbour, und das hat die japanische Entwicklung – die vor 1900 den Chinesen weit voraus war – um eine Generation zurückgeworfen. Aus diesen Gründen konnten die größeren asiatischen Mächte keinen Vorteil aus der Selbstzerstörung Europas in zwei Weltkriegen ziehen.
Aber sowohl die Demographie als auch die Arithmetik sind auf der Seite Asiens – wie es immer schon war. China, Indien, Russland und Japan haben zusammen ungefähr 2,6 Milliarden Einwohner – knapp die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung. Die EU, die USA, Kanada und Mexiko kommen zusammen auf weniger als eine Milliarde. Die europäische Bevölkerung ist relativ alt, die Geburtsraten sind in Europa extrem tief. Das sind Faktoren des Rückgangs.
Der Bildungsstand der besten Studenten in den asiatischen Ländern ist extreme hoch. China hat immer daran geglaubt, dass eine Elite ausgebildet werden muss – im alten China war das die Klasse der Mandarine –, und diese Politik wird wieder verfolgt. Die chinesischen Studenten sind privilegiert, gut erzogen und sehr motiviert. Ähnlich ist es in anderen asiatischen Ländern, was man besonders in einigen kleinen Ländern wie Singapur sieht. Alle vier der großen asiatischen Länder haben eine substanzielle Mittelschicht entwickelt, die an Zahl zunimmt. Und in China wird die kommunistische Partei nur so lange an der Macht bleiben können, wie sie die Bedürfnisse der Leute erfüllen kann.
Die nächsten 50 Jahre werden einen großen Fortschritt Asiens sehen, außer diese Entwicklung wird durch politische Ereignisse, Krieg oder andere Katastrophen unterbrochen. 2050 wird die chinesische Wirtschaft die Größe der US-Wirtschaft erreicht haben. Japan, eine entwickelte Volkswirtschaft, ist der große externe Investor in der Entwicklung der chinesischen Industrie. Die chinesische Volkswirtschaft wird ungefähr doppelt so schnell wie die amerikanische wachsen. Indien wird länger brauchen, aber ist bereits jetzt ein großer Exporteur von IT-Dienstleistungen.
Innerhalb Asiens wird das Wachstumspotenzial wahrscheinlich von China angeführt werden, mit Indien an zweiter Stelle und Russland und Japan auf Platz drei. Im globalen Wettbewerb wird Asien an erster Stelle stehen, die USA an zweiter und Europa an dritter.
Solange Europa keinen Weg finden kann, wettbewerbsfähiger zu werden – was auf dem Kontinent sehr schwierig ist – werden die europäischen Lebensstandards unter hohen Kosten, Regulierungen und einer alternden Bevölkerung leiden. Asien ist eine große Region der Investmentmöglichkeiten. Und die USA werden wahrscheinlich die technologische und militärische Führung behalten.