Der Tag des Waffenstillstands
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 12. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Im August 1914 zogen Millionen junger Männer Uniformen an. Diese Männer wurden dann überall in europäischen Städten in Züge gesetzt und an die Front gefahren. Zu Hause rollten die Mütter, Väter und Kneipenbesitzer Karten aus, auf denen sie den Fortschritt der Männer und Jungs, die sie liebten, verfolgen konnten ... und sie konnten mit ihren Fingern den Ruhm und den Ernst des Krieges verfolgen.
Ich habe eine dieser alten Karten gefunden ... auf der die Front des Jahres 1916 dargestellt war ... zusammengerollt auf dem Dachboden unseres Hauses in Frankreich. Ich habe mir diese Karte angesehen und mich gefragt, was sich die Leute gedacht haben ... und wie entsetzt sie über die Ereignisse gewesen sein müssen.
Der Erste Weltkrieg war ein Krieg, der anders war als die Kriege, die die Welt vorher gesehen hatte. Alte Generäle ... sahen sich den Amerikanischen Bürgerkrieg und den Deutsch-Französischen Krieg von 1870 an, um Hinweise zu erhalten, wie der neue Krieg ablaufen könnte. Das war eine neue Ära der Kriegsführung.
Die Leute waren mit dem neuen Zeitalter der Maschinen schon vertraut. Sie hatten es kommen gesehen, sich entwickeln, eine lange Zeit lang. Sie hatten auch ihre Sprache verändert, um zu reflektieren, dass sie verstanden hatten, wie die Dinge funktionieren. "Unter Dampf stehen", "auf dem richtigen Gleis sein", und so weiter waren neue Begriffe, die damals entstanden. Diese neuen Metaphern hätte vor dem Industriellen Zeitalter niemand verstanden. Die neue Technologie hatte die Art, wie die Leute dachten, geändert ... und die Art, wie sie sprachen.
Der Erste Weltkrieg zeigte der Welt, dass das neue Paradigma eine tödliche Kraft hinter sich hatte, die niemand erwartet hatte.
Zu Beginn des Krieges folgten die deutschen Truppen dem sogenannten Schlieffen-Plan. Sie rückten durch das neutrale Belgien nach Nordfrankreich ein und trieben die französische Armee vor sich her. Bald zogen sich die Franzosen an den Fluss Marne bei Paris zurück. Und es sah so aus, als ob die Deutschen bald siegen würden.
Die deutschen Generäle glaubten, dass die französische Kampfkraft gebrochen sei. Deshalb wich General von Kluck vom Plan ab; statt Paris zu nehmen, entschied er sich dazu, die französische Armee zu verfolgen, die sich in die Nähe der Stadt zurückzog, weil er hoffte, diese Armee komplett vernichten zu können.
Aber es gab etwas Ungewöhnliches ... es wurden kaum französische Soldaten gefangen genommen. Eine Armee, die zusammenbricht, verliert normalerweise jede Menge Kriegsgefangene.
Es zeigte sich, dass die französische Armee doch nicht geschlagen worden war. Sie zog sich in guter Ordnung zurück. Und als der alte französische General Galieni sah, was passierte ... nämlich dass sich die deutschen Truppen von Paris wegbewegten ... da sprach er seine berühmten Worte: "Sie bieten uns ihre Flanke an."
Galieni griff an. Die Deutschen wurden zurückgeschlagen und der Krieg wurde zum Schützengraben-Alptraum von Maschinengewehren, Senfgas, Stacheldraht und Artillerie. Jeden Tag brachte die britische "Times" eine Liste mit den britischen Verlusten. Als die Generäle in London ihre Angriffsbefehle gaben ... wurde die Liste länger. Während der Schlacht an der Somme bestand diese Liste Tag für Tag aus mehreren Seiten, voll mit Namen.
Als die USA in den Krieg eintraten, lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines Soldaten an der Front bei nur 21 Tagen.
Nach und nach bekamen die Leute zu Hause das mit ... durch Telegramme ... Briefe. Die Kirchenglocken läuteten. Die schwarzen Kleider der Hinterbliebenen. Und nach und nach wurden die Karten wieder eingerollt. Die Finger vergaßen die Karten, und jetzt hielten sie nervös Kreuze und Zigaretten. Es gab keinen Ruhm mehr ... nur noch Tränen.
In den kleinen französischen Dörfern gab es kaum eine Familie, die nicht betroffen war. Die Namen auf den Denkmälern in den Dörfern ... auf denen steht "Nos Heros ... Mort Pour La France" enthalten fast alle Namen der Familien im Dorf. So auch in unserem Dorf: Fast alle Namen, die ich kenne, sind enthalten – Bremeau, Brule, Lardeau, Moreau, Moliere, Demazeau, Thollet ... die Liste geht noch weiter. Es gab einen "Bullenmarkt des Todes", der erst am 11. November 1918 endete ... um 11 Uhr.
In den Jahren danach läuteten in Frankreich immer am 11. November um 11 Uhr die Glocken, und selbst in den USA standen die Leute dann für einen Moment still ... und sie erinnerten sich an den schrecklichen Blutzoll der vier Kriegsjahre. Aber jetzt ist das fast vergessen.
Wir haben jetzt neue Paradigmen. Und einen neuen Krieg. Die neue Technologie hat wieder unsere Sprache geändert ... und sie hat die Welt geändert, in der wir leben. Wie damals die Eisenbahnen das auch getan hatten. Wir denken anders, und wir nutzen neue Metaphern, um zu verstehen, wie die Welt funktioniert.
Wir sind von der neuen Technologie fasziniert ... wir glauben, dass sie uns helfen wird, Kriege zu gewinnen, mit nur sehr geringen Verlusten. Und wir glauben, dass diese neuen Technologien neuen Reichtum schaffen werden ... und eine Lebensqualität, die vorher nicht möglich war.
Ich habe gestern um 11 Uhr eine Schweigeminute eingelegt.
P.S.: Die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs sind noch sehr, sehr lange zu spüren gewesen. In den 1980ern machte mein Vater eine kleine Erbschaft von einem "Onkel Albert". Ich erinnere mich daran, dass mein Vater sagte: "Onkel Albert? Wer ist das denn?" Dieser Mann war aber tatsächlich ein Onkel meines Vaters, aber er war seit vielen Jahren vergessen. Er war ein Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen, und dort hatte er durch eine explodierende Bombe eine Gehirnverletzung erlitten ... von der er sich niemals erholte. Er verbrachte sein gesamtes Erwachsenenleben in einem Militärkrankenhaus.