Der Tag der Entscheidung?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 14. Februar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Als "Tag der Entscheidung" wird der heutige Tag vielfach tituliert. Aber ist er es wirklich? Nein, eine wirkliche Entscheidung wird wahrscheinlich frühestens im Laufe der nächsten Woche getroffen. Ganz sicher könne Sie sich jedoch erst sein, wenn entweder die Bomben fallen oder die Amerikaner abziehen. Im Moment wird davon ausgegangen, dass die UN-Inspektoren dem Irak weiterhin mangelnde Kooperation vorwerfen aber keine grundlegende Verletzung der Resolution erkennen können. Blix hatte noch vor wenigen Tagen gesagt, dass der Irak nun kooperiere. Dieses Bild scheint sich jetzt doch wieder mehr zum Negativen gewendet zu haben.
Erneut hat der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed al-Baradei, Bagdad mit Nachdruck aufgefordert, enger zusammenzuarbeiten. Aus UN-Kreisen war derweil zu hören, dass es im Moment nicht mehr darum gehe, ob der Irak kooperiere oder nicht, sondern ob es noch Sinn mache die Inspektionen fortzuführen. Sollte die UN sich dagegen entscheiden, wäre ein Krieg unvermeidlich. Davon ist aber im Moment wohl eher nicht auszugehen. Am Wochenende wollen die USA und Großbritannien eine Resolution vorlegen, die eine Militäraktion billigen würde. Aber auch hier ist im Moment nicht davon auszugehen, dass eine solche Resolution angenommen wird. Russland, China und Frankreich wollen die Inspektionen weiterführen. Eins bleibt klar, der Krieg wird kommen, ob mit oder ohne UN.
Unterdessen hat Österreich dem amerikanischen Militär die Durchfahrts- und Überflugsrechte entzogen. Das gelte so lange, bis es keine neue UN-Resolution gibt. Erst danach werde die Lage neu beurteilt werden. Wenig erfreut zeigte sich daraufhin natürlich Donald Rumsfeld: Es käme dadurch zu einer Verzögerung der Truppenverlegung.
Derweil formieren sich überall auf der Welt die Kriegsgegner. So kam es in Australien zu einer Antikriegsdemonstration, bei der sich 150.000 Menschen beteiligten. Das ist die größte Friedensdemonstration seit dem Vietnamkrieg. In weiteren 600 Städten weltweit soll es in diesen Tagen zu Protesten kommen. Dazu werden insgesamt mehrer Millionen Menschen erwartet.
Kurz nach Amerika: Heute morgen höre ich auf N-TV endlich auch die Befürchtung, dass die Immobilienblase in Amerika platzen könne. Ich denke mal, wenn es schon im deutschen Fernsehen kommt, dann dürfte es langsam so weit sein. Als Leser des Investors's Daily haben sie dazu bereits seit November letzten Jahres immer wieder warnenden Worte von Bill Bonner gelesen.
Der Dax kämpft mit seinem Vorjahrestief. Die "2519 Punkte" ist mittlerweile in aller Munde. Hält sie, oder hält sie nicht? Sie wissen, ich mag es nicht, wenn "alle" auf ein Ereignis warten. Zu sehr könnten Institutionelle davon profitieren, den Markt nur kurz unter die 2519 Punkte zu drücken um dort ihre Short-Positionen loszuwerden. Und zwar an die Anleger, die in diesem Bereich ihre Stopps gesetzt haben. Vieles wird dabei davon abhängen, welche Richtung die heutige UN-Konferenz einschlägt. Es ist sehr schwer abzuschätzen auf welche Entscheidung wie reagiert wird. Lassen Sie sich durch einen kurzfristige Bruch nicht verwirren. Es muss schon zu einem nachhaltigen UNterschreiten kommen. Entscheidendes Kriterium ist eine zunehmender Dynamik unter zunehmendem Volumen. Unter diesen Voraussetzungen sehen wir die 2300 Pkt im Dax.
Aber abwarten und zuschauen. Ich möchte noch einmal betonen, wir sind mitten im Hochpunkt politischer Börsen. Der Aktienmarkt gleicht im Moment eher einem Roulette-Tisch, der zudem noch auf einem Schiff steht, welches sich durch ein Sturmtief kämpft. Zu viele verschiedene Einflüsse reißen an der Stimmung, den Börsen, dem Gold, dem Öl, den Daten, der Politik ... Nein, keine gute Zeit für Anleger ...