Der süße Geschmack der Inflation
unserem Korrespondenten Eric Fry in Manhattan in Investors Daily
vom 20. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
In den USA sind die Konsumentenpreise letzten Monat um 0,3 % gestiegen (Kernrate, ohne Energiepreise) – was ein recht deutlicher Preisanstieg war und für eine Inflation spricht ...
Ahhhh! ... Wie süß das ist! ... Dieser erste leckere Geschmack eines neuen inflationären Trends! Wie die meisten Süßigkeiten ist auch eine Inflation nicht gesund. Aber für den Moment ... hm ... ist sie sehr erfreulich – zumindest glauben das die meisten Marktteilnehmer momentan. Die Inflation ist willkommen, da sie – im Gegensatz zur puritanischen Deflation – die Schuldenrückzahlungen leichter macht, die Immobilienpreise anfeuert und ebenso die Unternehmensgewinne. Sie ist nur Freude und kein Schmerz ... so irgendwie.
Der Schmerz kommt ein bisschen später – natürlich – wenn ein Dollar weniger Waren und Dienstleistungen kauft, als er es heute tut. Und wenn die Ersparnisse "weginflationiert" werden, also deutlich weniger wert sein werden, als die Sparer der Nation antizipiert hatten. Aber die Aktienkäufer machen sich darüber keine Sorgen. Sie vertrauen dem Fed-Vorsitzenden Greenspan, der ihnen sagt, dass Inflation eine gute Sache sei, und dass man die böse Deflation um jeden Preis vernichten müsse.
Die Kleinanleger machten sich derzeit überhaupt nicht viele Sorgen – sie machen sich nur Sorgen darüber, dass sie vielleicht keine Aktien besitzen. Als Resultat davon ist die "Nach-Spekulationsblase" am Aktienmarkt vor unseren Augen immer größer geworden. Wie ihr Vorgänger, die epische Spekulationsblase der 1990er, hat diese aktuelle Spekulationsblase mehr Spekulation als Substanz ... vernachlässigenswertes Ertragswachstum und hohe Bewertungen sind keine gute fundamentale Voraussetzung für steigende Aktienkurse.
Und wie ihr Vorgänger wird diese "Nach-Spekulationsblase" durch die Fed-Politik des leichten Geldes angeheizt. Die implizite "Drohung", dass man am Geldmarkt nur 1 % Rendite erhält, drängt die Investoren geradezu in riskantere Anlageformen, wie lang laufende Anleihen und Blue Chips am Aktienmarkt. Die Fed-inspirierte Kasino-Mentalität hat den Aktienmarkt von einem ZIEMLICH teuren Niveau auf ein SEHR teures Niveau hochschnellen lassen.
Der Nasdaq-Composite ist in diesem Jahr schon um 25 % gestiegen – das sind aufs Jahr hochgerechnet 56 % Plus. "Negative reale Zinssätze dränge die Investoren in höhere Risikoklassen", so Mister Belkin, Herausgeber des "Belkin Report". "Am amerikanischen Geldmarkt erhält man derzeit nur rund 1 %. Die amerikanische Konsumentenpreisinflation ist mehr als doppelt so hoch. Das ist ein kraftvoller Anreiz, um sein Kapital in höherverzinslichen Anleihen (Anleihen mit größerem Ausfallrisiko) und Lottoscheinen (Nasdaq-Aktien) anzulegen. Wenn ich mich skeptisch anhöre, dann ist das korrekt ... ich stimme nicht mit der Politik der Fed überein ( ...), aber wenn die Fed die Investoren aus dem Risikospektrum drängen will und eine neue Mini-Spekulationsblase schaffen will, dann hat sie sicherlich die Kraft dazu."
Die "Kraft" der Fed ist natürlich nicht mehr als die kollektive öffentliche Bereitschaft, teure Aktien zu kaufen. Wenn die Investoren nicht bedingungslos an die "langfristige" Anlage in Aktien glauben würden, dann hätte die Fed keine Kraft, eine Spekulationsblase anzuheizen. Aber derzeit kann die Fed das – und tut es auch. Genau jetzt. Allerdings könnte der Spekulationsblase bei den Technologieaktien bald die Luft ausgehen.
"Trotz der zuletzt guten Zeiten, ist die Situation für die Technologie-Bullen fürchterlich", schreibt Fred Hickey, Herausgeber des "High Tech Strategist". Die Kabel und Leitungen, die diese monströs überbewerteten Hightech-Aktien auf dem hohen Niveau gehalten haben, brechen. Wenn es klar wird, dass die erhoffte wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr nicht eintreten wird, und dass der Ertragssprung im zweien Halbjahr ein Traum bleiben wird, dann wird es Panik unter den Bullen-Investoren geben, die am Ende viele von ihnen ruinieren wird ... dann werden wir von Wunschdenken gesteuerte Kommentare über den gescheiterten Bullenmarkt für Technologieaktien hören, der Art: "Wenn die Kurse doch nur wieder auf mein Einstandsniveau steigen würden."
Diese "Nach-Spekualationsblase" ist genau so verletzlich wie ihr Vorgänger gegenüber der Nadel der wirtschaftlichen Realität. Wie die epische Spekulationsblase der 1990er wird auch diese aktuelle Spekulationsblase für viele Investoren schlecht enden – so meine Befürchtung. Warum nehmen die Investoren nicht einfach die Gewinne mit und nehmen sich den Sommer über Urlaub?