Der Sturm auf die Bastille
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 15. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
"Vive la revolution!"
Nur ein Amerikaner würde das am 14. Juli in Frankreich sagen. Der 14. Juli ist der französische Nationalfeiertag – der Tag, an dem die französische Revolution mit dem Sturm auf die Bastille begann. Als ich bei unserem gestrigen Picknick eben "Vive la revolution!" ausrief, schauten die Franzosen in unserer Runde zuerst verwirrt, dann amüsiert. Jeder in Frankreich feiert den 14. Juli. Aber niemand will eine Rückkehr der Revolution.
"Oh ... es gab gute und schlechte Dinge durch die Revolution", sagte mir ein Freund letzten Sonntag. Als ich ihn nach den guten Dingen fragte, konnte er mir keine nennen.
Ich frage mich von Zeit zu Zeit, wie das alles ausgehen wird – ich meine damit den großen Bärenmarkt und die lange, softe, langsame Depression, die in den USA begonnen zu haben scheint. Was passiert, wenn große Leute sich in ein großes Durcheinander bringen?
Die französische Revolution war ein fürchterliches Durcheinander. Im 18. Jahrhundert war Frankreich die größte Macht in Europa geworden, das reichste und bevölkerungsreichste Land der westlichen Welt, und der klare Anführer, wenn es um Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Bildung, Küche, Mode, Architektur ging ... und natürlich um Weinanbau. In Frankreich lebten die reichsten Leute der Welt, die schönsten Frauen, und es gab dort Champagner. Frankreich hatte auch die begabtesten Volkswirte – die Physiokraten –, von denen Adam Smith sich zu einen seiner besten Ideen inspirieren ließ.
Eine Meinungsumfrage, die man in den frühen 1780ern durchgeführt hatte, hätte wahrscheinlich gezeigt, dass die Franzosen extrem optimistisch und zuversichtlich waren. Und warum auch nicht? Die letzte größere Finanzkrise – die durch die Mississippi-Spekulationsblase von John Law verursacht worden war – war mehr als 60 Jahre vorher geplatzt. Und hatte die Welt schon jemals etwas gesehen, das an den Glanz von Versailles herangereicht hätte?
Aber 1789 ging der Pariser Mob auf die Straße und änderte den Lauf der Geschichte. Der Mob stürzte einen absoluten Monarchen, der begrenzte Macht hatte, und schuf eine Republik, die keine durch den gesunden Menschenverstand begründeten Begrenzungen hatte.
Die Revolution begann am 14. Juli 1789 mit dem Sturm auf das alte Gefängnis, die Bastille, da diese als Emblem des alten Regimes angesehen wurde. Das Gefängnis wurde vom Pariser Mob gestürmt, der die Wachen als Geisel nahm (mit dem Versprechen, dass ihnen nichts passieren würde, wenn sie ihre Waffen niederlegen würden) und eine Handvoll Geisteskranker befreite. Dann zerstückelte der Mob die unbewaffneten Wächter, und sie zogen mit deren Körperteilen auf den Piken durch die Stadt. Nicht lange danach kam das "Gesetz der Laternenpfosten" auf: Aristokraten, Vorstandsvorsitzende, höhere Beamte und Offiziere wurden an den nächsten Straßenlaternen aufgeknüpft. Der Marquis de Lafayette, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sehr erfolgreich auf der Seite der Amerikaner gekämpft hatte, versuchte bei der Nationalgarde die Ordnung zu erhalten.
Lafayette sollte Louis XVI. beschützen, als der Mob dessen Palast in Versailles am 4. Oktober 1789 angriff. Ein paar aufgebrachte Frauen brachen in den Palast ein und versuchen, Marie-Antoinette zu töten, die ins Schlafzimmer ihres Mannes floh. Die Angreifer schreckten davor zurück, dort einzudringen. Sie mögen daran gezweifelt haben, dass es Gott selbst war, der Louis XVI. auf den Thron gesetzt hatte (die Monarchen beriefen sich damals auf das "Gottesgnadentum") ... vielleicht würde es Gott nicht stören, wenn sie diesen Bourbonen-König stürzen würden; aber die Frauen entschieden sich, es nicht darauf ankommen zu lassen.
Lafayette intervenierte, und er sagte der Menge, dass er die sichere Rückkehr des Königs nach Paris sicherstellen würde – wo der König der Gnade der radikalen neuen Regierung ausgeliefert werden würde. Ein paar Jahre später gingen Louis und seine Familie aufs Schafott ... wie Tausende andere. Frankreich war bald mit fast allen seinen Nachbarn im Krieg – und mit der Vendée, einer französischen Region im Westen des Landes, die gegen die Revolution war. Das Kircheneigentum wurde konfisziert, eine neue Papierwährung – der Assignat – wurde geschaffen, und dann durch eine Inflation zerstört.
Der Alan Greenspan des späten 18. Jahrhunderts hieß Jacques Necker. Es war Necker, der 1776 den französischen Finanzminister Jacques Turgot ersetzte, der eine Politik des "laissez-faire" verfolgt hatte.
Die Freihandelspolitik von Turgot war für alle gut – aber für niemanden besonders. Turgot löste das Gildensystem auf, er eliminierte die Fronarbeit, er führte eine Grundsteuer ein und war gegen alle wirtschaftlichen Privilegien, die auf Kosten der Allgemeinheit gingen. Er machte sich Marie Antoinette zur Feindin, indem er ihr wirtschaftliche Privilegien verweigerte. Schließlich schaffte es Turgot, sich in fast jeder Klasse Feinde zu machen. Louis XVI., der eigentlich für das Allgemeinwohl zuständig war, hatte nicht die Kraft, sich für Turgot einzusetzen.
Turgot hatte sogar eine prophetische Intuition und einen Blick auf die Geschichte, der ähnlich meinem eigenen ist. Er bemerkte, dass auf Perioden des zivilisierten Fortschritts Perioden der Barbarei und der Verrücktheit folgen. Als er 1776 entlassen wurde, warnte er Louis XVI.: "Vergessen Sie nicht, dass es Schwäche war, die den Kopf von Karl II. (englischer König, der geköpft wurde) auf den Block legte."
Der neue Finanzminister Necker machte sich keine Feinde. Sein Programm war das genaue Gegenteil des Programms von Turgot; er gab bestimmten Gruppen Privilegien, die auf Kosten der Allgemeinheit gingen. Anstatt die Staatsausgaben durch Steuereinnahmen zu decken, verschuldete sich Necker – er nahm kurzfristige Kredite zu hohen Zinsen auf, die den Staat nah an die Zahlungsfähigkeit brachten. Dann machte Necker Buchungstricksereien, die zeigten, dass der Staat eigentlich einen Überschuss erwirtschaftete! Den Leuten gefiel das.
Nachdem er das erste Mal 1781 entlassen worden war, wurde Necker unmittelbar vor Ausbruch der Revolution im Jahr 1788 noch einmal ins Amt gerufen, für eine weitere Dosis seiner finanziellen Magie. Aber es war zu spät. Die alten Wunder-Elixiere – mehr Schulden und getrickste Buchungen – funktionierten nicht mehr; der Staatsbankrott war unvermeidlich geworden. Die Aristokraten entließen ihn wieder – am 14. Juli 1789. Der Mob, der immer noch an ihn glaubte, war so enttäuscht ... das er Richtung Bastille loszog.