Der Sisyphus Kampf
Investors Daily
vom 03. September 2002 18:00 Uhr
ENL5462
Nein. Der Markt befindet sich weiterhin in einem Kampf, ähnlich dem von Sisyphus. Sie erinnern sich vielleicht an die Sage aus der griechischen Mythologie: Sisyphus war der König von Korinth, der von den Göttern zu einer dauernden, quälenden Arbeit verurteilt wurde. Er musste einen sehr schweren Felsen einen Hügel hinaufzurollen. Immer wenn er es geschafft hatte, rollte der Felsen wieder herunter, und Sisyphus musste von vorne beginnen.
Ganz ähnlich sieht es derzeit an der Wall Street aus – trotz weiterhin hoher Volatilität und hektischer Aktivität gibt es keine dauerhaften Gewinne. Jedes Mal, wenn die Spitze des Hügels erreicht ist, geht es wieder bergab. Es ist wirklich eine Qual für die Bullen. Für sie wäre es sicher einfacher zu ertragen, wenn der Markt einfach stagnieren bzw. leicht abbröckeln würde – aber nicht erst deutlich anziehen würde, um danach alles (und mehr) wieder abzugeben.
A propos ewige Qual: Alan Greenspan gab letzten Freitag in Jackson Hole/Wyoming eine weitere Kostprobe seiner quälend langweiligen Reden. Aber anders als sonst war die Botschaft von Greenspan deutlich – sehr deutlich – und eindeutig: Die Spekulationsblase war nicht sein Fehler.
Ja, genau.
"Geblubber", so nannte Jim Puplava von Financial Sense umgehend den Entschuldigungsversuch von Greenspan. "Laut der Fed," so Puplava, "können Spekulationsblasen nicht verhindert werden. Der Grund soll sein, dass steigende Zinsen – die eine Blase verhindern könnten – das Wirtschaftswachstum ruinieren würden. Oder, um mit den Worten von Alan Greenspan zu sprechen: "Es gibt keine risikoarme, günstige Möglichkeit der monetären Verknappung zur Auflösung von Spekulationsblasen."
In Greenspans Rede – die ein klassisches Beispiel für Geschichtsverdrehung ist – porträtiert sich der Vorsitzende der US-Zentralbank als einen betroffenen, aber hilflosen Beobachter der sich entwickelnden Spekulationsblase – der sich der destabilisierenden Folgen der Blase vollkommen bewusst war, aber einfach keine Mittel hatte, sie aufzuhalten, ohne die Volkwirtschaft ernsthaft zu schädigen. Das einzige Problem bei diesem Märchen ist die Tatsache, dass es – eben nur ein Märchen ist.
Die Warheit ist, dass sich auch Greenspan vom Hype der "Neuen Ära" hat anstecken lassen. Er glaubte an die Schlagworte der "New Economy" und fütterte die Spekulationsblase deshalb sogar aktiv – durch seine Politik des sehr leichten Geldes, die er fast die ganzen späten 90er Jahre über beibehielt. Durch in seinen Reden verwendete Wörter wie "Produktivitäts-Revolution" legitimierte er die Spekulationsblase mindestens indirekt. Dadurch, dass er eine Farce legitimierte, ermunterte er weitere Investoren, ihr Geld in absolut überbewertete Aktien zu stecken.
"Entwicklungen in Volkwirtschaften und Finanzmärkten zu verstehen, ist seit der Mitte der 90er Jahre besonders für Zentralbanken besonders herausfordernd gewesen," gibt Alan Greenspan zu. "Wir sind mit Kräften konfrontiert, die für uns völlig neu sind. Neben den Erfahrungen, die Japan gemacht hat, haben uns nur Geschichtsbücher und alte Archive Hinweise dafür gegeben, welche Politik wir machen sollten."
Alte Archive? Was sollte das bringen, die zu Hilfe zu ziehen? Vergessen Sie nicht, die Geschichte wiederholt sich niemals exakt. Was könnte Alan Greenspan deshalb gelernt haben aus den Fehlern seiner Vorgänger? Alte Archive würden sicher nutzlos gewesen sein, solange es um Produktivitätswunder der New Economy ging. Deshalb ignorierte Alan Greenspan ja auch die Lehren der Vergangenheit und ging daran, die Spekulationsblase weiter zu nähren.
"Als die Ereignisse ihren Lauf nahmen," so erinnert sich Greenspan, "realisierten wir, dass es trotz unserer Vorsicht sehr schwierig war, eine Spekulationsblase zu identifizieren – bis zu dem Zeitpunkt, als das Platzen der Blase uns von ihrer Existenz überzeugte."
Tja, vielleicht war ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von 243 an der Nasdaq am Jahresanfang 2000 nicht das erste Signal dafür, dass das Spekulations-Fieber im Aktienmarkt ein bisschen außer Kontrolle geraten war. Vielleicht, aber nur vielleicht, gab es schon in den vier Jahren zuvor ein oder zwei Hinweise darauf, dass sich eine riesige Spekulationsblase bilden würde.
"Die Ansicht, dass eine gut getimte Politik des knappen Geldes die Spekulationsblase der späten 90er verhindert hätte, ist nahezu sicher eine Illusion," so die Ansicht Greenspans.
Was sicher keine Illusion ist, ist die Tatsache, dass Greenspans gut getimte Politik des LEICHTEN Geldes während fast der gesamten späten 90er die Spekulationsblase noch gut gefüttert hat – die selbe Blase, die ihm angeblich soviel Sorgen bereitet hat.
"Die menschliche Psyche führt nun einmal dazu, dass Spekulationsblasen sich selber füttern," so Greenspan weiter, "und Booms werden in ihren späten Phasen oft durch völlig unplausible Schätzungen der zukünftigen Nachfrage weiter unterstützt. Aktienkurse und Bewertungen erreichen dann extrem überteuerte Niveaus. Sicher, eine Spekulationsblase kann nicht für immer existieren. Irgendwann einmal stellen die Anleger fest, dass die Gewinnschätzungen unrealistisch waren. Zu diesem Zeitpunkt werden die Kurse auf das angemessene Niveau zurückkommen."
Oooh ... JETZT sagt er uns das!
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