Der Schatten fremder Schulden
Hans Sennholz in Traders Daily
vom 21. Oktober 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Immer eifrig um Überwachung und Kontrolle bemüht, gefällt es unseren Regierungsvertretern, die wirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Landsleute mit den Menschen im Ausland zu dokumentieren. Sie erstellen "Leistungsbilanzen", die ihnen helfen sollen, die Beziehungen einzuschätzen und zu verwalten.
Im vergangenen Jahr wurde ein außerordentliches amerikanisches Leistungsbilanzdefizit von ungefähr 668 Milliarden Dollar bekannt gegeben. Das sind mehr als 6 % des amerikanischen Bruttosozialprodukts. Dieses Jahr schätzt man, dass es mehr als 700 Milliarden Dollar werden könnten. In jedem anderen Land würde ein Defizit von mehr als 3 % sofort Alarm auslösen und vielleicht eine plötzliche Kapitalflucht und einen Zusammenbruch der nationalen Währung zur Folge haben.
Darüber hinaus leidet die Regierung selbst unter riesigen Haushaltsdefiziten, die sich auf mehrere hundert Millionen Dollar im Jahr belaufen und heute schon eine Gesamtsumme von acht Billionen Dollar überschritten haben. Und doch schienen nur wenige Ökonomen dadurch aufgescheucht; sie halten sich augenscheinlich an das alte Motto: "Die Schulden eines armen Mannes machen viel Lärm, die Schulden eines reichen Mannes bleiben ruhig."
Die Amerikaner geben offensichtlich mehr Geld im Ausland aus, als sie einnehmen, sie verbrauchen mehr als sie produzieren, und sie steigern ihre Verschuldung gegenüber der Welt immer weiter. Nur zwei weitere große Länder, Australien und Großbritannien, leiden momentan ebenfalls unter – wenn auch moderateren – Defiziten. Alle anderen Länder, klein und groß, reich und arm, finanzieren die Defizite mit ihren Handelsüberschüssen. Japan ist der größte Kreditgeber mit Ansprüchen von 170 Milliarden Dollar.
Darauf folgen die Erdöl exportierenden Länder im Nahen Osten mit 110 Milliarden Dollar, dann China, Russland und die Schweiz. Dieses weltweite Ungleichgewicht zwischen Verbrauch und Produktion verlangt nach einer Erklärung und wirft die Frage auf, wie es wieder ausgeglichen werden könnte.
Auf den ersten Blick entstammt das Zahlungsdefizit einer Neigung zu Ausgaben sowohl durch öffentliche wie auch private Verschwendung. Alle Ebenen der Regierung dulden Haushaltsdefizite, die sich auf 4,5 % des Bruttosozialprodukts belaufen. In weniger als einem Jahrzehnt ist es der US-Bundesregierung gelungen, einen Haushaltsüberschuss durch Steuernachlässe und steigende Ausgaben in ein Defizit zu verwandeln. Gleichzeitig fiel die amerikanische Sparrate auf unter ein Prozent. Der Konsum stieg wegen der äußerst geringen Zinssätze und der steigenden Immobilienpreise rapide an. Hausbesitzer konnten den steigenden Wert ihrer Häuser direkt in Konsum verwandeln und verwandelten so ihre Häuser in praktische Geldautomaten. Aber es gibt auch einige, die befürchten, dass solche Reichtümer ihre Grenzen haben, da die Zinssätze wohl wieder steigen und die Immobilienpreise bald stagnieren oder sogar fallen werden.
Bei ihren Aktivitäten im Ausland können viele Geschäftsleute dieser momentanen Situation viel abgewinnen. Fast sämtliche Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland sind in Dollar ausgezeichnet, während ungefähr 70 % ihrer Vermögenswerte in fremden Währungen bemessen werden. Der Wert der ausländischen Vermögenswerte verändert sich natürlich mit jeder Veränderung des Wechselkurses. Ein Abfall des Dollars führt sofort zu einer Verringerung des Wertes praktisch aller amerikanischen Verbindlichkeiten, während es den Wert der amerikanischen Vermögenswerte im Ausland steigen lässt.
Ein Anstieg des Dollars bewirkt das Gegenteil. Der sichtbare Fall des Dollarwerts seit 2002 erklärt, warum das gegenwärtige Leistungsbilanzdefizit von 1,7 Billionen Dollar kaum 200 Milliarden an auswärtigen Verbindlichkeiten hinzufügen konnte – und warum das Leistungsbilanzdefizit von 668 Milliarden Dollar 2004 die auswärtigen Verbindlichkeiten um 170 Milliarden Dollar steigen ließ. Jeder Penny, den der Dollar weniger wert wird, nutzt vielen amerikanischen Geschäftsmännern, entweder, indem es den Wert ihrer Schulden im Ausland senkt, oder indem es den Wert ihrer Anlagen im Ausland steigert. Die Bundesregierung ist mit ihren rapide ansteigenden Schulden von mehr als acht Billionen Dollar der bei Weitem größte Nutznießer.
Amerikanische Beamte und ihre akademischen Freunde sind schnell bereit, solche Analysen und Schlüsse vom Tisch zu fegen. Sie lehnen jeden Gedanken an eine Verantwortung für die Situation ab und verweisen stattdessen auf die akute Neigung zum Sparen in den Kredit gebenden Ländern. Ben Bernanke, ein ehemaliger Senator der Bundeszentralbank und jetzt Vorsitzender der Wirtschaftsberater, besteht darauf, dass ein Großteil der Welt unter einem akuten "Überschuss an Rücklagen" leidet und dass den Vereinigten Staaten keine andere Wahl bleibt, als den Konsum zu steigern. Glücklicherweise ist man bereit und in der Lage, als "Konsument der letzten Rettung" zu fungieren. Dieser tapfere Konsument wirkt dem Überschuss entgegen und gleicht ihn aus, ganz besonders im unternehmerischen Sektor, der in vielen Ländern schon angefangen hat, mehr zu sparen als zu investieren. In einer solchen Zeit werden viele lieber Kreditgeber als unternehmerische Schuldner, was die Stagnation überall in der industrialisierten Welt bewirkt.
Selbst in den Vereinigten Staaten, wo die wirtschaftliche Expansion in mittlerem Ausmaß noch andauert, ziehen es die Firmen heute vor, in Sicherheiten von der Regierung zu investieren, anstatt sich auf neue Produktionsprojekte zu stürzen. Sie verbessern ihre Bilanzbögen und machen sich bereit für jedwede wahrnehmbare Neuorientierung.
Ökonomen, die dieses Verhalten beobachten, haben an ihren Vorbereitungen nichts auszusetzen, ebenso wenig wie an der "Neigung zum Sparen" im Ausland, dem offiziellen Sündenbock für das internationale Ungleichgewicht. Sie sympathisieren vielleicht sogar mit den Leuten, die den steigenden Wert ihrer Häuser auszunutzen wissen. Doch diese Ökonomen machen das Zentralbanksystem für die seltsamen Ungleichgewichte bei den Handelsbeziehungen verantwortlich, dem es als Dienst für die Bundesdefizitfinanzierungen gelungen ist, beispiellose Fehlanpassungen auszulösen. Um die riesigen Bundeshaushaltsdefizite finanzieren zu können und schmerzhafte Anpassungen zu verhindern, hat man die Zinssätze weit unter die Sätze des Marktes gesenkt und damit die Kreditmärkte überschwemmt, die dann Millionen von Menschen überall auf der Welt getäuscht und in die Irre geführt haben. Keine andere Zentralbank besitzt eine solche Macht; und jeder Versuch, die Politik der Fed nachzuahmen, würde anderswo die Währung zusammenbrechen lassen.
Selbst die Europäische Zentralbank, die 1999 auf der Bildfläche erschien, könnte nicht in die Fußstapfen der Fed treten. Das würde den Euro schon bald zerstören. Nur die Federal Reserve scheint nach wie vor in der Lage zu sein, die Kreditmärkte zu überschwemmen. Bis der Euro eingeführt wurde, war der Dollar die einzige Reservewährung der Welt. Er wurde nicht nur von jeder anderen Zentralbank besessen und genutzt, sondern auch von tausenden kommerziellen Banken und von unzähligen öffentlichen und privaten Unternehmen.
Der Dollar hat Gold in den frühen Siebzigern als universelles Tauschmittel abgelöst und fungiert seitdem als Weltgeld. Diese weltweite Funktion hat dem Dollar offensichtlich zu einer außergewöhnlichen Stärke verholfen, die denen, die den Dollar ausstellen, einen sehr großen Spielraum für monetäre Expansion erlaubt. Der Dollar erhält weitere Unterstützung und Stärke durch die Reputation der USA als einen sicheren Hafen für fremde Investitionen. Eine Reputation für Prinzipien und Rechtschaffenheit ist für sich schon ein Vermögen. Aber wie lange kann der Dollar noch den falschen Zinssätzen und den massiven Haushaltsdefiziten standhalten?
Viele Länder, reiche und arme, unterstützen heute das reichste Land der Welt. Diese seltsame Situation wirft ernste Fragen nach den Konsequenzen auf, falls die Kredit gebenden Länder plötzlich ihre Pflicht vernachlässigen und ein Ende dieser Bürde fordern. Was würde passieren, wenn z.B. die asiatischen Zentralbanken plötzlich keine weiteren Dollar mehr in ihre Bestände aufnähmen oder sie sogar reduzierten und wenn sie sich stattdessen entschließen würden, die Überschüsse in Euros zu investieren.
Sicherlich würde das zu internationalem Aufruhr und einer ernsten wirtschaftlichen Krise führen.
Wirtschaftswissenschaftler werden vielleicht auf die Dollarkrisen von 1979 und 1980 hinweisen, als der Dollar unter beständigem Druck aus dem Ausland stand und sein Wert rapide im Verhältnis zu den Währungen der anderen Handelsnationen fiel – und im Verhältnis zu Gold, das damals als sicheres Lager für die Reserven galt. Angetrieben von den steigenden Ölpreisen, stieg der Verbraucherpreisindex jeden Monat um fast ein Prozent und die Zinssätze stiegen auf das höchste Niveau des Jahrhunderts. Nachdem Unordnung an den Währungsmärkten, den Märkten für Metalle und andere Rohstoffe ausgebrochen war und die Arbeitslosenzahlen auf über 7 % kletterten, hat die Federal Reserve (damals unter der Leitung von Paul Volcker) die "Bowleschüssel irgendwann doch abgeräumt" indem sie die Leitzinsen auf 12 % anhob und die Mindestreservesätze anhob. Es gab wieder eine gewisse Hoffnung, sobald viele Amerikaner begriffen hatten, dass ihre Regierung den Haushalt ausgleichen musste und dass man im Rahmen seiner Möglichkeiten leben, effizienter produzieren und mehr sparen musste und die Zukunft im Blick halten sollte.
Es wird vielleicht nicht das geschehen, worauf wir hoffen, und doch dürfen wir uns nicht von der Zukunft erschrecken lassen. Die gegenwärtige Situation der amerikanischen Defizite und der fremden Kredite dauert vielleicht noch länger an, als man sich vorstellen kann. Und schließlich hat die alte Ordnung des Geldes, die damals 1944 bei der Bretton Woods Konferenz verabschiedet wurde, dreißig Jahre lang viele internationale Unruhen überstanden. Manche Ökonomen und ihre Freunde bei der Regierung stellen gerne die Ähnlichkeiten dieser Ordnung mit der neuen Ordnung heraus. Aber ich sehe da keine Ähnlichkeit. Mit Blick auf riesige Handelsbilanzdefizite und fremde Schulden und auf ernste internationale Konflikte bereite ich mich heute auf weitere Krisen vor.