Der Preismechanismus an den Futures-Märkten
Jürgen Nowacki in Investoren Wissen zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 7. Februar 2012, 16:00 Uhr
ENL5454
wer möchte nicht gerne wissen, wo Insider investieren. Wohin orientieren sich die großen Hedgefonds oder Minenbetreiber rund um den Globus? Wie lässt sich für Privatanleger die Kenntnis darüber nutzen, was große Spekulanten handeln? Gestern haben wir das Zusammenspiel der drei Investorengruppen, Commercials, Large- und Small Speculators erläutert. Heute wollen wir konkreter auf die Tagesaktualitäten schauen und hinterfragen, ob die COT-Daten konkreten Handlungsbedarf im Gold signalisieren.
Der Preismechanismus an den Commodity und Futures-Märkten
Der Preismechanismus, das haben wir gestern geklärt, führt in den Futures- und Optionsmärkten zu einem Nullsummenspiel. Das, was die einen gewinnen, verlieren die anderen Marktteilnehmer. Am Goldpreis haben wir den Preismechanismus erläutert und heute gehen wir auf die aktuelle Goldpreissituation und ihre Interessengruppen ein.
Im ersten Schritt helfe ich Ihnen, die aktuelle Positionierung der drei Investorengruppen aus dem folgenden Chart abzuleiten. Auf der linken Seite finden Sie die Anzahl der offenen Kontrakte, auf der rechten Seite eine Skala für den Goldpreis. Die Kurve, an der Sie den Goldpreis erkennen, ist grau. Als erstes suchen wir nach den Positionierungen der Marktteilnehmer.
Die Commercials (Minenbetreiber, blau) sind mit 210.000 Kontrakten short (rote Skala, links), Tendenz leicht steigend. Das heißt, dass die Minenbetreiber auf dem derzeitigen Preisniveau von 1.730 US-Dollar je Feinunze Gold erneut bereit sind, auf Termin zu verkaufen. Der Leerverkauf wird von großen Spekulanten (rot) absorbiert, deren Long-Kontrakte steigen, zuletzt um knapp 30.000 auf 171.500 offene Kontrakte. Die genauen Zahlen werden von der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) erhoben. Der folgende Chart ist von Alexander Hirsekorn.
Kleine Spekulanten, die wie wir gestern festgestellt haben, häufig schiefliegen, sind mit 38.500 Kontrakten komfortabel auf der Longseite positioniert. Sie haben sich in diesem Markt außerordentlich clever verhalten, denn Sie haben den Preisanstieg von Anfang an (1.350 US-Dollar bis 1.850 US-Dollar) mitgemacht, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Sie haben ihre Position auch nicht verändert, als das Gold in die Preiskorrektur gefallen ist.
Dieser Chart scheint auf den ersten Blick nicht viel herzugeben, weil sich bislang niemand extrem positioniert hat. Schauen wir zusätzlich noch den saisonalen Zyklus der letzten 40 Jahre für Gold an.
Offensicht gibt es beim Gold keinen stark ausgeprägten saisonalen Zyklus. Im September/Oktober kauft der Schmuckhandel und baut seine Lager für das Weihnachtsgeschäft auf, das lässt sich noch erkennen. Ansonsten haben wir es mit kleineren Preiskorrekturen im März-Juni und Oktober-November zu tun. Januar und Februar sind eher Kaufmonate und das scheint auch der Grund zu sein, warum die Large Speculators im oberen Chart ihre Longpositionen ausbauen.
Liegen die Produzenten eigentlich immer richtig?
Kommen wir zurück zum Handel und den COT-Daten. Auch die Produzenten liegen nicht immer richtig, denn ihre Motive sind ganz andere als die der Large Speculators. Der große Spekulant will kurzfristig an der Preisspanne verdienen. Hier müssen Sie als Privatanleger aufpassen, ob er seine Long-Positionen ausdehnt oder ob er auf die Short-Seite schwenkt. Der Produzent dagegen hat sein Geschäft bereits gemacht, wenn er einen fest kalkulierten Gewinn aus Produktionskosten und garantiertem Verkaufspreis festgeschrieben hat. Egal, was an den Märkten in der Zukunft passiert, er hat sein Geld mit dem Verkauf verdient, er ist eben kein echter (Leer)Verkäufer, denn er fördert den Rohstoff nur eben etwas später oder verkauft seine Lebensmittel wie Getreide, wenn sie noch auf dem Halm stehen. Der Produzent spekuliert nicht in dem Sinne wie die anderen Marktteilnehmer und entgangener Gewinn interessiert ihn nur beiläufig.
Die absoluten Kontraktzahlen, mit denen die Marktteilnehmer netto long oder short positioniert sind, spielen eine untergeordnete Rolle. Wichtig sind allerdings die wöchentlichen Veränderungen, denn daran können Sie ablesen, welche Richtung der große Spekulant einschlägt. In der letzten Woche, so haben wir festgestellt, wurde die Anzahl der Long-Kontrakte im Gold um 30.000 ausgedehnt, was eher für steigende Preise am Goldmarkt spricht.
Manchmal aber ist es auch wichtig zu beobachten, wann sich die grundsätzliche Haltung der Produzenten verändert. Also wenn Goldproduzenten von Leerverkäufern zu Spekulanten werden und netto zu Long-Positionen wechseln, dann kann das eine wichtige Botschaft an Sie als Anleger sein. Denn diese Gruppe schließt ihre offenen, leerverkauften Positionen durchaus auch einmal mit Verlust, wenn größere Preisschübe erwartet werden und die Produzenten darauf hoffen, ihre Verkaufserlöse auf einem höheren Preisniveau optimieren zu können.
Den Produzenten wird große Expertise und Sachverstand nachgesagt, denn niemand ist über die weltweite Produktion und Nachfragesituation so gut informiert wie die Minenbetreiber und ihre Banken, die die Exploration und Firmenübernahmen vorfinanzieren.
Fazit: Was muss passieren, damit die Wölfe am Markt an Ihr Futter kommen? Richtig, ohne die Medien geht offensichtlich nichts. Die großen Spekulanten sind long positioniert, das heißt, damit diese Gruppe Ihre Gewinne maximieren kann, muss Sie an jemanden verkaufen, der in Panik jeden Kaufpreis oberhalb von 1.800 US-Dollar akzeptiert. Das könnte der Fall sein, wenn schlechte Nachrichten aus Griechenland kommen oder China in den Medien mitteilt, dass es seine Währungsreserven in Gold weiter aufstocken will. Sie sehen, liebe Leser, wie wichtig es ist, die Nachrichtenlage richtig einzuordnen. Wem nützt die Nachricht auf Seite 1? Das sollte für Börsianer stets die 100.000-Euro-Frage sein.
Morgen werde ich das thema aufgreifen, wie viel Spekulation steckt in einem Produktionsbetrieb für Industriegüter?
Viel Erfolg am Markt wünscht Ihnen
Jürgen Nowacki
Coach Trading & Sales
Zum zweiten Teil von: Liegen die Produzenten eigentlich immer richtig?
