Der neue Markt und die Österreichische Schule
Claus Vogt (Chefredakteur "Sicheres Geld") in Investoren Wissen
vom 10. November 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
(Fortsetzung zum Artikel vom Donnerstag letzter Woche)
Ein perfektes Beispiel: der neue Markt
Die zweite Hälfte der 1990er Jahre ist ein ganz hervorragendes Beispiel für den hier geschilderten Prozess. Damals gelangten
zahlreiche Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie zur Marktreife. Ein Heer von Nachahmern stürzte sich auf diese Geschäftsideen. Viele davon fanden sogar den Weg an die Börse, in Deutschland über den neu geschaffenen Neuen Markt, der heute nur noch Finanzmarktgeschichte ist. Die Extrapolation von Boom und Pioniergewinnen können Sie heute noch in zahlreichen der
damals von Banken publizierten Neuemissionsstudien nachlesen. Zumindest aus heutiger Sicht waren die diesen Studien zugrunde liegenden Annahmen über das künftige Wachstum absurd. Für die wenigen zeitgenössischen kritischen Beobachter waren sie es allerdings auch damals schon. Den Rest der Geschichte kennen Sie nur zu gut. Die Hoffnungen erwiesen erwiesen sich als trügerisch. Der Sektor erlebte einen regelrechten Zusammenbruch.
Eine wichtige Frage lässt Schumpeter offen
Für jeden, der den Neuen Markt beobachtet hat, wird Schumpeters Beschreibung der Vorgänge wohl als überzeugende Darstellung der Realität gelten. Allerdings handelt es sich nur um eine Beschreibung, nicht aber um eine Erklärung. Insbesondere bleibt eine naheliegende Frage offen: Wieso kommt es zu massenhaften Fehlplanungen? Wieso werden Boom und Pioniergewinne extrapoliert? Sind Unternehmer – und Aktienanalysten – denn nicht lernfähig?! Wer diesen Prozess einmal schmerzhaft miterlebt hat, der wird im nächsten Zyklus doch nicht denselben Fehler wiederholen! Schließlich gehören Unternehmer nicht zu den Dümmsten unserer Gesellschaft.
Eine Antwort liegt natürlich auf der Hand. Es muss eine Einflussgröße geben, die allen Plänen irgendwie zugrunde liegt. Eine Einflussgröße, die zu systematischen Fehlentscheidungen führt. Eine Einflussgröße, die Planungen eines nicht enden wollenden Booms vernünftig erscheinen lässt, wenn nicht sogar erzwingt.
Die Antwort der Österreichischen Schule
Die Antwort auf die offene Frage Schumpeters hat die Österreichische Schule der Nationalökonomie gegeben. Es gibt tatsächlich
eine Einflussgröße, die nahezu alle Pläne der Wirtschaftssubjekte maßgeblich beeinflusst: der Zins, also der Preis von Kapital.
Auf der einen Seite planen Konsumenten ihre Ausgaben und ihr Sparverhalten. Auf der anderen Seite planen Produzenten ihre Investitionen. Die zentrale Rolle für die gesamtwirtschaftliche Koordination dieser Millionen und Abermillionen individuellen Pläne im Zeitablauf spielt der Zinssatz. Der Zinssatz sorgt für eine effiziente Abstimmung dieser Pläne. Er bestimmt die Höhe der Ersparnisse und der Investitionen. Der Preis des Kapitals ist also die wichtigste Einflussgröße einer Marktwirtschaft.
Niemand kann über das Wissen verfügen, wie hoch dieser Preis sein sollte. Nur durch den freien Marktprozess kann diese extrem wichtige Information erlangt werden. Nur ein durch den freien Markt bestimmter Zinssatz kann zu einer effizienten Abstimmung der Myriaden von individuellen Plänen führen. Daraus folgt natürlich, dass Eingriffe in diesen Marktmechanismus zu systematisch falschen Zinssignalen führen, die Fehlinvestitionen erzwingen, die in ihrer Gesamtheit zu einer nicht tragfähigen Wirtschaftsstruktur führen.
Der Preis des Kapitals bestimmt die Wirtschaftsstruktur
Nach unten manipulierte Zinssätze signalisieren dem Unternehmer das Vorhandensein von Ersparnissen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Darauf basierend werden Investitionsentscheidungen getroffen, die sich später als nicht realisierbar bzw. als nicht gewinnbringend erweisen müssen. Es entsteht eine Angebotsstruktur, die nicht mit der zukünftigen Nachfrage übereinstimmen kann. Die Saat für einen Abschwung, eine Rezession, ist somit gelegt.
In unseren – von einem staatlichen Geldmonopol geprägten – Wirtschaftssystemen setzen die Notenbanken willkürlich den Zinssatz fest. Sie bestimmen und steuern im Einklang mit dem Bankenkartell das Geld- und Kreditmengenwachstum. Folglich tragen sie auch die Verantwortung für das Entstehen einer nicht tragfähigen Wirtschaftsstruktur und für die unangenehmen Folgen, die diese Wirtschaftsstruktur haben muss: den unvermeidlichen Abschwung. Aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sind die Notenbanken für den Wirtschaftszyklus in letzter Instanz verantwortlich.
Beispiel einer nicht tragfähigen Wirtschaftsstruktur
Am Beispiel der Immobilienblase können Sie sich verdeutlichen, wie eine nicht tragfähige Wirtschaftsstruktur aussieht. Die steigenden Immobilienpreise führten zunächst einmal zu einem Boom im Immobiliensektor. Es wurden also sehr viel mehr Immobilien gebaut als ohne diese Preissteigerungen möglich gewesen wäre. Unmittelbare Profiteure dieser Entwicklung waren natürlich die ganz direkt mit dem Hausbau betrauten Unternehmen und Berufe. Allerdings profitierten auch etwas weiter entfernte Berufe von dem Boom: Notare,
Rechtsanwälte, Innenausstatter, Werbeagenturen, aber auch Ratingagenturen und natürlich Investmentbanken, die für die Kreditvergabe bzw. deren geschickte Verpackung verantwortlich waren. Damit aber nicht genug. Die steigenden Immobilienpreise
führten bekanntlich dank einer regelrechten Orgie der Hypothekenkreditvergabe auch zu deutlich höheren Konsumausgaben.
Folglich profitierte die gesamte Konsumgüterindustrie von der fatalen Entwicklung an den Immobilienmärkten. In allen betroffenen Sektoren entstanden somit neue Unternehmen und neue Arbeitsplätze. Sobald die Immobilienpreise zu steigen aufhörten, erwiesen sich diese Sektoren – also die auf steigende Immobilienpreise ausgerichtete Wirtschaftsstruktur – als nicht mehr tragfähig. Entsprechend umfangreich und schwer fiel die folgende Krise aus.
Diese relativ einfachen Zusammenhänge müssen Sie kennen, wenn Sie die Krise der vergangenen beiden Jahre verstehen wollen. Und wenn Sie die Gefahren erkennen wollen, die sich aus der aktuellen Geld- und Fiskalpolitik ergeben.
Früher oder später
Noch einmal: Geld- und Kreditmengenwachstum ist Inflation. Und Inflation führt früher oder später irgendwo zu Preissteigerungen und zu einer nicht tragfähigen Wirtschaftsstruktur. Bei dieser Aussage fällt sofort eine gewisse Problematik ins Auge: „früher oder später“ sowie „irgendwo“ sind leider sehr unpräzise Angaben. Aber leider entfalten sich die Wirkungen inflationärer Politik auf sehr verschlungenen Pfaden, die von Myriaden individueller Pläne und Entscheidungen angelegt werden. Genauere Aussagen sind deshalb nicht möglich.
Das neu kreierte Geld findet mit Hilfe millionenfacher Entscheidungen einzelner Wirtschaftssubjekte Wege, die nicht oder zumindest kaum vorhersehbar sind. Generell lässt sich aber beobachten, dass ein Großteil des Geldes erstens nicht dort hinfließt und zu Preissteigerungen führt, wo kurz zuvor eine Spekulationsblase platzte oder – anders formuliert – es dem Staat mit seiner Gelddruckmaschine nicht gelingt, eine gerade geplatzte Blase gleich wieder aufzupumpen. Die Entwicklung der NASDAQ oder des Neuen Marktes, an den Sie sich vielleicht noch dunkel erinnern können, illustrieren diese Beobachtung. Sie legt nun auch die Vermutung nahe, dass die Immobilienpreise nicht wiederbelebt werden können, zweitens nimmt das frisch gedruckte Geld seinen Weg gewöhnlich dorthin, wo plausible Wachstumsstorys konstruiert werden können. Das ist zumeist dort, wo die Preise am
schnellsten auf die neue Inflationswelle mit deutlichen Steigerungen reagiert haben. Im vergangenen Zyklus gaben beispielsweise
die amerikanischen Hausbauaktien, die sehr schnell neue Allzeithochs erreichten, einen frühen Hinweis auf die Immobilienblase.
Im laufenden Inflationszyklus – der von seinen Dimensionen her alles, was die Welt bisher in Friedenszeiten gesehen hat, weit hinter sich lässt – sehe ich zwei eng miteinander verbundene Bereiche, die diese beiden Bedingungen erfüllen:
- Emerging Markets
- Rohstoffe und Edelmetalle
Herzlichst Ihr
Claus Vogt
ANMERKUNG DER REDAKTION:
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Claus Vogt ist institutioneller Anleger, Bestseller-Autor und Chefredakteur des Börsendienstes "Sicheres Geld". Herr Vogt hat die Krise frühzeitig vorausgesehen und wiederholt vor ihr gewarnt. Während viele Anleger im letzten Jahr ihr Portfolio stark schrumpfen sahen, empfahl er immer wieder stark profitable Kriseninvestments und zeigte seinen Lesern, wie sie sich effektiv absichern können.
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