Der natürliche Gang der Dinge
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 23. Juni 2006 07:30 Uhr
ENL5462
„Bäume wachsen nicht in den Himmel“, sagten die Menschen vergangener Tage. Tun sie auch nicht. Sie wachsen, ungefähr so hoch, wie sie wachsen sollen, und dann werden sie morsch und fallen um.
Genauso wie die Bäume, müssen auch die Märkte das tun, was dem natürlichen Lauf der Dinge entspricht. Wenn diese Dinge aus dem Ruder geraten, dann müssen sie auf die eine oder andere Weise wieder in den Takt zurückkehren. Wenn sich etwas weit über das Mittelmaß entwickelt, dann muss es wieder auf die Mittelwerte zurückkehren. Es gäbe sonst kein „normal“, kein üblich, kein gewöhnlich, kein verbreitet und kein regulär. Das soll heißen, es gäbe keine bekannten Muster im Leben. Jeder neue Tag wäre eine Überraschung. Aber es gibt Muster.
Wenn die Märkte einen außergewöhnlichen Gipfel erreicht haben, dann müssen wie wieder in ein außergewöhnliches Tal zurückkehren. Das ist nun einmal schlicht und einfach, was sie tun. Aber sie müssen es nicht so tun, dass es uns nützt. Auch nicht auf die Weise, auf die wir es erwarten. Wenn wir es damit rechnen könnten, dann könnten wir einen Vorteil daraus ziehen. Und wenn wir einen Vorteil daraus ziehen könnten, dann könnten wir den Vorteil auf seinem Weg aufhalten.
Nehmen wir z.B. einmal an, wir hätten, nachdem die Märkte am Ende des 20. Jahrhunderts einen sagenhaften Gipfel erreicht hatten, genau sagen können, wie sie ihr sagenhaftes Tal erreichen würden. Dann würden vorausschauende Investoren nach vorne preschen und feststellen, dass sie ihre Anteile verkaufen sollten. Und dann würden sie zu ihrer bündigen Geschichte des Marktes greifen und feststellen, dass jeder andere auch in Erwartung der nächsten großen Bewegung verkaufen wird und sie würden versuchen, als erste zu verkaufen.
Aber dieses Buch können alle lesen, und jeder würde versuchen noch früher und früher zu verkaufen, als die anderen, um dem Zustrom zuvorzukommen… bis sie irgendwann alle verkauft hätten, noch ehe der große Bullenmarkt richtig begonnen hatte. Tatsache ist, es gäbe gar keinen Bullenmarkt. Wenn jeder wüsste, was die Zukunft bringt, dann würde sich niemand mehr die Mühe machen, das auch abzuwarten und durchzustehen. Die Geschichte würde dann enden.
Glücklicherweise leben wir in einer Welt der ständigen Dunkelheit, zumindest insofern es das Morgen betrifft. Das einzige was wir wissen ist, dass die grundlegenden Muster der Vergangenheit sich vielleicht wiederholen werden, aber wir wissen nicht wie und nicht wann.
Viele Goldbullen rechnen z.B. mit einer genauen Wiederholung der Ereignisse aus den späten 70ern, als die steigenden Inflationsraten zu einem steigenden Goldpreis geführt hatten. Dabei bin ich mir, wie mit so vielen anderen Dingen, nicht ganz sicher.
Ich bin selbstverständlich auch ein Goldbulle, aber ich habe das Gefühl, dass dieser Bullenmarkt bei Gold nicht den erwarteten Kurs nimmt. Die wahre Gefahr für die amerikanische Wirtschaft bleibt auch weiterhin die Deflation, und nicht die Inflation. Nicht zu viel Geld, um auf einem Niveau mit den wenigen Gütern und Dienstleistungen zu bleiben, ist das Problem, sondern zu wenig Geld um mit der steigenden Schuldenlast gleichauf zu bleiben.
„Die Angst greift auf den Immobilienmarkt in Phoenix über“, lautete zuletzt eine Anzeige der Wochenendausgabe. Die Sorgen der Leute in Phoenix sind die gleichen wie überall: Wie will man seine Schulden begleichen?
Fast 1 Billion Dollar in Hypotheken mit veränderlichem Zinssatz werden innerhalb der nächsten 12 Monate fällig. Wie wollen die Leute die höheren Zahlungen bewältigen? Und gleichzeitig hat der grüßte Schuldner, die Regierung der USA, ihre eigenen nicht Hypotheken mit veränderlichen Zinssätzen. Wenn ich die Terminlisten richtig lese, dann muss ein Drittel dieser Schuldenlast – fast 3 Billionen Dollar – in den nächsten 12 Monaten refinanziert werden.
Wo soll das Geld herkommen?
Es ist nicht die Größe der Schuldenlast, um die es hier geht, es ist die Fähigkeit der Schuldner, sie zurückzuzahlen. Wenn die Schuldenzahlungen größer werden, dann steigen die Zinssätze überall. Und wenn sie steigen, dann steigt mit ihnen der Bedarf an verfügbarem Geld, um die Zahlungen leisten zu können. Deswegen ist der Dollar vermutlich nicht wertlos. Nicht so bald. Das passiert erst in der nächsten Phase… Wenn Bernanke mit dem Rücken an der Wand steht. Gegenwärtig sehen wir nur den Bedarf an mehr Geld und die Nachfrage nach Dollars, um das System am Laufen zu halten.
Ja, im Prinzip ist der Dollar wertlos. Und ja, auch er wird irgendwann tun, was er tun muss. Er wird vergehen, aber nichts passiert so einfach, wie Sie sich das vorstellen.
Gold sucht nach der Talsohle. Vielleicht hat es sie schon gefunden. Was wird mit Gold in einer deflationären, Welt, die nach dem Dollar verlangt, passieren? Es wird steigen. Aber vielleicht wird es noch nicht gleich damit anfangen. In der Zukunft wird es auf 1.000 Dollar und noch darüber hinaus steigen. Aber zwischen heute und der Zukunft wird es noch einige „morgen“ geben.
„Können wir nicht einfach in ein Hotel gehen?“
Die Jungs waren mit unserer Unterkunft nicht zufrieden. Meine Frau Elizabeth, der Architektur über Komfort geht, hatte ein seltsames Gartenhaus auf dem Dunmore Anwesen in der Nähe von Stirling ausgewählt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer Ananas untergebracht. Aber was die Jungs so sehr nervte, war nicht so sehr die Tatsache, dass sie in einer Tropenflucht übernachteten, es war die Tatsache, dass es dort kein Fernsehen gab.
„Was sollen wir denn machen?“, wollten sie wissen. Es ist nicht so, dass sie normalerweise viel Zeit vor dem Fernseher verbringen. Ganz im Gegenteil, sie kommen nur sehr selten dazu. Deswegen freuen sie sich so darauf, in Hotelzimmern zu übernachten. Hotels haben normalerweise Fernseher und Kabelfernsehen noch dazu. Hier gab es gar nichts. Nicht einmal Seife.
Aber was an Komfort fehlte, wurde durch Besonderheit ausgeglichen. Der Erbauer, Lord Dunmore, war Gouverneur von Virginia kurz vor der amerikanischen Revolution. Er schien dabei auf die Ananas gestoßen zu sein, die in den Kolonien ein Symbol der Gastfreundschaft ist und sie scheint ihn nicht mehr losgelassen zu haben. Von den Söhnen der Freiheit aus Virginia verjagt, kehrte er in seine schottische Heimat zurück und baute ein Haus in der Form dieser Frucht. Nach seinem Tod verfiel das Anwesen in Ruinen, aber die Ananas, erbaut aus behauenen Steinen überlebte. Sie wurde vom Landmark Trust aufgekauft, in ein Landhaus umgewandelt und an Touristen vermietet.
Was man lernt, wenn man durch Schottland reist ist das, was man immer zu lernen scheint. Die Dinge sind aus der Nähe betrachtete schwieriger als auf Distanz. Ich hatte mir Schottland als ein Land der wilden und freiheitsliebenden Scots vorgestellt, die tapfer dem Übergriff durch die Engländer bis zum bitteren Ende widerstehen. Mein eigener Vorfahre, Seamus McCeney (der Name gleicht kaum mehr der ursprünglichen gälischen Form), kämpfte gegen die Engländer in der Schlacht von Culloden, wurde gefangen genommen und dann zum Arbeiten nach Kent Island in der Kolonie Maryland verkauft.
Aber als ich nach Culloden fuhr, musste ich feststellen, dass die Engländer und Schotten nicht die einzigen auf diesem Schlachtfeld gewesen sind: da waren auch Franzosen und Iren. Und es standen auch nicht alle Schotten auf der gleichen Seite.
Elizabeth holte ihren Reiseführer hervor und wir fanden heraus, dass die Scots selbst nicht wirklich das waren, als was ich sie mir vorgestellt hatte. Der Stamm der Scottii kam überhaupt nicht aus Schotland, sondern aus Irland. In dem Buch heißt es, dass sie den Westen von Schottland einnahmen und das Königreiche Dalriada gründeten. Die piktischen Stämme im Norden und Westen – die vermutlich das Volk sind, das ich mir als die ursprünglichen Highlander vorgestellt hatte – waren eingeklemmt zwischen diesen Eindringlingen aus Irland und den Wikingern aus Norwegen.
Irgendwann waren sie so sehr eingeklemmt, dass sie vollständig verschwanden. Gleichzeitig waren die Angelsachsen aus Europa eingedrungen, und hatten die Römer ersetzt, die nach dem Zusammenbruch Roms gegangen waren. Und dann kamen weitere Eindringlinge, 1066 aus der Normandie. Die Normannen schlugen die Angelsachsen in Hastings und marschierten dann Richtung Norden nach Schottland. Die Lowlands von Schottland wurden so zu einem „Schmelztiegel“ der Kulturen und der Sprachen. Robert the Bruce, der später die Engländer in Bannockburn schlug, war ein Nachfahre der normannischen Familie. Genauso wie ein großer Teil des Adels in den Lowlands. Und einige der bekanntesten Clans, wie z.B. die MacDonalds und die MacDougal stammten von den Wikingern ab.
Auch haben nicht alle Schotten Kilts getragen, ihre Dolche geschärft und Haggis gegessen. Im 18. und 19. Jahrhundert zählte die Gegend zwischen Glasgow und Edinburgh in den Lowlands zu den dynamischsten und reichsten Regionen Britanniens. James Watt, der Erfinder der Dampfmaschine, kam aus dieser Gegend. Ebenso die großen Wirtschaftswissenschafter Adam Smith und Adam Ferguson. Sie zählten zu den führenden Figuren in einer Bewegung, die man später als schottische Aufklärung bezeichnete. Und hier in Dumfermline wurde Andrew Carnegie geboren.
„Und ja“, sagte unsere Reiseleitung in Dumfermline „Das war nicht nur das Zuhause von fünf schottischen Königen, hier wurde auch Robert the Bruce in einer Kirche beigesetzt und Andrew Carnegie wurde in einer bescheidenen Weberhütte gleich dort drüben geboren. Und sehen Sie den großen Park dort drüben? Hübsch, oder nicht? Nun, als Carnegie ein kleiner Junge war, war es ein Privatpark. Er konnte dort nicht hin. Nur die reichen Leute durften diesen Park benutzen, also stand Carnegie an den Gittern und sah hindurch. Und er schwor sich, in Amerika ein Vermögen zu machen, um diesen Park kaufen zu können. Und das hat er auch getan. Er hat ihn gekauft und der Stadt übergeben. Heute kann ihn jeder nutzen.
Technologie und Handel haben die Welt verändert und ihre Spuren im grünen und lieblichen Tal entlang des Firth of Forth hinterlassen. Wo es einst nichts außer sanften Hügeln gab, schossen düstere Mühlen aus dem Boden. Wo einst die Leute mit dem Wechsel der Jahreszeiten lebten, mussten sie sich bald an den Rhythmus des industriellen Zeitalters gewöhnen. Fabriksirenen sagten ihnen, wann sie aufzustehen und wann sie zu Bett zu gehen hatten. Ganze Generationen von Schotten aus den Lowlands sind in die Kohleminen hinabgefahren bis die letzte nach der Flut von 2002 dicht machte.
„Sie verbrennen immer noch Kohle in den Kraftwerken“, erklärte unsere Reiseleitung „aber jetzt kommt die Kohle aus Chile.“
Fabriken, Stromleitungen, Schnellstraßen – die Gegend erinnerte mich vage an das nördliche New Jersey. Aber was der natürlichen Schönheit den größten Schaden zufügte war nicht die Industrie, sondern die Architektur. Jeder Hügel und jedes Tal schien sich eine Pocke eingefangen zu haben – öffentliche Gebäude. Nicht alle diese Häuser, die vom Staat finanziert werden, sind hässlich, aber die große Mehrheit ist unerträglich. Die Formen sind von der unvermeidlichen Geometrie der 70er geprägt – einfache Fenster und Türen, rechte Winkel anstelle von Kurven und kaum Verzierungen. Und auch den Materialien fehlt es an Reichtum. Die äußeren Wände bestehen gewöhnlich aus Beton… Zement… oder Kunststeinplatten.
Aber wenigstens ist es leicht, ihnen zu entkommen. Man fährt ein bisschen über die Hügel, weg von Glasgow und Edinburgh und die Landschaft ist wieder wunderschön.
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