Der nachgeholte Crash
Tom Firley in Investors Daily
vom 1. Juli 2008, 18:00 Uhr
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Liebe Leser,
wenn ich die Charts von Dax und Dow in den letzten Tagen vergleiche, drängt sich mir immer wieder ein seltsamer Gedanke auf. Daneben fallen mir dann auch meine Worte ein, die ich hier im Investors Daily öfter geschrieben habe: „Von der Fed ausgelöste Rallys werden schnell wieder abgefrühstückt."
Bevor ich Ihnen in diesem Zusammenhang nun aber meinen - einfachen, aber etwas seltsamen - Gedanken mitteile, muss ich etwas ausholen. Da wir die Indizes Dax und Dow Jones vergleichen wollen, müssen wir hierfür zunächst einen sinnvollen Zeitpunkt finden.
Kursvergleiche: Quelle für Chart-Manipulationen
Vorab: Kursvergleiche in einem Chart sind immer „gefährlich". Schon ein Verrutschen auf der Zeitskala ein paar Tage nach hinten oder nach vorne können ganz andere Aussagen „ermöglichen" (Das wird gerne von Charttechnikern genutzt, die sich selbst ein paar Fakten stricken wollen, um Recht zu behalten bzw. zu erhalten. Sehen Sie also solche Vergleiche mit der nötigen Prise Skepsis).
Betrachten Sie bitte folgenden Chart:
Sie sehen den Dax im Vergleich mit dem Dow Jones seit Jahresanfang 2007. Rot ist der Dax abgebildet, blau der Dow Jones. Nun, Sie sehen die altbekannte Parallelität der beiden Indizes, da sich der Dax in den mittelfristigen Bewegungen stets am Dow Jones orientiert.
Der sinnvolle Chartvergleich
Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Es geht darum, einen sinnvollen Zeitpunkt zu finden, um Dax und Dow Jones im Chart vergleichen zu können. Dafür suchen wir uns Extrempunkte in beiden Indizes.
Im Chart habe ich fett das letzte markante Hoch eingekreist, welches zeitgleich sowohl im Dax (am 12.10.2007), als auch im Dow Jones (am 9.10.2007) erreicht wurde. Nur der Vollständigkeit halber:
Die beiden gestrichelt eingekreisten Hochpunkte würden als Startzeitpunkt ein etwas verzerrtes Bild abliefern, da der Dow Jones zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Abwärtsweg war, der Dax aber „noch" auf Höchstkurs-Test war.
So weit so gut. Der geeignete Start-Zeitpunkt für einen Chart-Vergleich wäre also zum Beispiel der 10.10.2007, also „zwischen" dem Dow- und dem Dax-Hoch. Schauen wir uns das mal an:
So, wie oben dargestellt, beginnt der Chartvergleich an einem „sauberen" Zeitpunkt. Mit Candelstick-Charts wäre der Vergleich zwar noch eindeutiger gewesen, allerdings hätten Sie dann im Chart nichts erkennen können. Daher sind Linien-Charts hier die bessere Wahl. Sie erkennen auch hier den gleichförmigen Verlauf zwischen Dax und Dow; auch im Januar-Crash. Allerdings mit einem kleinen Haken und darauf kommt es mir an.
Der Crash-Montag im Januar
Wie Sie sehen beginnt die rasante Abwärtsbewegung beider Indizes bereits im Dezember letzten Jahres, bevor es dann am 21. Januar zum eigentlichen Crash-Tag kam. An diesem Tag verlor der Dax in der Spitze über 7 Prozent!
Falls Sie sich den Ablauf des Crashs bzw. der Crash-Tage noch einmal anschauen wollen, finden Sie übrigens auf folgender Seite eine gute Darstellung: Jerome Kerviel
Die Rettungsaktionen der Fed
Wenn Sie sich zurück erinnern, hatte die Wall Street an diesem Tag feiertagsbedingt geschlossen, es war Martin Luther King-Day. Da sich aber bereits vorbörslich zum Dienstag an den US-Börsen ein gewaltiges Kursfeuer abzeichnete, kam die Fed mit Feuerwehrmann Ben Bernanke und dämmte den Großbrand mit einer plötzlichen Zinssenkung von 0,75% ein (von 4,25 auf 3,5%).
Ich habe diesen Zeitpunkt mit dem grünen Rechteck im Chart visualisiert. Sie erkennen damit, dass der Kursverfall des roten Dax wesentlich dramatischer aussieht, als die Dow-Bewegung. Auch der zweite „Crash"-Schub (na gut, da es kein Crash war: Sagen wir einfach „die zweite Welle der rasanten Abwärtsbewegung") im März sieht im Dax wesentlich dramatischer aus.
Auch hier wurde die Wall Street übrigens von der Fed gerettet. Am 18. März senkte die Fed den Leitzins um weitere 75 Basispunkte von 3,0 auf 2,25 Prozent (Falls Sie sich fragen, wo denn das halbe Prozent von 3,5 auf 3,0 hingekommen ist: Zwischenzeitlich fand am 30. Januar eine Senkung um 50 Basispunkt auf 3,0 Prozent statt).
Die große Frage
Angesichts dieser Rettungsaktionen, angesichts des an der Wall Street ausgebliebenem Crashs, angesichts der überzogenen Zinssenkungen (die die Ölpreis-importierte Inflation erst recht noch anfeuert) und vor allem angesichts des einfachen Chart-Vergleichs: Es sieht doch wirklich so aus, als ob der Dow Jones den Januar-Crash und die Märzattacke „nachholen" müsste.
He, schmunzeln Sie nicht. Das liest sich natürlich seltsam, aber lassen Sie den Gedanken einmal reifen. Denn:
Europa-Crash contra Fed-Rettung
In Europa verlief der Crash an den meisten großen Börsen recht ähnlich. Die Kursverläufe vom CAC 40 in Frankreich, vom Ibex in Spanien, vom Mibtel in Italien oder auch dem SMI ähneln dem Dax in diesem Zeitraum wie Zwillingsbrüder. Wer in Europa raus aus seinen Aktien und Spekulationen wollte, tat dies im Crash (sonst käme er ja nicht zu Stande, logisch).
Die Wall Street hingegen wurde, wie oben dargestellt, von der Fed weitestgehend abgefangen.
Unglaublicher Druck: Keine weitere Zinssenkung, ausufernder Ölpreis
Ende April wurde dann mit der vorerst letzten (kleinen) Zinssenkung auf 2,0 Prozent schön langsam klar, dass die Zinsen jetzt erstmal nicht weiter gesenkt werden würden (und schon Rufe nach Zinserhöhungen laut wurden). Zusätzlich belastend kommt noch der ausufernde Ölpreis hinzu (der in dieser Höhe kurzfristig natürlich einen gewaltigen Druck ausübt).
Und dieser Mix, neben anderen Faktoren, sorgte nun dafür, dass die Wall Street den Crash quasi nachspielte (die Anleger / Institutionellen trennen sich von Ihren Werten, nur eben langsamer als im Crash) und nun weiter unter den März-Tiefs dümpelt.
Die noch größere Frage
Wo findet dieser Ausverkauf nun ein Ende? Reißt die schlechte Stimmung nun auch die starken Aktien wie Wal Mart oder Chevron in die Tiefe? Können sich Werte wie IBM, Mc Donalds oder (sogar) Exxon noch halten oder drohen auch hier weitere Kursverluste?
Hierzu habe ich Ihnen nach diesem Beitrag eine Übersicht mitgebracht. In dieser Übersicht sehen Sie die Kursentwicklungen der Dow Jones-Einzelwerte seit dem oben genannten 10. Oktober 2007 (letztes markantes Hoch im Dow Jones).
Fazit: Spätestens nach den Quartalsberichten - nächste Woche Montag geht es traditionell mit Alcoa los - wird sich zeigen, ob wir noch eine Sommer-Rally (trotz hohen Ölpreises...) erwarten dürfen. Wenn es soweit ist, werde ich Ihnen anhand einiger Einzelwerte charttechnisch interessante Wenn-Dann-Szenarien aufzeigen. Zum Schluss:
Etwas Rückenwind erhält die Wall Street heute vom ISM-Index. Das Institute for Supply Management (ISM) teilte heute mit, dass der der Index auf einen Stand von 50,2 Punkten gesprungen sei. Erwartet wurde der „ISM" unverändert bei 49,6 Punkten. Ein dauerhafter Stand des ISM-Index von über 50 Punkten zeigt eine Expansion (=Wachstum) des verarbeitenden Gewerbes in den USA an.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Tom Firley
PS: Hinter folgendem Link habe ich eine wirklich ganz kurze, aber wichtige Umfrage. Sie können so mitwirken, den Investors Daily noch besser zu machen. Kostet Sie maximal 10 Sekunden (echt!). Bei wem es länger dauert, darf sich bei mir persönlich beschweren. Hier gehts zur Frage.