Der moderne Agamemnon
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 03. Dezember 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Ich bleibe an der Story dran, liebe(r) Leser(in).
Ein müde aussehender britischer Innenminister ist seit Montag auf den Titelseiten der britischen Zeitungen. Am Dienstag war dort auch das lächelnde Gesicht seiner Geliebten zu sehen. Das ist eine amerikanische Frau, die sich im britischen Königreich zu einer traurigen Berühmtheit geschlafen hat. Dann, am Mittwoch, sahen wir auch ihren gehörnten Ehemann. Heute ist das philippinische Kindermädchen zu sehen. Dabei wird bemerkt, dass das britische Innenministerium ihr in Rekordzeit ein Visum verschafft hat.
Der einzige, der sich mit Ehre und Würde verhalten hat, war der Ehemann – denn der hat sich zu der ganzen Sache nicht geäußert. Ich kann nur hoffen, dass dieser arme Mann im Himmel dafür belohnt werden wird, denn von seiner Frau oder den Zeitungen wird er es nicht – die betrachten ihn als eine Art Idioten.
Natürlich ist das alles nicht wichtig – es ist ein öffentliches Spektakel, allerdings unterhaltsamer als der Finanzmarkt. Diese Geschichte hat alle Elemente einer großen Tragödie: Liebe, Betrug, Intrigen, selbst technologische Kuriositäten (der Ehemann ist impotent unddie Tatsache, dass seine Frau schwanger wurde, teilte das Paar Freunden als "Wunder" mit).
Wir können Gott für die nicht zu bändigende britische Presse danken. Fast die gesamte Seite 3 der Daily Mail widmet sich den Lippen von Liz Hurley. Sie scheint ihre Lippen vergrößert zu haben, sagt die Zeitung. Natürlich sieht das auf dem Foto lächerlich aus, aber es wäre nicht das erste Mal, dass eine attraktive junge Frau durch eine solche Modeoperation zur Idiotin gemacht worden wäre.
Aber auf die eine oder andere Weise sind wir alle Idioten – zumindest ist das meine Schlussfolgerung, wenn ich mir die heutigen Nachrichten ansehe.
Während die Zeitung Daily Mail denkt, die wichtigsten Dinge auf der Welt seien das traurige Liebesleben von Mr. Blunkett und die Lippen von Liz Hurley, beschäftigt sich die "International Herald Tribune" mit vorgetäuschter Ernsthaftigkeit. Auf nur zwei Seiten kann man herausfinden, was man im Iran, Haiti, Irak, Sudan und China tun sollte.
Aber im Wirtschaftsteil spielt sich eine andere Art des öffentlichen Dramas ab. Hier die Handlung:
Die US-Wirtschaft ist der stolze, aber alternde, Agamemnon – der Alpha-Mann der gesamten Welt –, der vom trojanischen Krieg zurückkehrt. Aber er ist ein bisschen dick und ein bisschen faul geworden, und erwartet jetzt, dass der Rest der Welt das Arbeiten und Sparen für ihn übernimmt, während sich an das Geldausgeben und Nachdenken hält. Währenddessen fällt seine Aktie – der Dollar –, obwohl er das nicht zu bemerken scheint.
Ich habe so ein Gefühl, dass diese Geschichte nicht gut enden wird. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Es wird viele Irrungen und Wirrungen geben, bevor wir das Ende sehen werden. Und bis dahin scheint jeder damit zufrieden zu sein, seine Rolle zu spielen.
Ich könnte mir aber vorstellen, dass Agamemnon wahrscheinlich enttäuscht sein wird, wenn er schließlich von diesem Theaterstück nach Hause kommt.