Der Markt tut, was er will
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 10. Juni 2003 18:00 Uhr
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"Die Lektion der letzten paar Wochen", so Michael Santoli vom Barron's Magazin, "ist die, dass der Markt das tut, was er will – auch ohne Alan Greenspan zu konsultieren. Und zuletzt wollte der Markt auf fast geradem Weg einfach steigen." Letzten Freitag Morgen zum Beispiel steigen die Kurse an den US-Börsen unmittelbar nach den neuesten Zahlen zum Arbeitsmarkt. Die Aktienkäufer schienen sich nicht darum zu kümmern, dass die US-Wirtschaft weiterhin fleißig Arbeitsplätze abbaut.
Paradoxerweise begrüßten die Investoren die eher schlechten Zahlen vom US-Arbeitsmarkt mit einer neuen Welle von Aktienkäufen. Der Dow Jones schoss im frühen Handel um über 170 Punkte nach oben – alleine deshalb, weil die US-Arbeitsmarktzahlen "ja noch schlimmer hätten sein können". Allerdings hätten sie auch besser sein können – weshalb die Kurse auch im späteren Handelsverlauf wieder etwas zurückkamen. Allerdings war die Performance auf Wochensicht beachtlich. Der Dow Jones überstieg zum ersten Mal seit Juli die Marke von 9.000 Punkten, auf Wochensicht gewann er 2,4 % auf 9.062 Zähler. Der Nasdaq Composite legte 2 % auf 1.627 Punkte zu.
Währenddessen gingen die Bullenmärkte beim Rohöl und beim Gold ohne große Fanfaren weiter – der Ölpreis stieg auf 31,28 Dollar. Ein Ölpreis über 30 Dollar ist nach meiner Einschätzung nicht gerade hilfreich für eine Wirtschaftserholung. Aber – wenn man sich die Zahlen vom Arbeitsmarkt ansieht – sieht es derzeit sowieso nicht nach einer "Wirtschaftserholung" aus. Die US-Arbeitslosenrate ist im Mai von 6,0 auf 6,1 % gestiegen. Die Revisionen des Beschäftigungsniveaus könnten einen zyklischen Marktbeobachter zu der Frage führen, wie sehr man den Zahlen vom Arbeitsmarkt eigentlich vertrauen kann. Aber egal wie hoch die Revisionen ausgefallen sind und ausfallen mögen, eine Botschaft ist klar – in den USA werden weiterhin Jobs abgebaut ... darunter auch Jobs im Hightech-Sektor. "Der moderate Rückgang bei den Beschäftigtenzahlen passt nicht zusammen mit den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe, die hartnäckig über der Marke von 400.000 (pro Woche!) bleiben, und zuletzt mit 442.000 ein neues 5-Wochen-Hoch erreicht haben", so Alan Abelson vom Barron's Magazin. "Die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden und die Stundenlöhne haben mehr oder weniger stagniert, während die Arbeitslosenquote leicht auf 6,1 % gestiegen ist.
Was wir besonders interessant fanden, war, dass im Sektor 'Elektronik und Computer' rund 16.000 Jobs abgebaut wurden – hier geht ein negativer Trend ununterbrochen weiter, der im Januar 2001 begann. Wir schätzen, dass Technologiegesellschaften keine Leute entlassen würden, wenn sich das Geschäftsfeld wieder verbessern würde. Also warum kaufen die Leute die Aktien von Technologieunternehmen? Wir haben zuerst gefragt. Sie sollen uns das beantworten."
Im Moment machen sich viele Investoren nicht die Mühe, sich mit solchen Fragen zu befassen. Sie kümmern sich darum, dass die Aktien weiter steigen ... und nur darum kümmern sie sich. Die derzeitige Rally an der Wall Street ist von der Realität irgendwie abgehoben. Die Wirtschaft erholt sich nicht, der Technologiesektor legt keine fundamentale Erholung hin, die Beschäftigung wächst nicht, der Dollar ist nicht stark und dennoch ... steigen die Aktienkurse ... fast jeden Tag. Wo wir gerade von abgehobener Realität sprechen ... die New York Times hatte letztens folgende Schlagzeile: "Greenspan ist zuversichtlich für die Wirtschaft und er schürt Hoffnungen auf weitere Zinssenkungen." Wenn er so zuversichtlich wäre – warum sollte er dann die Zinsen weiter senken? Und warum sollte der Aktienmarkt dann weitere Zinssenkungen begrüßen? "Um die heutigen Aktienkurse attraktiv zu finden, muss ein Investor entweder glauben, dass die Aktien mehr wert sind als derzeit – mit einem KGV '03 von 19 –, oder dass die Ergebnisschätzungen zu niedrig sind ..." so das Barron's Magazin. "Man kann es nicht bestreiten, dass sich die Investoren derzeit wie die Größten vorkommen. Bei ihrem Bemühen, die Wirtschaft zu reflationieren, helfen die geldpolitischen Autoritäten auch mit, das Marktäquivalent der 'Biermuskeln' zu reflationieren." Ich könnte mir vorstellen, dass die Biermuskeln bald Angstmuskeln weichen werden – wenn ein plötzlich wieder fallender Aktienmarkt den "Verkaufs"-Reflex stimulieren wird.