Der März wird ein schwieriger Monat für die Börsen
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 01. März 2006 18:00 Uhr
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Offenbar macht die Beschäftigung mit der Börse hysterisch. Da steigt der Dax seit dem 23.01.06 nahezu ohne größere Konsolidierung um 600 Punkte und dann erleben wir einen Tag mit einem 2 % Abschlag und schon reagieren die Marktteilnehmer panisch. Ich habe gestern sogar das Wort "Crash" gehört.
Aber keine Frage, es ist wirklich nervtötend. Der Dax hat in einem Tag die Performance von vier Tagen zunichte gemacht. Überhaupt schleppt er sich in den letzten Wochen etwas zäh dahin.
Sie wissen vielleicht noch, dass ich Ende Januar von einer Gefahr der "Übertreibungsphase" geredet habe. Und zwar als der Dax in nur fünf Tagen 350 Punkte machte. Diese Übertreibungsphase hat sich dann nicht fortgesetzt. Der Dax brauchte für die nächsten 300 Punkten schon ganze 21 Tage. Das sah eher nach einer Konsolidierung nach oben aus.
Nervtötender Anstieg
Aber Sie haben sicherlich bemerkt, dass dieser schleichende Anstieg viele Anleger nervös gemacht hat – verständlicherweise. Zumal zusätzlich immer mehr skeptische Stimmen zu hören waren. Ich hatte von den vielen technischen Analysten geredet , die auf die nun insgesamt fünf eindeutigen Dojis und weiteren fünf Doji-ähnlichen Kerzen mit Sorgen reagiert hatten (Dojis sind Kerzen, die in einem Kerzenchart wie Kreuze aussehen. Häufig werden sie als ein Anzeiger für Umkehrpunkte gesehen, sind aber eigentlich nur ein Zeichen von Unsicherheit).
Hin und wieder sollten Sie an solchen Tagen wie gestern bewusst Distanz zum Markt üben. Ansonsten ist es nicht allzu schwer "hysterisch" zu werden. Den Hang dazu, gerade wenn Sie so wie ich, den Tag über live an den Tickcharts einen solchen Einbruch miterleben dürfen, haben wir wahrscheinlich alle.
Was machen die Banken?
Selbst die Banken reagieren in diesem Jahr "hysterisch", allerdings auf einen ganz anderen Umstand. Nachdem sie höchst verwundert miterleben dürften, wie ihre Prognosen für das Gesamtjahr 2006 bereits im Februar(!) erreicht wurden, haben viele vollkommen überhastet reagiert und ihre Prognosen für das Jahr deutlich nach oben revidiert. (Ob man den Banken auch ein wenig Distanz zum Markt empfehlen sollte?) Experten kritisierten zu recht, dass die Banken nun wie die "Massen" reagieren – hey, da sitzen auch nur Menschen ...
Der Mainstream liegt oft falsch
Zurück zu den Marktkommentatoren. Ich mag es nicht Mainstream zu sein. Aber in den letzten Wochen haben viele Kommentatoren eine skeptische Haltung angenommen. Das verleitete mich schon in der letzten Woche darauf hinzuweisen, dass so keine Rally stirbt. Skepsis ist sehr selten eine gute Ausgangslage für fallende Märkte. Auch dass der Dax gestern so massiv eingebrochen ist, fast schon überreagierte, ist in den meisten Fällen ein Hinweis darauf, dass zu viel Angst im Markt ist (Es sei denn eine entsprechende Nachricht, z.B. ein Anschlag o.ä., hätte die Märkte schockiert, dem war aber nicht so). Angst bedeutet aber grundsätzlich, dass noch viel Geld abseits wartet. Für den Dax bin ich weiterhin bullish und zwar nach wie vor bis zur 6000/6200 Punkte Marke.
Alles Kritische macht der März
Sie wissen aber auch, dass wir uns nun im März befinden. Und ich hatte gesagt, dass ich für das Frühjahr, ab März mit Mittelabflüssen aus dem Dax rechne. Sie sollten also zurzeit immer vorsichtiger agieren, ohne direkt in zwanghaften Aktionismus zu verfallen.
Dazu kommt, dass sich im Atomstreit mit dem Iran die Situation verschärfen könnte. Wie ich gestern schon geschrieben habe, sind aber Ende März Wahlen in Israel. Ich denke nicht, das vor diesen Wahlen Israel in diesen Konflikt verbal oder militärisch massiv eingreifen wird. Auch die USA wird sich wahrscheinlich bis zu diesem Zeitpunkt zurückhalten. Mit anderen Worten, der Konflikt kann sich noch etwas hinziehen, mit einer folgenschweren militärischen Eskalation ist im März noch nicht zu rechnen. Die Auswirkungen dürften damit zunächst auf den Ölpreis begrenzt sein. Vielleicht reagiert der Markt im Moment auch deswegen nur bedingt auf Nachrichten in diesem Zusammenhang.
Dow, tatsächlich nur ein Rausschüttler?
Sorgen machen mir jedoch die amerikanischen Indizes. Wenn sich der Dow heute und in den nächsten Tagen nicht deutlich von der 11.000er Marke nach oben ablöst, sondern sogar wieder in die Seitwärtsbewegung zurückfallen sollte, dann wäre das zum dritten Mal ein falscher Ausbruch gewesen. Irgendwann werden die bullishen Anleger (in den USA) die Nerven verlieren und aussteigen. Manchmal hingegen dauern solche Kämpfe mit derart wichtigen Marken einfach länger, vielleicht erinnern Sie sich noch an den Kampf des Dax mit der 5000er Marke.
Schafft er es heute und in den nächsten Tagen deutliche Aufwärtsdynamik aufzubauen, dann war dieser Abtaucher des Dow unter die 11.000er Marke tatsächlich, wie schon in den letzten Tagen angedeutet, ein einfacher Rausschüttler. Das wäre sehr bullish. Wenn der Dow jetzt noch einmal über die 11.160 (das letzte Hoch) geht, dann ist die 11.000er Marke endgültig geschafft.
Weitere Zinserhöhungen oder nicht?
Eine kleine neue Sorgenfalte ist hinzugekommen, aus ganz anderen Gründen – hauptsächlich weil Old Greenspan nicht mehr im Amt ist. Greenspan hätte auf die sich doch deutlich verschlechternden Zahlen der US-Wirtschaft reagiert und zwar mit vieldeutigen Aussagen, die in die Richtung interpretiert würden, dass der Zinserhöhungszyklus nun ein Ende finden könnte.
Wie ich schon mehrmals betont habe: Die Zinserhöhungen wirken sich um sechs Monate zeitversetzt auf die Wirtschaft aus. Selbst wenn die Zinsen Ende März ein letztes Mal angehoben würden, werden sich die letzten Zinserhöhungen noch bis zu sechs Monate belastend auswirken – also bis weit in den Sommer hinein.
Ben Bernanke ein Vertreter straffer Geldpolitik?
Es gibt Hinweise und Gerüchte, dass Ben Bernanke eine straffere Geldpolitik als sein Vorgänger bevorzugt. Wenn dem so sein sollte, wäre das sehr gefährlich. Denn angesichts der geopolitischen Unsicherheiten könnten viele Anleger versucht sein, ihr Geld lieber zu sicheren 5 % (und evt mehr in den USA) anzulegen, als das Geld in den Rachen eines seit 1 1/2 Jahren (US-Märkte) seitwärts laufenden Aktienmarkt zu werfen.
Ein Notenbankenchefwechsel in den USA geht gerne mit dem Crash in einer Anlageklasse einher, so heißt es. Ich habe das Gefühl, wenn Ben Bernanke nicht bald andeutet, dass das Zinsniveau sich an das schlechtere Umfeld anpasst, dann müssen wir aufpassen.
Sie wissen, ich bin für die USA bullisher als die meisten Analysten. Allerdings immer unter der Voraussetzung, dass die US-Zinserhöhungen bald ausgesetzt werden. Ich wittere nämlich immer deutlicher die Gefahr, dass, wenn das nicht bald geschieht, die US-Wirtschaft massiv und zu schnell abgewürgt wird.
Das wäre auch das zeitweise Ende der Rohstoffhausse
Noch kurz zu den Rohstoffen: Wir bleiben weiter im Konjunktiv: Wenn sich die US-Wirtschaft nun aufgrund zu stark steigender Zinsen weiter abschwächen sollte, dann wird davon sofort auch die chinesische Wirtschaft belastet werden. Insgesamt würde dann die Weltwirtschaft langsamer laufen. Das hätte zur Folge, dass auch die Nachfrage nach Rohstoffen nachlassen würde. Das wiederum hätte zur Folge, dass die Rohstoffpreise einbrechen.
Ich weiß nicht, wie Ben Bernake tickt, ich kann nicht absehen, wie er sich verhalten wird. Sollte er wirklich seine Hochschullehrmeinungen auf die US-Wirtschaft übertragen wollen, dabei den Aktienmarkt vergessen, kann es sein, dass auch er erst einmal die bittere Erfahrung machen muss, wie es sich als US-Notenbankchef anfühlt, einem Aktiencrash beizuwohnen. Ich denke, diese Erfahrung will man anschließend nicht noch einmal machen.
Ich bin aber noch davon überzeugt, dass Ben Bernanke nicht so dumm ist, die US-Wirtschaft solchen Gefahren auszusetzen. Nur weil er fiktive Inflationsziele im Kopf hat. Trotzdem bleibt Ben Bernanke ein Unsicherheitsfaktor, der auch von den Märkten sicherlich als solcher empfunden wird. Es wird Zeit, dass er hier etwas mehr Klarheit schafft.
Am 28.03.06 ist die nächste Fed-Sitzung, hier wissen wir dann mehr – ich sag ja, der März wird ein schwieriger Monat für die Börsen, so wie es der Februar einer war, der April einer sein wird, der Juni ...