Der Krieg im Irak, Teil 1
Bill Bonner in Investors Daily
vom 17. Oktober 2005 18:00 Uhr
ENL5454
"Wir haben den Menschen im Irak Folter, Clusterbomben, unzählige willkürliche Mordfälle, Not und Erniedrigung gebracht und nennen es "Freiheit und Demokratie für den Mittleren Osten", sagt der gestrige Gewinner für den Nobelpreis für Literatur.
"Aber wie wir alle wissen, sind wir nicht mit den vorhergesehenen Blumen willkommen geheißen worden. Was wir ausgelöst haben, ist wilder und unermüdlicher Widerstand, Chaos und Unruhe."
In den Irak einzumarschieren sei nicht anders als ein "verbrecherischer Akt, ein Akt staatlichen Terrorismus', in dem sich absolute Verachtung für das Konzept einer internationalen Gesetzgebung zeigt. Eine willkürliche Militäraktion ausgelöst durch eine Reihe von Lügen und weitreichender Manipulation der Medien und damit auch der Öffentlichkeit. Ein Akt, der das amerikanische Militär und die wirtschaftliche Kontrolle im Mittleren Osten festigen sollte, und der sich, als letzten Ausweg (nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht bestätigen konnten) – als Befreiung maskierte."
Harold Pinter ist ein Dramatiker. Dass er nicht in der Lage ist, die geopolitische Bedeutung des Krieges zu erkennen, ist kaum überraschend.
Aber Zbigniew Brzezinski, ein ehemaliger amerikanischer Sicherheitsberater, sollte es doch wohl nicht übersehen. Er zitierte Arnold Toynbee, als er die Bushregierung beschuldigte, "suizidale Staatführung zu betreiben ... den letztendlichen Grund, der einen imperialen Zusammenbruch bewirken kann."
Was keiner von beiden erkennt, ist, dass die Situation nach "suizidaler Staatsführung" verlangt.
Das große angelsächsische Imperium hat sein "Haltbarkeitsdatum" überschritten. Sein imperialer Vorteil – seine Führungsposition während der industriellen Revolution – ist verschwunden. Es verlässt sich auf die Ersparnisse Fremder, um in Schwung zu bleiben. Aber während die Bürger in der Heimat schon unter den Schulden ächzen, finden politische und militärische Führung noch starke Worte. 'Sie haben Terroristen mit einem Groll gegen die Vereinigten Staaten?', fragte der Befehlshaber "Dann bringt sie her." Er hätte genauso gut ein Gewehr an seinen Kopf setzten können. Und ich stehe jetzt hier, wie ein Reporter bei einer Hinrichtung und warte, ob er auch den Auslöser betätigen wird.
Der Irak ist voll von möglichen Terroristen mit einem Groll gegen Amerika. Hätte das angelsächsische Imperium sich die Mühe gemacht, zu gucken ehe sie liefen, dann hätten sie ein Land gesehen, das voll ist von Stämmen, Clans, Familien und religiösen Gruppen ist, die sich nicht gerade wohl gesonnen sind, und die es alle für eine ererbte Verpflichtung halten, jedes Unrecht, das an ihrer Gruppe von einem Mitglied irgendeiner anderen Gruppe begangen wurde zu rächen. .
Aber es gibt eine Sache, die diese Leute noch mehr verachten, als irgendetwas anderes. Und das ist ein fremder Eindringling.
Patrick Cockburn, der für den Independent schreibt, erinnert mich an die Einsichten eines britischen Staatsbeamten. Arnold Wilson. Mr. Wilson schrieb 1919, zwei Jahre nachdem die Briten Bagdad von den Türken übernahmen:
Wilson warnte, dass die Schaffung eines neuen Staates im Irak ein Rezept für eine Katastrophe bedeutet. Er sagte, es sei unmöglich, die Schiiten, die Sunniten und die Kurden zusammenzuschweißenWilson berichtete der britischen Regierung, dass der neue Staat nur die "Antithese zu einer demokratischen Regierung sein könnte", weil die schiitische Mehrheit eine Beherrschung durch die sunnitische Minderheit ablehnen würde, aber "bisher noch keine Form der Regierung vorstellbar ist, bei der die Sunniten nicht die Herrschaft übernehmen würden. Die Kurden im Norden, die auch in den Irak mit aufgenommen würden, werden niemals die arabische Herrschaft akzeptieren."
All das stellte sich als richtig heraus. Aber was sie noch weniger akzeptieren würden, war die Beherrschung durch die Briten. Das gesamte Land erhob sich gegen die britischen Kräfte; mehr als 10.000 starben, bevor es vorbei war.
Das ist die Welt, in der die Bushregierung herumwurstelte. Jedes große Imperium – von den Assyrern über die Mongolen hin zu den Briten, hat Bagdad eingenommen. Amerika musste es auch versuchen.
"Niemand mag bewaffnete Missionare", sagte Robespierre, als die Franzosen versuchten ihre Demokratie mit Gewehren nach ganz Europa zu exportieren. Auch das ist eine Einsicht, die von der Bushregierung übersehen wurde, aber deswegen ist die Bushclique auch so wahnsinnig gut für die gegenwärtigen Umstände geeignet. Sie scheinen keine Ahnung zu haben oder kein offenkundiges Interesse an der Geschichte. Sie müssen jedes kleine bisschen noch einmal selbst durchleben, so als passierte es zum ersten Mal.
Es gibt kaum einen Fehler in der Geschichte der imperialen Kriege, den die amerikanischen Kräfte nicht begangen hätten. Sie sind mit schlecht informiert in den Irak einmarschiert. Wo waren die Rosenblüten, auf denen sie wandeln wollten? Wo waren die glücklichen neuen Demokraten, bereit, im Wal-Mart für ihre Grillfeste im Hinterhof einzukaufen. Bereit für Granitverkleidungen für ihre Häuser?
Dann sind sie natürlich losmarschiert, um Demokratie und Freiheit zu predigen – wogegen die Iraker so gleichgültig waren, wie die Amerikaner selbst. Später fing ein Teil der Iraker an, jede Gelegenheit, jemanden zu töten, willkommen zu heißen. Die Wüstenstämme sind zu Plünderern geworden. Sie klettern vergnügt durch die Ruinen eines Panzers oder eines Hotels, auf der Suche nach Dingen, die sich als nützlich erweisen könnten.
Aber ihre neuen Herrscher sind nicht viel besser. Die Soldaten haben die Lizenz zu töten. Ein Video, das in einer amerikanischen Fernsehsendung ausgestrahlt wurde, zeigte einen amerikanischen Soldaten, der einen hilflosen Gefangenen mit einem Gewehr erschoss. "Dieser lebt noch", dann hört man einen Schuss. "Jetzt ist er tot." Eine Umfrage, die nur wenige Tage später gemacht wurde, zeigte, wie tief die Öffentlichkeit in diesem imperialen Wahnsinn schon gesunken ist – die meisten Leute fanden, dass die Erschießung gerechtfertigt war.
Diese Haltung ist in einer Gegend mit 100.000 irakischen Opfern schwer zu ertragen ... und in einer Gegend, in der Rache eine so ernste Sache ist. Sehr bald war die Rede von Aufständischen und fremden Kriegern nicht mehr zutreffend. Offenbar springt auch schon der Durchschnittsiraker heute vor Freude auf, wenn ein amerikanischer Soldat in die Knie geht ...