Der "Karibu-Faktor"
Dan Ferris in Investors Daily
vom 12. März 2003 18:00 Uhr
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In den 1970ern konnte man in den USA hören, dass der Bau einer Pipeline durch Alaska die Wanderungsmuster und die Nahrungsgewohnheiten der dortigen Karibu-Herden stören würde. Umweltschützer verzögerten mit diesem Argument den Bau der Pipeline um rund 8 Jahre. Das führte dazu, dass Atlantic Richfield, der Besitzer der Pipeline, Geld verlor.
Seitdem nennt man in den USA überraschend auftretende Kosten und Verzögerungen bei einem großen Projekt den "Karibu-Faktor".
Wenn man darüber nachdenkt, merkt man, dass der "Karibu-Faktor" nicht nur für große Finanzprojekte gültig ist. Wenn man den "Karibu-Faktor" anerkennt, bedeutet das nichts anderes, als dass man sich selbst eingesteht, dass man keine Kristallkugel hat und nicht in die Zukunft sehen kann. Das ganze Leben dreht sich darum, dass man den "Karibu-Faktor" möglichst vermeiden will. Es gibt überall Karibus: Von Inflation, Krieg, bis hin zu eisigen Straßen, betrunkenen Autofahrern und freien Parkplätzen spät in der Nacht.
Auch beim Investieren. Denken Sie mal an all die Variablen, die die meisten Investoren beobachten. Umsätze, Gewinne, Eigenkapitalrendite, Schulden und Dividenden. Dann noch Handelsvolumina der Aktien, intra-day Kursentwicklungen und Schlusskurse. Die Liste wird länger und länger ...
Und nichts von diesen Dingen kontrolliert man.
Alle diese Dinge sind potenzielle Karibu-Herden, die darauf warten, in Ihr Depot zu wandern. Mit anderen Worten: Sie verlieren die Kontrolle über Ihr Geld, wenn Sie Aktien und Anleihen kaufen.
Marty Whitman von "Third Avenue Funds" nennt Kleinanleger "OPMIs" (Outside Passive Minority Investors). Und das klingt nach keiner machtvollen Position.
Wenn eine Gesellschaft Pleite geht, dann erhalten die OPMIs normalerweise nichts vom Restwert des Unternehmens. Die Gläubiger sind vorrangig.
Auch die sogenannten "Investment-Profis" können Ihnen nicht viel helfen. Es ist bekannt, dass über 90 % der Fonds es nicht schaffen, den Gesamtmarkt zu schlagen. Sie schaffen es nicht, die Karibu-Herden zu vermeiden. Sie sollten sich besser "finanzielle Safari-Führer" nennen. Denn sie scheinen diese Karibus immer wieder zu finden.
Es gibt allerdings einen Hoffnungsschimmer für die Investoren.
Man kann es Timing nennen. Egal, wie viel man über Bilanzen weiß, egal, ob man Warren Buffet heisst oder nicht ... Investieren hängt immer von einer Sache ab, die man selbst bestimmen kann: Dem Einstiegskurs.
Wenn etwas wichtig ist, dann der Preis, den man zahlt. Ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis ist offensichtlich ein guter Weg, um billig einzusteigen. Ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist ein anderer guter Weg.
Wenn man eine Aktie zum Kurs von 10 Dollar kauft, deren Buchwert bei 20 Dollar liegt, dann kann man auch dann einen Gewinn erzielen, wenn die Gesellschaft dicht machen sollte. Aber wenn man diese Aktie zum Kurs von 40 Dollar kauft, dann können Sie darauf wetten, dass ein Karibu den Geruch Ihres Geldes nicht mag.
Wenn man den S&P 500 zu einem durchschnittlichen KGV von 20 kauft, und das KGV dann auf den historischen Durchschnittswert von 16 zurückfällt ... und dann weiter fällt ... sollte man nicht überrascht sein. Ein hoher Preis ist eine Einladung für alle Karibus. Aber wenn der S&P unter ein KGV von 16 fällt, dann wird das Nahrungsangebot für die Karibus knapp, und die Herden wandern woanders hin.
Wenn Sie in eine Gesellschaft investieren, die eine Marktkapitalisierung von 177 Millionen Dollar hat, aber gleichzeitig Grundstücke im Wert von mehreren Milliarden Dollar besitzt, dann könnte immer noch eine Karibu-Herde vorbeikommen. Aber die Chancen dafür sind sehr gering. Aber wenn man die gleiche Gesellschaft kauft, wenn ihre Marktkapitalisierung über dem Wert der Grundstücke liegt, dann spielt man in einem Karibu-Kasino.
Bei Aktien kann man seinen eigenen Kaufkurs so kontrollieren, dass man die Chancen auf seiner Seite hat. Das ist das Beste, das man tun kann. Wenn man Aktien mit niedrigem Kurs-Buchwertverhältnis gekauft hat und diese alle 2 Jahre verkauft hat, dann konnte man zwischen 1930 und 1980 durchschnittlich 22 % pro Jahr verdienen. Das sind natürlich keine garantiert Karibu-freien Gewinne – aber sie sind ziemlich nah dran.
Zu extrem niedrigen Kursen zu kaufen ist die verlässlichste Methode, Karibus abzuhalten. Vielleicht riechen sehr günstig bewertete Aktien nach Eskimos. Teure Aktien hingegen riechen wohl wie weibliche Karibus in der Paarungszeit.
Glücklicherweise haben Sie es in der Hand, welchen Geruch sie Ihren Aktien geben wollen – indem Sie selbst bestimmen, wie viel Sie für eine Aktie zahlen wollen.