Der Kaplan der Londoner Börse
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 13. Juli 2006 07:30 Uhr
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*** Ein Ölpreis von bis zu 75 Dollar drückt immer noch auf die Fässer. Gold hält sich bei rund 640 Dollar. Ich kaufe Gold gerne für unter 600 Dollar. Bei 640 Dollar kaufe ich immer noch, bin darüber aber nicht ebenso glücklich. Diese Korrektur ist jetzt vorbei. Das gelbe Metall könnte noch einmal auf unter 600 Dollar abtauchen. Aber wer kann wissen, ob es das tun wird?
*** Eine Vermögenswert-Deflation reißt normalerweise alle Preise mit sich herunter. Die Leute investieren weniger eifrig (und sind auch weniger dazu in der Lage) wenn die Preise fallen. Aber wird ein Konjunkturrückgang in Amerika auch auf die Ölpreise... die Rohstoffe... und Gold drücken? Das weiß ich auch nicht, aber es gibt Grund zu glauben, dass diese weltweiten Vermögenswerte wesentlich besser standhalten, als die amerikanischen Vermögenswerte.
Während die Immobilienpreise z.B. in Kalifornien die Möglichkeiten der Kalifornier für sie zu bezahlen bei Weitem übertroffen haben, gibt es Millionen von Asiaten, die gerade Geschmack an Öl finden... und auch daran, es zu kaufen. Ebenso wird General Motors wohl einbrechen, wenn die Investoren den Mut und ihr Geld verlieren. Aber die neuen asiatischen Automobilhersteller finden vielleicht neue Kunden und neue Gewinnmöglichkeiten. Ebenso könnte es sein, dass neue Kunden in Asien, besorgte Zentralbanken und zitternde Investoren den Preis für Gold oben halten – während der Wert des Dollar fällt.
*** Ich verbringe den Sommer in Frankreich. Am Sonntag habe ich den Zug dorthin genommen. Der Eurostar kam gerade aus dem Tunnel, als die Nachricht bekannt wurde, dass Frankreich ein Tor gegen Italien geschossen hatte. „Hurra!“ jubelten die Leute.
Dann gab der Lautsprecher 15 Minuten später bekannt, dass Italien ein Tor erzielt hatte. Das Spiel stand eins zu eins, gab der Schaffner bekannt.
Es gab immer noch einen Gleichstand, als der Zug in Paris ankam. Die gesamte Nation muss das Spiel verfolgt haben, denn die U-Bahn war leer. Die Straßen waren leer. Und alles war ruhig... außer als Frankreich knapp ein Tor verpasste, woraufhin sich ein großes Aufstöhnen der Agonie über der Stadt erhob.
Das Spiel ist für Frankreich schlecht ausgegangen. Der Star des Teams wurde aus der Mannschaft genommen, nachdem er einen italienischen Spieler mit dem Kopf gerammt hatte. Und dann haben die Franzosen, weil er fehlte, einen entscheidenden Elfmetertreffer nicht erzielt.
Die ganze Nacht lang konnte ich durch mein Hotelzimmer hören, wie die Franzosen in einer Bar gegenüber stritten und fluchten.
*** Und wie sieht es mit Anleihen aus? Bill Gross sagt, dass der Bärenmarkt bei Anleihen vorbei sei. Die Preise für Anleihen haben schon im Juni nachgegeben. Seitdem sind sie sanft zurückgegangen. Gross mag Recht haben; ein Konjunkturrückgang ist normalerweise gut für Anleihen. Die Anleihenrenditen fallen, wenn die Kreditnehmer verschwinden. Aber auch hier könnte es sich wieder um eine neue Form von „-flation“ handeln. Viele der Anleihen auf amerikanische Dollar befinden sich in fremden Händen. Die Besitzer könnten sich entscheiden, dort etwas auszudünnen. Steigende Gold- und Energiepreise könnten zu Verkäufen im Ausland führen. Alles mögliche könnte passieren, und wird vielleicht auch passieren.
*** Am Sonntag bin ich losgezogen, um meinem Lieblingspriester zuzuhören – Peter Mullen, dem Kaplan der Londoner Aktienbörse.
Auch Elizabeth gefallen seine Predigten. Wir haben beide aufmerksam zugehört, während er sich warm redete. Es ging darum, was man von uns Kirchgängern erwartet.
Elizabeth verfügt über eine phantastische Fähigkeit – sie kann ganz leicht einschlafen, zu jeder Zeit und wo sie will. In Theatern, in Filmen, in Zügen, Flugzeugen und Autos. Sie schläft schnell und still ein.
„Es reicht nicht aus, in die Kirche zu gehen“, erklärte Reverend Mullen, und hob seine Stimme. „Man muss auch aufmerksam sein und über das nachdenken, was hier vor sich geht. Der Sonntag war einst ein Tag, der sich von allen anderen unterschied. Die Läden blieben geschlossen. Die Straßen blieben still und es gab keine Fußballspiele im Fernsehen. Wir hatten sogar spezielle Kleidung für Sonntage. Aber heute unterscheidet sich der Sonntag nicht mehr sehr von jedem anderen Tag – abgesehen von der Zeit, die Sie hier verbringen“, deklamierte er, und schlug auf das Podium, um sein Argument zu bekräftigen.
„Das hier ist nicht wie ins Kino gehen“, drehte er auf, „man darf nicht einfach nur dasitzen und wegdösen.“
In diesem Moment wandte ich mich zu meiner Frau Elizabeth, um zu sehen, was sie davon hält. Sie hörte jedoch nicht aufmerksam zu, stattdessen hing ihr Kopf hinab. Sie war eingeschlafen.
Ich tippte ihr heimlich auf die Schulter. „Aufwachen“, flüsterte ich.
„Ich habe nicht geschlafen“, sagte sie, noch ganz verstört, „ich habe gebetet.“