Der Kapitalismus bei der Arbeit
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 14. Mai 2009, 07:30 Uhr
ENL5462
Ich bin zu einem kurzen Aufenthalt wegen eines Vorstandstreffens in Frankreich gewesen. Auf dem Weg zurück nach London schienen alle Menschen in Trauer zu sein. Schwarz ist die Farbe in London. Alle Menschen tragen schwarz. Schwarze Hosen, schwarze Hemden, schwarze Mäntel...
Und die Taxen waren auch schwarz... und genauso die Stimmung.
In der vergangenen Woche haben die Bank of England und die Europäische Zentralbank neue Initiativen bekannt gegeben, die darauf abzielen, wieder buntere Farben in die Wirtschaft zu bringen. Beide Banken werden Formen der quantitativen Lockerung aufgreifen.
Schalten Sie jetzt nicht um!
(In Amerika hatten Fernseher und Radios früher eine Wählscheibe, die man nutzte, um den Kanal zu ändern. Die Fernsehsprecher haben früher immer gesagt: Don't touch that dial" [Finger weg von der Wählscheibe], wenn sie etwas Wichtiges zu sagen hatten.)
Ich werde mich über die quantitative Lockerung nicht streiten - versprochen.
In der vergangenen Ausgabe versuchte ich im Interesse neuer Leser zu erklären, wie die Welt meiner Ansicht nach funktioniert. Heute werde ich diese Erklärung fortsetzen - teilweise, um neue Leser ins Bild zu setzen... und teilweise, um mich selbst daran zu erinnern, worüber ich verdammt noch mal schreibe.
Vergangenen Freitag ist der Dow um 164 Punkte nach oben geklettert. Die Erholung hält immer noch an. Die Märkte bilden Meinungen, sagen die Alten an der Wall Street. Nach neun Wochen der steigenden Preise fangen die Leute wieder an, die Welt anders zu sehen. Um es einfacher zu machen: Die Börse wirkt nicht halb schlecht, wie noch vor wenigen Monaten.
Der Ölpreis ist gleichzeitig auf 58 Dollar pro Barrel gestiegen. Der Dollar ist auf 1,36 Dollar pro Euro gefallen. Und Gold lag bei 914 Dollar.
Und sogar die Hauspreise - sie steigen zwar nicht - aber sie fallen nicht mehr so schnell wie zuletzt. Und während die Leute immer noch ihre Stellen verlieren, verlieren jetzt nicht mehr so viele jeden Monat ihren Job, wie am Anfang des Jahres.
Das führte bei vielen Kommentatoren dazu, dass sie glauben, dass die teuren Rettungs- und Konjunkturprogramme der Regierung nun endlich greifen.
Wenn die Tage kürzer werden
Gegen Ende des vergangenen Jahres wurden die Tage immer kürzer. Die Dunkelheit überdeckte das Land - ganz besonders in Island, wo selbst in besten Zeiten der späte Dezember kaum genug Tageslicht liefert, um eine Zigarette zu rauchen.
Und dann wandten sich die Behörden den üblichen Mätzchen zu. Sie haben einige Unternehmen freigekauft... sie haben die Zinssätze auf Null gesenkt... und sie haben den Finanzsektor unterstützt - der zufällig sehr gut in der Regierung und bei der Zentralbank vertreten war - und sie haben die Anleiheninhaber davor bewahrt, dass sie das bekamen, was ihnen zustand.
Gleichzeitig haben die Regierungsvertreter Opfer gegenüber den Göttern der Märkte gebracht. Unfähig irgendwelche Jungfrauen im Finanzsektor zu finden, haben sie die Steuerzahler in den Brunnen geworfen. Und dann waren sie hinter den Sparern her (zugegeben, davon gab es nicht zu viele) und schließlich auch hinter den nächsten Generationen.
Zuerst wirkte es so, als würden die Regierungsvertreter scheitern. Und dann ist es nach und nach wieder heller geworden... und die Tage wurden wieder länger.
Und jetzt schreien die Massen: Das Schlimmste liegt hinter uns", Wir sehen das Ende des Tunnels", Ein Hoch auf die Regierung."
Aber so ist es vermutlich nicht....
Ich will Ihnen hier das erste meiner vier Dikta nennen...
Die Menschen bekommen von den Märkten nicht das, was sie wollen oder das, was sie erwarten. Sie bekommen, was sie verdient haben.
Natürlich würde es den Menschen gefallen, wenn der Abwärtstrend vorbei wäre. Viele verlassen sich darauf. Aber Mr. Market interessiert das nicht die Bohne. Er hat ein Der Kapitalismus bei der Arbeit"-T-Shirt an und einen Vorschlaghammer in der Hand.
Was führt er im Schilde? Er zerstört ein Vierteljahrhundert der Fehlentscheidungen. Es werden immer Fehler gemacht. Es gibt Fehlinvestitionen. Unternehmen gehen unter. Die Leute machen Bankrott. Und wenn viele Fehler auf einen Schlag korrigiert werden, dann nennt man das eine Rezession. Und wenn ein gesamtes Wirtschaftsmodell scheitert, dann nennt man das eine Krise.
Das Wirtschaftsmodell des vergangenen Jahrhunderts hat zu mehr Fehlern geführt als üblich ist. Es hat die Menschen dazu ermutigt, Geld auszugeben, zu leihen und damit zu spekulieren. Und jedes Mal versuchte Mr. Market die Sache wieder zu korrigieren.
Aber dann kamen die Behörden des Weges, mit all ihrem Geld und ihren lockeren Krediten. Die Unternehmen, die schon vor Jahren hätten untergehen sollen, gruben sich immer weiter in die Verschuldung. Die Hausbesitzer haben auch weiterhin mehr Schulden anlaufen lassen. Spekulanten versuchten es mit immer größeren Wetten. Und insgesamt stieg die Gesamtverschuldung - die die Größe der Blase am Kreditmarkt bemisst und alles andere, was damit zusammenhängt - von nur 150% des Bruttoinlandsprodukts als der Pontiac GTO an den Markt kam, auf 370% während der Jahre des Hummer und des Prius.
Berkshire Hathaway mit Verlusten in den Nachrichten
Fische müssen schwimmen, Vögel müssen fliegen und Blasen müssen platzen. Die Blase am Finanzsektor hat es im Jahr 2007 erwischt - inklusive der minderwertigen Kredite, der Hauspreise, der Prämien an der Wall Street und der Derivate. Und was war das für ein Durcheinander.
Und warum sollte es auch anders sein?... Und das bringt mich zu meinem zweiten Diktum:
Das Ausmaß der Korrektur entspricht der Täuschung, die ihr voranging, mit umgekehrtem Vorzeichen.
Die Täuschungen und Absurditäten der Blasenepoche waren gewaltig. Natürlich muss jetzt auch die Korrektur gewaltig ausfallen. Die Aktienmärkte der Welt wurden fast halbiert. Die Immobilienpreise sind fast überall in den Keller geschickt worden. Und der Gesamtverlust an nominalem Vermögen wird auf bis zu 50 Billionen Dollar geschätzt.
Am Anfang der Woche war Buffetts Unternehmen Berkshire Hathaway in den Nachrichten, weil es seit 2001 den ersten Verlust eingefahren hat. Dreiunddreißig Banken haben in diesem Jahr die Türen geschlossen. Amerikas führende Bank sagt, dass weitere 75 Milliarden Dollar nötig sind, um weiter die Türen offen halten zu können. Und von Fannie Mae heißt es, dass das Unternehmen 23 Milliarden Dollar verloren hat und 18 Milliarden braucht, um weiterhin den Immobilienmarkt in Schwung halten zu können.
Hätten diese Verluste verhindert werden können?
Ach... viele davon mit Sicherheit. Wenn der amerikanische Kongress Fannie Mae nie gegründet hätte, dann hätte das Unternehmen den Hypothekenmarkt nie so sehr verzerren können, wie geschehen. Und wenn die Regierung die Zentralbank nicht eingerichtet hätte, dann hätte sie nicht so viel Geld bereithalten könne, für all die Spekulanten und Kreditnehmer. Und wenn die Zentralbank unter Alan Greenspan das getan hätte, was sie tun soll - d.h. die Punschschüssel früh genug abzuräumen" ehe die Party außer Kontrolle gerät - dann wäre die Blase im Finanzsektor sicher viel bescheidener ausgefallen.
Die Menschen haben daraus natürlich nur die falschen Schlüsse gezogen. Sie dachten, dass der Kapitalismus gescheitert" sei. Sie sahen, wie das Auto über die Klippe fuhr... aber sie haben nicht gemerkt, dass die Regierung die Straßenschilder verstellt hat. Anstatt die Investoren vor der gefährlichen Kurve zu warnen, die vor ihnen liegt, sagten die niedrigen Zinssätze der Zentralbank: Fuß aufs Gas!"
Und wie die Geschichte jetzt weiter geht, das wissen wir alle.
Diktum Nr. 3: Der Kapitalismus führt eine Ökonomie nicht immer an den Ort, an den sie will, aber er führt die Wirtschaft immer dahin, wo sie sein sollte.
Egal wer für die Fehler verantwortlich ist, der Kapitalismus geht raus und korrigiert sie mit seinem üblichen Elan. Er trifft die leichtsinnigen Anleger mit Billionenverlusten. Er lässt die falsch verwalteten Unternehmen einstürzen. Er schlägt die Hausbesitzer... und die geschlagenen Derivate, die auf Immobilien basieren zu Staub.
Der Kapitalismus bedient sich eines Prozesses, den der große Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter kreative Zerstörung" nannte. Die Fehler werden zerstört, um Raum für neue Innovation und neue Unternehmen zu machen. Dummerweise bringt dies den Kapitalismus in Konflikt mit der Regierung... und mit dem, was die meisten Menschen wollen. Wenn die Menschen Fehler machen, dann bestehen sie darauf, dass sie schuldlos sind (Wer hätte eine solche Krise kommen sehen können?") und sie wollen, dass ein anderer für die Verluste aufkommt.
Und heute retten die Regierungsvertreter, die ihre regulatorische Verantwortung während der Blasenepoche vernachlässigt haben, die falsch geführten Unternehmen, um die Kreditnehmer zu schützen, die ihr Geld falsch verwaltet haben. Sie sind entschlossen, den Kapitalismus daran zu hindern, größere Veränderungen herbeizuführen - und das auf die schlimmstmögliche Weise. Was ist die schlimmstmögliche Weise? Das ist einfach.
Man lässt die Leute, die das Unternehmen falsch geführt haben, an Ort und Stelle. Man hält hirntote Unternehmen am Leben - zusammen mit den Zombie-Banken. Und man lässt die Regierung den Besitz über große Wirtschaftssektoren übernehmen. Und man gibt einer verschuldeten Gesellschaft noch mehr Schulden. Die Regierung soll allein in diesem Jahr 2 Billionen Dollar leihen. Von wem? Und wer soll das Geld zurückzahlen?
Und damit komme ich zu meinem vierten Diktum: Die Schwere der Krise ist umgekehrt proportional zu den Bemühungen der Regierung, sie aufzuhalten.
Je mehr die Regierungen versuchen, den Prozess der kreativen Zerstörung zu verzögern und abzulenken, desto länger wird es dauern, bis die Aufgabe erledigt ist. Und desto höher wird letzten Endes die Rechnung.
Zwei Beispiele aus der jüngeren Geschichte
Es gibt dafür nur zwei relative deutliche Beispiele in der modernen Geschichte. Nach der Krise von 1929 versuchten die Regierungen Hoover und Roosevelt verzweifelt, die Korrektur zu stoppen. Sie konnten die schlechten Schulden nicht zum Verschwinden bringen, noch konnten sie schlechte Entscheidungen zu guten machen. Sie konnten nur die notwendigen Korrekturen hinauszögern - und dabei neue Fehler machen. Es dauerte bis nach dem Zweiten Weltkrieg 15 Jahre später, bis der New Deal weitestgehend in Vergessenheit geraten war, ehe die Vereinigten Staaten wieder an die Arbeit gehen konnten.
Das andere Beispiel ist Japan. Das Land wurde 1990 von einer großen Korrektur getroffen und die Regierung trat in die Fußstapfen von Hoover und Roosevelt. Im Laufe der Jahre wurde ein Betrag, der dem Output fast eines ganzen Jahres entsprach, für eine Markterholung aufgewendet. Aber damit wurde nur erreicht, dass man die notwendigen Veränderungen hinauszögerte. Und heute, 19 Jahre später, ist die japanische Wirtschaft immer noch in einer korrektiven Stimmung.
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