Der Kaiser ohne Kleider
Dr. Kurt Richebächer in Investors Daily
vom 07. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Amerikas wirtschaftliche Erholung und deren Stärke waren und bleiben die größte wirtschaftliche Sorge der Welt.
Laut allgemeiner Ansicht wird die US-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte so schnell wie nie seit den späten 1990ern wachsen. Laut einer monatlichen Umfrage des Wall Street Journal Online unter 53 Ökonomen wird für das vierte Quartal ein Wachstum von 4 % erwartet.
Während ein paar Ökonomen davor gewarnt haben, dass die Entwicklung dieser Erholung enttäuschen könnte, ist meine Meinung, dass die hohen Wachstumsraten im zweiten Quartal völlig trügerisch waren. Wenn man sich nur auf die harten wirtschaftlichen Zahlen stützt wie Beschäftigung, persönliche Einkommen, Produktion, Investitionen und Gewinne – dann sehe ich überhaupt keine Erholung in den USA.
Seit 2001 haben die USA auf monetärer und fiskalischer Ebene die Wirtschaft finanziell stimuliert, wie man es in diesem Ausmaß vorher noch nie gesehen hat. Im Juli führten die Steuersenkungen zu einem Zuwachs der Einkommen von 19 Milliarden Dollar – was letztlich zu einem Zuwachs von 120 Milliarden Dollar bei den verfügbaren Einkommen führte.
Laut der herrschenden allgemeinen bullishen Stimmung wirkt die Medizin jetzt. Nach der Revision des BIP-Wachstums für das zweite Quartal – der Wert wurde von 2,4 % auf 3,1 % erhöht – ist eine Euphorie ausgebrochen.
Diese Wachstumsraten sind übrigens aufs Jahr hochgerechnet. Wenn amerikanische Ökonomen also von einem Wachstum von 4 % sprechen, dann meinen sie eigentlich 1 %, und das ist nicht unbedingt besonders viel. Die Wachstumsraten in Nachkriegs-Erholungen lagen in den USA in den ersten zwei Jahren nach einer Rezession bei durchschnittlich 5,4 % – und sie brauchten nur sehr wenig monetäre und fiskalische Stimulierung.
Der zweite Grund, warum mich die angeblich hohen Wachstumsraten nicht überzeugen, ist die Tatsache, dass sie hauptsächlich den erhöhten Staatsausgaben zu verdanken sind. Im vierten Quartal war der Anstieg der Staatsausgaben für 24,5 % des Wachstums verantwortlich, im ersten Quartal 2003 für 40,7 % und im zweiten Quartal für 38,2 %.
Der wichtigste negative Punkt ist allerdings die angebliche Erholung bei den Investitionen der Unternehmen nur ein statistisches Wunder ist. Im zweiten Quartal 2003 lagen die IT-Investitionen bei 1,1199 Billionen Dollar – nach 1,1268 Billionen Dollar im ersten Quartal 2002.
Ich muss Sie nicht daran erinnern, dass eine wirkliche wirtschaftliche Erholung im Kern sowohl durch einen Anstieg der Konsumausgaben als auch durch einem Anstieg der Investitionen zustande kommt. Aber was ist mit diesen beiden Faktoren in der ersten Jahreshälfte 2003 passiert?
Lassen Sie uns den Anstieg des aggregierten BIP betrachten. In aktuellen Dollar ist es im ersten Quartal um 99,6 Mrd. Dollar und im zweiten Quartal um 105,5 Mrd. Dollar gewachsen, kaum eine Beschleunigung.
Wenn man sich die Nachfragekomponenten ansieht – mit den Konsumausgaben als der größten Komponente – dann sieht man, dass es in diesem Bereich einen Rückgang von 87,1 Mrd. Dollar auf 83,1 Mrd. Dollar gab. Die Investitionen von Ausländern fielen im ersten Quartal, erreichten im zweiten Quartal aber wieder ihr voriges Niveau. Vom ersten zum zweiten Quartal verlangsamte sich das Wachstum der Regierungsausgaben von 40,7 Mrd. Dollar auf 33,6 Mrd. Dollar. Das stark steigende Handelsbilanzdefizit nahm im ersten Quartal 11,1 Mrd. Dollar vom BIP-Wachstum, im zweiten waren es 23,8 Mrd. Dollar.
Aber dieses durchwachsene Bild – gemessen in aktuellen Dollar – änderte sich radikal, nachdem die Statistiker diese Zahlen mit ihren Preisindizes behandelt hatten. Demnach hat sich das BIP-Wachstum von 33,8 Mrd. Dollar auf 73,5 Mrd. Dollar beschleunigt. Das Wachstum der Konsumausgaben explodierte regelrecht, von 33 Mrd. Dollar auf 62,4 Milliarden Dollar, und das Wachstum der Regierungsausgaben erhöhte sich von 1,7 Mrd. Dollar auf 31,7 Mrd. Dollar.
Den größten Beitrag zum BIP-Wachstum lieferte jedoch die Preisanpassung bei den Computern. In aktuellen Dollar sind die Investitionen in diesem Sektor im ersten Quartal um 0,8 Mrd. Dollar und im zweiten um 6,3 Mrd. Dollar gestiegen, aber der Preisfaktor führte zu einem Anstieg von 15,3 und 38,4 Mrd. Dollar! Damit waren die Wachstumsraten bei den Ausgaben für Computer für 43 % des gesamten BIP-Wachstums im ersten und für 44 % des gesamten BIP-Wachstums im zweiten Quartal verantwortlich.
Die breite Finanzpresse hingegen nahm den angeblichen Anstieg der Computer-Investitionen als Beleg für die Rückkehr der Hightech-Investments. Die Wall Street zelebrierte das mit einem Anstieg des Nasdaq-Composite um 56 % seit März.