Der Interbankenhandel stockt – folgt eine Kreditklemme? 2/2
Thomas Kallwaß in Devisen-Monitor zum Thema Börse
vom 5. Januar 2012, 08:30 Uhr
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Eigentlich wollte die EZB mit den 490 Milliarden Euro, die sie den europäischen Banken zu einem Zinssatz von einem Prozent für drei Jahre geliehen hat, den Markt am Laufen halten. Auch die Leitzinssenkung im Dezember auf ein Prozent brachte zwar mehr Liquidität in den Markt, vermochte aber nicht größeres Vertrauen der Banken untereinander zu schaffen. Zu groß erscheinen die Unsicherheiten der Griechenland-Pleite, weiterer Bürgschaften, Rettungsschirme und die reale Gefahr eines Auseinanderbrechens des Euros.
Kreditklemme in Griechenland, Portugal und Irland
Noch scheint eine Kreditklemme nicht zwingend eintreten zu müssen. Wirtschaft und Banken versuchen zu beruhigen und liefern den Erklärungsansatz, dass zwischen Weihnachten und Neujahr tendenziell wenig Geschäft betrieben wird und auch darin eine Ursache des hohen Anlagevolumens bei der EZB zu suchen ist. Für Deutschland mag das zutreffen. Richtet man jedoch den Blick auf Länder wie Griechenland, Irland und Portugal, kann bereits eine Kreditklemme beobachtet werden. Dort nämlich haben die Unternehmen erhebliche Schwierigkeiten, an neue Kredite heranzukommen.
Deutschland vorerst gut gerüstet
Oft ist eine Finanzierung für diese Unternehmen mit hohen Zinssätzen verbunden, noch öfter müssen sie versuchen, sich Finanzierungsquellen außerhalb des Bankensektors zu erschließen. Was in den angeschlagenen Euroländern heute Realität ist, könnte auch auf andere Eurostaaten übergreifen. Zumindest der ins Stocken geratene Interbankenmarkt liefert Indizien dafür.
Dass dieser Fall auch wieder in Deutschland eintreten könnte, stehen diverse Fakten entgegen. Das Wirtschaftswachstum wird zwar im Jahr 2012 sinken, liegt aber der Prognose zufolge bei einem Prozent und damit noch im Plus. Auch die Exporte in nicht EU-Länder tragen zur Stabilität der deutschen Wirtschaft bei. Der Geschäftsklima-Index der Münchner Ifo-Instituts legte zuletzt zwei Mal in Folge zu. Ein nicht zu unterschätzender Indikator kommt aus dem Einzelhandel. Die guten Geschäftszahlen zeigen, dass die Bevölkerung bereit ist, Geld auszugeben und eben nicht in die von Angst getriebene Sparwut verfällt. Die Bürgerinnen und Bürger empfinden die aktuelle wirtschaftliche Situation also nicht als existenzgefährdend.
Neue Eigenkapitalregeln könnten Kreditklemme begünstigen
Während die Gefahr einer Kreditklemme durch mangelndes Vertrauen in die deutsche Wirtschaft eher gering ist, treten mit dem Jahreswechsel andere Gefahren auf, die die Sorgen um eine Kreditklemme auch hierzulande nähren. Denn ab Mitte 2012 gelten verschärfte Eigenkapitalregeln für Banken. Die Eigenkapitalquote von Finanzinstituten muss dann neun Prozent betragen. Die höhere Mindestquote entspricht einem Kapitalbedarf europäischer Banken von 115 Milliarden Euro. Das neue Eigenkapitalziel kann auf zwei Wegen erreicht werden: Entweder die Banken stocken ihr Eigenkapital bei gleichbleibendem Kreditvolumen auf oder sie verringern ihr Kreditvolumen. Da Letzteres der einfachere Weg ist, befürchtet die Wirtschaft, dass insbesondere mittelständische Unternehmen vor Finanzierungsproblemen gestellt werden. Auch EZB-Chef Draghi sah sich kürzlich veranlasst, vor einem Zurückfahren der Kredite für die Wirtschaft zu warnen.
In Deutschland finanzieren sich traditionell mittelständische Unternehmen über ihre Hausbank. Gerät diese nun aufgrund der neuen Eigenkapitalrichtlinien unter Druck, könnten Kreditlinien nicht mehr verlängert oder Neuanträge abgelehnt werden, schlicht weil die Eigenkapitalquote der Bank weitere Kredite nicht zulässt.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Jan Fischer (05.01. 2012 11:18 Uhr):
Ich zitiere einmal: "Ein nicht zu unterschätzender Indikator kommt aus dem Einzelhandel. Die guten Geschäftszahlen zeigen, dass die Bevölkerung bereit ist, Geld auszugeben und eben nicht in die von Angst getriebene Sparwut verfällt. Die Bürgerinnen und Bürger empfinden die aktuelle wirtschaftliche Situation also nicht als existenzgefährdend." Die Analyse ist schlichweg falsch. Die Bürger finden die wirtschaftliche Situation durchaus als bedrohlich. Sie sehen die reale Gefahr von Inflation. Ein Freund von mir berichtete, daß er im vergangenen Jahr gute Geschäfte gemacht hat. Er baut Häuser - Betongold. Der Bürger beginnt also bereits sein Geldvermögen in Realvermögen umzuwandeln.
Antworten - Kommentar von Albert Karl (05.01. 2012 14:32 Uhr):
Wem verwundert`s wenn der Interbankenhandel stockt? Die Hauptbelastungsfaktoren bleiben ja auch in diesem Jahr bestehen! Der IWF kürzt seine Wachstumsvorhersage für die globale Wirtschaft von 4,5 auf 4 Prozent, die Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone greift weiter um sich, die USA erreichten im Dezember `11 ein Haushaltsdefizit von einer Billion Dollar und Chinas Immobilienmarkt kühlt sich merklich ab. Wir werden also gegen Mitte des Jahres 2012 die größten Auswirkungen des Rückgangs des weltweiten Wirtschaftswachstums spüren, auch wenn es momentan in den Schwellenländern noch relativ gut läuft. Das Fatale: die Regierungen dieser Welt müssen in 2012 fast 8 Billionen Dollar an Schulden zurückzahlen, was aber nur über die Aufnahme neuer Schulden zu realisieren sein dürfte (BRD= 285 Mrd. Dollar). Und ob wir auf Sicht weiterhin die fast vernachlässigbar niedrigen Zinsen bei der Aufnahme neuer Kredite aufrechterhalten werden können, wird sich künftig zeigen. Im Negativfall wird dies dann wiederum neue Defizitprobleme aufwerfen. Ein Teufelskreis, aus dem wir nur mit einem Schuldenschnitt herauskommen werden, um bei Null wieder anzufangen, in der Hoffnung, dass die Menschheit sich dann nicht mehr vor lauter Gier so maßlos verzokt und überproportional verschuldet. Denn Ausbaden muss es letztlich das einfache Volk.
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