Jochen Steffens in Investors Daily
vom
Der größte Stromausfall in der Geschichte der USA legte größere Teile des Nordostens der USA und Teile des Südens Kanadas lahm. Schätzungen gehen davon aus, dass 50 Millionen Menschen ohne Strom waren. Das erste, was ich gedacht habe: Terror-Anschlag – die übliche 11. September Paranoia.
Präsident Bush schob es auf einen Blitzeinschlag. Ich befürchte Präsident Bush hat in der Schule nicht so besonders gut aufgepasst, sonst hätte er wissen müssen, dass ein Blitzeinschlag meistens mit einem Gewitter, also schlechtem Wetter zusammenhängt. Nein, schlechtes Wetter, sprich eine Gewitterfront, gab es wohl zu diesem Zeitpunkt nicht. Offenbar war das Stromnetz einfach nur gnadenlos überlastet. Man hört in diesem Zusammenhang interessante Aussagen: Das Stromnetz in der USA hätte "dritte Welt" Niveau erreicht. Seit der Dezentralisierung ständen die US-Stromversorger in Konkurrenzkampf, das belaste die Zusammenarbeit. Wichtige Investitionen seien aus Profitgier ausgeblieben. Die gesamte Infrastruktur in Amerika sei hoffnungslos überaltert. Angesichts der Verschuldung wird sich daran auch nicht viel ändern.
Dieser Stromausfall offenbart aber auch etwas ganz anderes. Nämlich, wie abhängig die westliche Welt vom "Rohstoff" Strom ist. Nichts funktionierte mehr in Amerika. Es entstand ein riesiges Chaos, denn das gesamte Alltagsleben war zum Erliegen gekommen. Welche Beruhigung zu hören, dass wenigstens die US-Börsen über Stromgeneratoren verfügen.
Die Trader pickten sich heute morgen wie Geier die Firmen heraus, die unter diesem Stromausfall leiden könnten: US-Versorger, bestimmte Versicherungen, US-Airlines und natürlich steht der Ölpreis auf der Liste, er steigt (warum auch immer). Dabei dürften besonders die US-Firmen aus der Region profitieren, die Stromgeneratoren für den Hausgebrauch herstellen.
Insgesamt wird der heutige US-Handel jedoch unter geringem Volumen leiden. Viel wird also nicht geschehen.
Es war schon immer so: Die Börsen sind die Kapitäne der freien Marktwirtschaft. Sie werden ein sinkendes Schiff als Letzte verlassen. Das erinnert mich an einer der Geschichten von Kostolany: Während der Besetzung Frankreichs im zweiten Weltkrieg war die Pariser-Börse nicht etwa geschlossen worden, sie zog einfach in unbesetzte Gebiete um. Zwar sei ein Handel kaum möglich gewesen, so Kostolany, aber immerhin, sie blieb bestehen. Wollen wir hoffen, dass wir uns in einer postindustriellen Gesellschaft nicht wieder unter Bäumen treffen, um zu handeln. Es gibt schließlich eine Theorie, die besagt, so hätte der "Börsenhandel" angefangen.
Unsere Hochkultur ist anfällig geworden. Sehr anfällig. Ich habe heute morgen kurz die Augen geschlossen, mich zurückgelehnt und mir versucht vorzustellen, was ich ohne Strom machen sollte ... Ich hatte meine Augen ganz schnell wieder auf. Das erste was passieren würde, ich würde sofort meine Arbeit verlieren. Traden ...? Ohne Computer völlig unmöglich. Ich müsste also wieder wie damals zu meinem Bankberater oder Broker gehen, nachdem ich umständlich einen Termin mit ihm abgesprochen habe. Dort dann bei einem (kalten) Kaffee über die Börse philosophieren und meine Käufe und Verkäufe tätigen. Was sollte ich in der Rest der Zeit machen? Nach Frankfurt ziehen?
Es wäre auch das Ende dieses Investor's Daily. Denn diese Zeilen auf Papier zu drucken und per Post zu verschicken? Der Aufwand wäre für einen kostenlosen Börsenbrief viel zu groß.
Noch kurz zur Börse: Beim Dax passierte heute nicht viel. Das Sommerloch macht sich deutlich bemerkbar. Man sagt, im Oktober käme es häufig zu wichtigen Trendwechseln. Vielleicht müssen wir tatsächlich noch bis zum Oktober warten.