Der "falsche Tucholsky" zieht weiter seine Kreise
Cindy Bach, Insider Daily vom 12.11.2008 10:00
ENL5292
Ich muss auch heute noch einmal auf das Thema "Tucholsky-Fake" zurück kommen, da mich Anfang der Woche eine E-Mail vom tatsächlichen Verfasser des Gedichtes "Höhere Finanzmathematik" erreichte. Ich selbst hätte niemals erwartet, welche Ausmaße diese Geschichte einmal annehmen würde. Nichts desto trotz muss ich dem Wiener Autor Dr. Richard G. Kerschhofer, der in den Medien des Öfteren unter dem Synonym Pannonicus schreibt, einfach recht geben, wenn er sich über den Missbrauch seiner Worte und die öffentliche Abwertung beschwert.
Und ich will ihm auf diesem Wege natürlich noch einmal versichern: Ich meine im Hinblick auf "Tucholsky-Fake" nicht seine Worte, sondern die Tatsache, dass man diese ohne Skrupel einem anderen in den Mund (oder besser noch auf die "Feder") gelegt hat, so dass sie in einem völlig anderen Kontext gesehen werden konnten. Hier also ein kurzer Auszug aus seinem Brief an mich:
"Sehr geehrte Frau Bach,
wie ich einem routinemäßig auf Plagiats-Suche eingerichteten Google-Alert entnehme, entschuldigen Sie sich bei Ihren Lesern für einen Missbrauch, den übrigens auch etwa 500 andere Sites zu verantworten haben - meist deutsche, aber mittlerweile auch englische, russische, holländische, türkische und griechische Sites. Das Sie sich bei Ihren Lesern entschuldigen, ist natürlich lobenswert, denn die meisten tun nicht einmal das. Sie sollten sich aber in erster Linie bei dem Verfasser des Gedichts und bei den Medien "Preußische Allgemeine Zeitung" und "Genius-Briefe" für die Verletzung der Urheber- und Verwertungsrechte entschuldigen. (...)
Tatsache ist, dass das Gedicht mit meinem bis vor zwei Wochen noch nicht "enttarnten" Pseudonym "Pannonicus" gezeichnet war - so wie dies seit Jahren jede Woche in der PAZ und in unterschiedlichen Abständen in mehreren österreichischen Medien der Fall ist. Das Gedicht wurde zunächst von mindestens zwei verschiedenen Personen gestohlen und unter jeweils eigenem Namen ins Internet gestellt. Dann tauchte plötzlich der Name Tucholsky darunter auf, noch dazu mit einer Quellenangabe aus 1930 - und dann lief es
wie in einem Kettenbrief, denn der Inhalt passte trefflich ins Konzept aller Linken - von der SPD über Gewerkschafts-Teilorganisationen bis hin zu "Die Linke", KPÖ und Grüne.
Alle waren voll des Lobes über die prophetischen wie die dichterischen Gaben "ihres" Tucholsky - wahrscheinlich ohne ihn gelesen zu haben und jedenfalls ohne sich Gedanken über Wörter wie "Derivate" und "Leerverkauf" zu machen. Seit aber der angebliche "Schwindel" aufgeflogen ist, gibt es von dieser Seite nur noch abwertende bis beleidigende Kommentare. Irgendwer schrieb sogar "wieder sind wir einem Österreicher auf den Leim gegangen". Auch nicht von Tucholsky, dafür aber wirklich von dem Österreicher Karl Kraus stammt der Satz: "Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist." Dem ist wohl nichts hinzuzufügen."
Übrigens gab mir Herr Kerschhofer auch einige verlässliche Quellen an, welche seriös und ausnehmend gut recherchiert über diesen Urheber-Missbrauch berichtet haben. Für alle, die es interessiert, hier die Links:
http://diepresse.com/home/wirtschaft/finanzkrise/426781/index.do
http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/:Out-of-Office-Dichtung-und-Wahrheit/432416.html
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