Der Derivate - Crash - wie Sie sich davor schützen
Investoren Wissen zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 29. Mai 2007 16:00 Uhr
ENL5462
von Dr. Markus Schoor
Liebe Leser,
seit Jahren warnt Warren Buffett vor einem Derivate-Crash - aber mein Gott, was ist denn überhaupt ein Derivat?
Also fangen wir klein an:
Ein Derivat ist "ein Produkt, dessen Preis vom Preis anderer Produkte abhängt ist oder davon abgeleitet wird."
Es sollte Ihnen nach meinen Artikeln der letzten Wochen sofort auffallen: Derivate sind also keinesfalls unbedingt "Wertpapiere".
Dieses: "vom Preis anderer Produkte abhängen" bietet allerlei Möglichkeiten, die die Werthaltigkeit eines solchen Produktes untergraben. In letzter Zeit fallen mir beispielsweise die "Index-Tracker-Zertifikate" auf, die auch namhafte Banken plötzlich massenhaft auflegen.
Also: "Ein Junge sitzt auf den Bahamas am Strand und wird ohne sein Wissen von einer Kamera beobachtet. Der Junge spielt mit Murmeln und in der Mitte seines Spielfeldes ist ein Kreis. Die Kamera hält nun jeden Tag 8x zu genau festgesetzten Zeiten fest, wieviel Murmeln sich im Kreis befinden."
Diese Daten werden kommentarlos an eine Bank in Deutschland geliefert, die nun jede Murmel, die sich im Kreis befindet oder den Kreis verlässt, genau in den Preis des Zertifikats übersetzt. Am ersten Tag, an dem dieses Index-Tracker Zertifikat aufgelegt wurde, hatte der Junge 100 Kugeln im Kreis, also betrug der Emissionspreis 100 Euro. In den folgenden Tagen schwankt der Kurs stark, denn wenn der Junge 10 Kugeln aus dem Kreis entfernt, dann beträgt der Kurs 90 und wenn er danach wieder 20 hineinschleppt, ist der Preis auf 110 Euro gestiegen.
Ich würde dieses Zertifikat übrigens: "Youth-Creativity-Index-Tracker-Zertifikat" nennen. (gibt es nicht!)
Vermutlich werden Sie sagen, daß dem Doc mal wieder die Phantasie durchgebrannt ist oder sich an meinen Aprilscherz erinnert fühlen, aber leider muß ich Ihnen sagen, dass ich bereits mindestens 50 solcher Zertifikate kenne:
Jemand vom Ende der Welt behauptet dort z.B. einen Hedgefonds laufen zu haben.
Die Kurse dieses Hedgefonds oder eines beliebigen Portfolios werden als Index definiert. Und auf diesen Index wird von einer namhaften Bank ein Tracker Zertifikat am Kapitalmarkt angeboten und in Deutschland auch von der BaFin zum Vertrieb zugelassen.
Dabei schreibt die Bank selbst, daß sie keinerlei Einsicht in das "abgeleitete" Produkt oder das Zustandekommen des Index habe oder gehabt habe. Sie übernehme auch keinerlei Garantie für dieses oder dessen Zusammensetzung, sondern garantiere lediglich die korrekte Ausführung der ihr gemeldeten Kurse. Sie sagt im Prospekt sogar ausdrücklich, sie habe das Kind und den Kreis nie gesehen.
Das klingt auch alles noch ganz plausibel, oder?
Aber überlegen Sie bitte mal, was passiert, wenn ein Sturm auftaucht und die Murmeln des Kindes mit Sand zudeckt? Was ist, wenn jemand die Kurse manipuliert?
Nehmen wir an, da liefe wirklich irgendwo ein Portfolio mit 100.000 Euro, und dessen tatsächliche Bewertung würde als Index gemeldet und wäre Grundlage für ein Zertifikat.
Ist es nicht komisch, dass im Original 100.000 Euro laufen, während Sie als Kunde vielleicht 20 Millionen in dieses Zertifikat investieren?
Das mag alles etwas exotisch für Sie klingen, denn
Beim Dax ist so etwas nicht möglich, oder?!
Weit gefehlt: Die Vorgänge von Altana sind noch keinen Monat alt. Anfang des Monats beschloß Altana die Sonderausschüttung von 34,80 Euro pro Aktie und damit die Zerschlagung der Firma: Das Pharmageschäft wird verkauft und der Rest formiert sich neu. Das war alles schon lange klar und auch die Tatsache, daß die Aktie im Juni aus dem Dax ausscheiden wird.
Anfang Mai notiert der Kurs der Altana deshalb bei ca. 50 Euro, aber während die einen sich auf die hohe Dividende (aus dem Verkauf der Pharmasparte) freuen, waren die Banken und auch die meisten Trader spektisch. Aktien, die aus dem Dax herausfallen, ist meist keine gute Kursentwicklung beschieden.
Und so wurden viele DERIVATE auf Altana aufgelegt, die auf einen fallenden Kurs setzten.
Dieser blieb aber dann plötzlich aus und stattdessen rannte der Kurs nach oben davon:
Zitat aus der Süddeutschen Zeitung vom 24.5.07: "Die Turbulenzen bekamen aber nicht nur die Anleger an den Aktienmärkten zu spüren. Erfasst von der Achterbahnfahrt der Altana-Titel wurden auch Investoren in den Hebelprodukten und Anlagezertifikaten zu dieser Aktie.
Die Geschehnisse an jenen Tagen fasst Dieter Lendle vom Deutschen Derivate Institut (DDI) so zusammen: "Das war kein Ruhmesblatt für den Finanzplatz Deutschland.
Tagelange Unterbrechung
Für die Emittenten der abgeleiteten Produkte sei es "albtraumhaft" gelaufen; und dies auch noch bei einem Wert aus dem Dax. Man habe einen "Präzedenzfall" erlebt und müsse auf solche Fälle besser vorbereitet sein."
Was war passiert?
Hier mal der Kursverlauf, wenn es gar keine Dividende gegeben hätte:
Wie Sie hier gut sehen können, verlief die Kursentwicklung erstaunlich gut, statt schlecht.
Und so kam es plötzlich am Tag der Dividendenausschüttung (das ist der Tag wo die Aktien von 14 auf 22 stieg), zur Kursaussetzung. Auf Anfrage beim Broker oder auch bei der Eurex erhielt man die Antwort: "rien ne va plus" (nichts geht mehr).
Die Emittenten behaupteten nun: Sie hätten die Umrechnung auf den neuen Kurs nach der Dividendenausschüttung nicht so schnell hinbekommen....
Doch die Wahrheit war eine andere:
Hier hatten namhafte Emittenten Shortpapiere (Optionsscheine und Zertifikate, die auf fallende Kurse setzen) herausgegeben, ohne vorher für die nötige Deckung zu sorgen. Als nun der Kurs in die falsche Richtung lief, schlossen sie die Papiere einfach und setzten sie vom Handel aus. Als nächstes begannen sie damit die Aktien von Altana um jeden Preis zu kaufen - und so kletterte der Kurs über 50% hoch über 22 Euro .....
"Brisant ist der Fall aber auch, weil es Emissionshäuser geben soll, die hohe Verluste - die Rede ist von zweistelligen Millionenbeträgen - mit ihren derivativen Produkten erlitten, weil die Altana-Aktie am Tag nach der Hauptversammlung mit einer erheblichen Kursdifferenz notierte." (SZ vom 24.5.07)
Wenn es die leichtfertigen Emisssionshäuser zu Millionenverlusten gebracht haben, was werden da erst die Anleger sagen, die mindestens diegleichen Verluste erlitten haben, aber nicht aus ihren Positionen herauskamen?
Sie werden sich fragen: Auf was für Papiere habe ich eigentlich gewettet? Und war es eine Wette auf "Luft"?
Was ist daraus zu lernen?
Es braucht jetzt nicht mehr viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass leichtfertige Emissionshäuser an einem unbekannten Tag in der Zukunft in Bedrängnis geraten werden und dann in der Folge der bekannte Dominoeffekt eintreten wird. Nur der Junge am Strand wird davon nichts mitbekommen......(Ich überlege zur Zeit ob ich mein Haarwachstum nicht filmen lassen soll und als "Docs-Haar-Konstant-Return-Index" hervorbringen soll - risikoärmer könnte die Rendite für Sie bei einem Zertifikat kaum sein.....)
Derivate wie Optionsscheine und viele Arten von Zertifikaten sind kein Vermögen. Sie sollten unter keinen Umständen mehr als 50% davon in Ihrem Portfolio haben und am besten gar keine, wenn Sie nicht spekulieren müssen, um zusätzliches Vermögen zu erzeugen.
Hier gilt Kostolanys alte Regel:
"Wer viel Geld hat, darf spekulieren.
Wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren!
Wer kein Geld hat, muß spekulieren! "(aber selbst dann nicht mehr als 50% in Derivate)
Zertifikate von Emittenten, die nach ihren eigenen Angaben tatsächlich auf bestehenden Wertpapieren Zertifikate emittieren, sind zu bevorzugen, zumal man auf Zertifikate einen Stopp Loss setzen kann, was man bei Optionsscheinen zwar kann aber niemals tun sollte, wenn man an seinem Geld hängt.
Bitte gehen Sie immer in dem Gedanken vor, "Werte" zu kaufen.
Bitte gehen Sie mit Derivaten immer um wie mit einer heißen Kartoffel - nur so kurz wie möglich festhalten!
Viel Erfolg!
Doc
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