Der Dax ... und ein sehr löchriger Boden
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Dax 30
vom 16. März 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Die üblen Nachrichten scheinen sich irgendwie übergangslos die Klinke in die Hand zu geben. Kaum beruhigt sich der Yen etwas, werden wir mit hundsmiserablen Konjunkturdaten aus den USA beglückt. Und morgen ... könnten wir dann wieder von einer neuen Pleite im Hypothekengeschäft hören. Oder der Yen kommt wieder in Fahrt. Da ist es irgendwie wenig hilfreich, dass das Rohöl im Moment Ruhe gibt ... es gibt genug, um sich Sorgen zu machen.
Dabei dürften es vor allem die Wechselwirkungen zwischen den US-Konjunktur-Teilbereichen Immobilienmarkt und dem Konsum sein, der die Gemüter bewegen wird. Und dann natürlich, was die US-Notenbank zu tun gedenkt. Angesichts der wirklich auch für mit Scheuklappen versehene Daueroptimisten unübersehbaren Verschärfung der Lage (welche angebliche Dauerpessimisten so erwartet hatten, die aber, wie die Aktienmärkte ja bis Ende Februar zeigten, eine verschwindende Minderheit waren) stellt sich die entscheidende Frage:
Was nun, Mr. Bernanke?
Was wird die US-Notenbank unter Mr. „Lage im Griff“-Bernanke kommende Woche von sich geben? Was passiert mit den Märkten, wenn die Fed weiterhin so tut, als wäre alles tadellos? Jetzt könnte ihr ja nun wirklich niemand mehr Glauben schenken. Aber selbst wenn sie einräumt, dass die Lage sich verschärft hat, würden denn nicht die immer noch zu hohen Preissteigerungsraten Zinssenkungen im Wege stehen?
Und selbst wenn sie Zinssenkungen in Aussicht stellt ... wird nicht möglicherweise die Erkenntnis Platz greifen, dass es längst zu spät ist? Immerhin sollten die Notenbanken Entwicklungen antizipieren und sanft gegensteuern, anstatt zu eine gegen die Wand gefahrene Wirtschaft mit Pflastern zu versorgen.
Und selbst wenn sie nun schnell und deutlich die Leitzinsen senkt ... würde das überhaupt helfen? Wie weit müsste man hinuntergehen, um einen nennenswerten Teil der nun notleidenden Subprime-Mortgages mit variablem Zinssatz vor dem k.o. zu retten?
Kleiner Einwurf: während ich diesen Bericht schrieb verloren die US-Börsen gerade ihre kompletten Gewinne – zumindest zeitweise. Aber warum, um 18:45 Uhr? Weil „Mr. G“ gerade eine Rede hält ... über Subprime Mortgages. Hinter Mr. G verbirgt sich nicht der Chef von M., sondern Mr. Alan Greenspan, bis vor einem Jahr Chef der US-Notenbank. Sobald „Old Knitterface“ seine Stimme erhebt, erbebt der Markt. Kein gutes Bild für Bernanke und die Fed von heute, wenn der Vorgänger die Märkte bewegt, man selbst aber höchstens den Löffel in der Kaffeetasse. Was natürlich nur meine rein persönliche Meinung ist.
Eine Chance auf Bodenbildung ... aber mit überaus schwachen Wettquoten
Vor diesem Hintergrund müssen wir die Chancen betrachten, die unser Dax auf eine Bodenbildung hat. Natürlich war es beeindruckend, wie der Dax am Mittwochabend im nachbörslichen Handel genau auf Höhe seiner vor zwei Wochen markierten Tiefs knapp über 6.400 wieder nach oben federte. Das birgt die Chance auf ein blitzsauberes Doppeltief, das beim Anstieg über 6.750 rechnerisches Kurspotenzial genau bis zu den bisherigen Jahreshochs haben würde. Ich nehme an, die überlebenden Optimisten haben sich das bereits ausgerechnet.
Der Haken ist nur, dass „es“ nicht von alleine dahin steigt. Es muss auch der Boden bereitet sein, dass die Marktteilnehmer kaufen und weiterhin kaufen – auch bei 6.700, 6.800 und so fort. Unter dem Strich meine ich, dass sich die externen Einflussfaktoren in den vergangenen Wochen nicht verbessert, sondern eher verschlimmert haben. Den Akteuren sind jetzt nicht nur die Probleme bewusst, die sie vorher ignoriert haben, sie zeigen auch eine gewisse Dynamik ... zumindest was die US-Immobilien und die US-Konjunktur insgesamt betrifft.
Sie wissen, an der Börse gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit für zukünftige Entwicklungen. Aber ich meine, die Chancen, bereits jetzt eine Bodenbildung hinzubekommen, stehen zumindest nicht besonders günstig. Vor allem, wenn man sich überlegt, warum wir vorgestern solch einen beeindruckenden Turnaround in den USA und in der Folge in Europa hinbekamen.
Folgender Gedanke hat keinen Anspruch auf ultimative Wahrheit (wie alles, was ich von mit gebe), aber ich meine, man sollte mal darüber nachdenken:
Wer waren die Retter vom Mittwoch?
Wer war es, der den Dax bei 6.440 vor einem weiteren scharfen Absturz rettete, der dann schnell noch mal 100-150 Punkte bis zum Ende der Woche hätte ausmachen können? Wer hielt trotz neuer Tiefs an Wall Street mit aller Kraft dagegen, um einen weiteren Einruch zu verhindern?
Schnäppchenjäger, beherzte Investoren? Ja, sicher. Aber die haben nicht das Kapital, um einen riesigen, in freiem Fall befindlichen Supertanker von US-Markt binnen Minuten zu stoppen und zu drehen. Dazu muss viel Kapital antreten. Sehr viel.
Mit Blick auf den heutigen Verfalltermin hatte nur eine Gruppierung – gerade am Optionsmarkt - immens viel zu verlieren: Diejenigen, die Puts verkauft haben. Überlegen wir mal: Die waren doch fast alle plötzlich im Geld. Seit dem letzten Hexensabbat im Dezember lag der Dax immer höher als zu diesem Zeitpunkt, bei 6.600 oder höher. Als sicher geglaubte, vereinnahmte Optionsprämien verwandelten sich so plötzlich alle in die Wahrscheinlichkeit, auf einmal Unmengen an Aktien angedient zu bekommen, weil erhofft wertlose Puts plötzlich sehr wertvoll geworden sind. Es sei denn ...
... man schafft es wenigstens, einen Teil der anstehenden Verluste zu verhindern, indem man den Markt nach oben hievt. Diejenigen, die maßgeblich am Optionsmarkt Optionen schreiben, also verkaufen, sind institutionelle Anleger, also die großen Adressen mit entsprechender Kapitalkraft. Nur sie können solche im freien Fall befindlichen Märkte auch so effektiv drehen. Natürlich ... als die Kurse erst mal gedreht hatten, lief die Geschichte durch Eindeckungen und Käufe anderer fast von alleine weiter. Aber:
Und was passiert ab Montag?
Wenn an dieser Überlegung was dran ist, stellt sich natürlich die Frage: Was passiert ab Montag? Es ging bei diesen Eindeckungen und Käufen nur darum, die Börsen zu diesem Stichtag Freitag nicht zu tief abrutschen zu lassen. Das sind keine Käufe gewesen, die als Investment anzusehen sind. Also wäre es durchaus möglich, dass diese Bestände in der kommenden Woche wieder in den Markt fließen, wenn sich bis dahin nichts ereignet, was ein Halten dieser Rettungspositionen als lukrativ erscheinen lässt.
Angesichts der anstehenden US-Konjunkturdaten und der Notenbankentscheidung am Mittwoch würde ich mal behaupten, dass es zumindest per heute ebenso viel Gründe gibt, ungeplante Überbestände zügig loszuwerden, wie sie zu halten. Und unter diesem Gesichtspunkt sollte man sich den Dax ansehen ... noch ist das ein verteidigtes Tief auf Abruf!
Endlich: eine Trendlinie!
Aber zunächst die gute Nachricht: Wir können uns jetzt eine Trendlinie einzeichnen! D.h. durch die abverkaufte Zwischenerholung Anfang der Woche haben wir jetzt einen kurzfristigen Abwärtstrend. Für Charttechniker ein Grund zu Freude: Wir haben was zum zeichnen und zum beobachten!
Der kurzfristige Chart zeigt (verzeihen Sie mir, dass ich nicht die Kurse bis 22:00 Uhr über den Future einbaue, aber ich soll zu einer Familienfeier), dass wir gerade dabei sind ein Gap (Kurslücke) zu schließen, das durch den Kursrutsch zum Mittwoch aufgebaut wurde und bis 6.624 reicht. Genau dort liegt heute auch der kurzfristige Abwärtstrend, der natürlich wegen eben dieser Kurzfristigkeit und der Steilheit mit Vorsicht zu genießen ist, solange er nicht noch mal erneut bestätigt wurde.
Das wäre also das verbleibende Potenzial nach oben, ohne dass sich die Lage dadurch ändern würde. Gelänge dort der Durchbruch steht die nächste Hürde bei 6.750, den Zwischenhochs vor dem letzten Abwärtsimpuls. Dort käme in wenigen Tagen auch der 20 Tage-Durchschnitt als weiterer Widerstand hinzu.
Erst ein Durchbruch über 6.750 würde auch eine Bodenbildung in Form eines Doppeltiefs abschließen. Bis dahin ist also alles offen. Und mit Blick auf den langfristigen Wochenchart, der gerade erst ein Verkaufssignal des MACD generiert hat und wo die 6.150 als potenzielles Kursziel lockt und wo gerade auch der 42 Wochen-Durchschnitt (200 Tage-Durchschnitt) verläuft und mit Blick auf die kritische Lage in den USA würde ich jetzt noch keineswegs auf ein Ende der Korrektur wetten wollen.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
The Daily Observer

