Der Dax - Entscheidung unter der Plüschdecke
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Dax 30
vom 23. Februar 2007 07:30 Uhr
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Der Ölpreis durchbrach also tatsächlich seinen Abwärtstrend. Wurde der Rückgang des Öls noch mit einer Rallye zelebriert – Dienstag – nahm man diesen charttechnischen Ausbruch nach oben einfach nicht zur Kenntnis. In den USA durchaus ... wobei sich hier die Geister scheiden, ob nun das Öl (was Sinn machen würde) oder der Ablauf der Frist an den Iran (was keinen Sinn machen würde, weil es ja ohnehin klar war) zu den Kursabschlägen führte.
Der Dax hingegen scherte sich, trotz zeitweiliger kleiner Verkaufs-Attacken, die uns seit einigen Tagen begleiten, wenig darum. Hier dominierten die Bilanzen, die in den USA ja bereits über die Bühne sind. Eine ganze Horde an Dax-notierten Unternehmen meldeten ihre Zahlen, wobei nach VW am Mittwoch diesmal Allianz und BASF massiv nach oben liefen und so einen erneuten Anlauf an die 7.000er-Marke ermöglichten.
Unterschiede in den Auf- und Abwärtsbewegungen
Ansonsten verlief diese Woche ruhig, wenn man mal die Schwankungsbreite der Kurse nimmt. Um die 1,2% ist überaus wenig und die Volatilitätskennziffern an der deutschen Börse entsprechend niedrig. Dass solche Phasen der Ruhe nie lange anhalten und immer wieder in explosive Bewegungen münden, ist bekannt. Aber das soll hier diesmal nicht das Thema sein, denn was solche Volatilitätstiefs leider nicht verraten ist, in welche Richtung es dann zu explodieren gedenkt.
Was mir jedoch auffällt ist, dass die Schwankungen im Dax von ihrer Art her zweigeteilt scheinen. Die Aufwärtsimpulse rekrutieren sich vor allem aus Einzelwerten, die aufgrund von Nachrichten scharf anziehen. Das geht schon seit einigen Wochen so, wird aber immer dominanter. Daimler, E.ON, VW, Allianz, BASF – abwechselnd schleifen die Schwergewichte den Index mit nach oben. Meist laufen die anderen Titel nur moderat mit.
Die Abwärtsbewegungen hingegen sind scharf, schnell und überraschend. Und sie zielen nicht auf Einzelwerte ab, sondern betreffen den ganzen Index, d.h. es scheint, als würden hier „Körbe“ verkauft. Das kann ursächlich vom Terminmarkt herrühren, wo nach Verkaufsschüben im Future im Zuge der Arbitrage eine breite Palette an Werten des Dax verkauft wird. Oder es kann von Fonds herrühren, die ihre Bestände zu verringern suchen. Das lässt sich nicht präzise ermitteln, aber ich finde diese Unterschiede zwischen den beiden Lagern bemerkenswert.
Die Umsätze sind aktuell ziemlich moderat, sodass solche Verkaufsattacken immer recht deutliche Breschen schlagen. 50 Punkte binnen weniger Minuten auf die gar nicht so schrecklichen Verbraucherpreise in den USA hin – das ist ein Wort. Bislang wurden diese Verkäufe immer wieder konsequent aufgekauft. Solange das weiterhin gut geht, ist die Perspektive des Dax noch durchaus stabil. Wehe jedoch, wenn es mal nicht mehr klappt. Sehen wir uns dazu den Chart auf Tagesbasis an:
Noch behält die Fanglinie ihre Magnetwirkung
Der Index kann sich immer noch nicht von der roten „Fanglinie“ lösen. Seit Dezember fungiert sie zunächst als oberes, zuletzt als unteres Ende der Tages-Spannen. Aber irgendwann muss sich der Dax mal hiervon abnabeln. Nach oben bestünde dann aktuell Spielraum bis 7.100 (wobei der Trendkanal pro Monat 200 Punkte steigt, d.h. in vier Wochen würde die „Decke“ erst bei 7.300 hängen, so der Trendkanal denn halten sollte), nach unten bis 6.820.
Wird diese Spanne nicht verlassen, kann es theoretisch noch ewig weiter nach oben laufen. Wenn da nicht die Rahmenfaktoren wären: Ölpreis (siehe auch unten), Konjunktur, Wall Street, politische Lage, der langsam wieder in Schwung kommende Euro/Dollar-Kurs, Zinsen etc.
Bislang hat der Dax allen widrigen Rahmenbedingungen und Warnsignalen getrotzt. Und somit dürfen wir auch die Markttechnik nicht überbewerten, das hauchdünne Verkaufssignal des MACD und die dringend nötige neue Dynamik für den RSI sind nur Indizien, aber keine Verkaufssignale. Gleiches gilt, wie am Donnerstag bereits beschrieben, für den „hanging man“ im Dax, der zwar eine rote Kerze zur Folge hatte, aber keine Folgen für den Trendkanal als solchen. Aber das ist nur die zeitlich begrenzte Sicht des Tagescharts.
Oberes Ende des Langfrist-Kanals erreicht
Wenn wir nun in die Wochenperspektive und damit zum langfristigen, Anfang 2003 initiierten Trendkanal wechseln, zeigt sich, dass die Schwerkraft möglicherweise doch in Bälde wirken kann. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Kurse noch längere Zeit entlang der oberen Begrenzung des Aufwärtstrendkanals entlang schlängeln können – das wäre ein unübliches Szenario.
Es gibt nur zwei Optionen: Entweder saust der Dax nun aus diesem Kanal nach oben hinaus. Das wäre eine derartige Intensivierung der Trenddynamik, dass es letztlich nur als eine Euphoriephase einzustufen wäre, die kurzfristig massive Gewinne ermöglicht, aber schnell wieder ins Gegenteil umzuschlagen pflegt. Es sei denn, die Rahmenbedingungen ziehen schnell mit ins Positive. Dafür gibt es aber momentan keine Indizien. Oder aber wir gehen den „normalen“ Weg:
In diesem Fall wäre eine Annäherung an die untere Trendlinie bei momentan 5.850 zu erwarten. Ob diese überhaupt erreicht wird und wenn ja, wie schnell – ist völlig unvorhersehbar. Denkbar wäre, dass wir in jedem Fall einen Zwischenstopp im Bereich der Mai 2006-Hochs bei 6.150 machen würden. Und dann müsste man weiter sehen.
Wichtig ist aktuell nur, eines im Hinterkopf zu behalten: Solange der Juli 2006-Kanal bei momentan 6.820 hält, werden wir uns in jedem Fall weiter im oberen Bereich des langfristigen Kanals halten können. Aber bis 6.820 sind es vom gestrigen Schlusskurs – auch wenn es manchem weit weg erscheinen mag – nur 2,2%. Bis zum Breakout über den kurz- und langfristigen Kanal nach oben sind es – auf 7.100 gerechnet – noch 1,8%.
Es sieht alles momentan bullish und friedlich aus. Und es kann auch bullish bleiben, wenn der Ausbruch nach oben gelingt ... auch widrigen Rahmenbedingungen zum Trotz. Zumindest eine zeitlang. Aber wir sollten uns gewahr sein, dass wir in einer nur vier Prozent breiten Spanne stehen, deren Verlassen über Intensivierung der Rallye oder eine größere Korrektur entscheidet. Aktuell haben die Bullen dabei die charttechnisch leicht besseren Karten – da der Trend nun mal nach oben weist. Die Bären jedoch haben die wackeligen Rahmenbedingungen hinter sich.
Es ist eine Entscheidung unter der harmlos aussehenden Plüschdecke ... und sie ist zeitlich nicht unbedingt limitiert. Begründungen gibt es für beide Seiten zu Genüge. So gesehen ist nicht absehbar, ob sich Bullen oder Bären werden durchsetzen können. Nur meine ich, man sollte sich innerlich diese Problematik bewusst machen, um sofort zu reagieren, wenn aus dem leisen Ticken der Uhr ein Wecksignal wird.
Damit zu etwas Grundsätzlichem:
Der Daily Observer: Was er sein soll ... und was er nie werden wird
Gestern erhielt ich gleich zwei Leserbriefe, die mir meine Meinung vorwarfen. So war das zwar nicht formuliert, aber so sind die Fakten. Ich solle gefälligst aufhören, hier andauernd bearishe Töne zu verbreiten. Meine Artikel seinen indoktrinierend, subjektiv und die Charts so gestaltet, dass sie bearish statt bullish wirken. Ich weiß anhand der zahlreichen anderen Schreiben, dass nahezu alle Leser – und ich danke Ihnen dafür – sich völlig im klaren darüber sind, was sie hier lesen. Doch denen, die unsere Ansichten für falsch und unpassend halten ebenso wie denen, die Bill Bonner und mich noch nicht so lange kennen, möchte ich kurz erklären, was der Daily Observer sein soll, ist und bleiben wird:
Subjektiv. Und zwar uneingeschränkt. Indoktrinierend jedoch nicht. Denn ich hege keinesfalls den Wunsch, verehrte Leser, dass Sie auf mich hören. Ob Sie nun Ihre Aktienbestände reduzieren oder voll investiert sind, ggf. erst jetzt einsteigen – das geht mich nichts an. Gerade die Leser des Daily Observer haben in der Regel genug Wissen und Erfahrung, um mich dafür nicht zu brauchen. Ich wünsche mir nur, dass Sie mir zuhören! Meine Rolle ist nicht die eines Berichterstatters. Wie weit der Dax wann wohin stieg und wo die nächste Unterstützung liegt, das können Sie überall im Internet mit einem Klick geliefert bekommen. Und solange die Trends nach oben weisen werden sie überall bullishe Prognosen, Kommentare und Charts finden. Es hätte absolut keinen Sinn, dass ich hier die allgemeinen Hoffnungen und Erwartungen, sprich den Mainstream darbiete.
Der Daily Observer ist, und genau so gingen Bill Bonner und ich vor zehn Monaten an den Start, absolut subjektiv. Er ist eine Plattform für Glossen, Kolumnen und nicht für Berichte. Die gibt es genug. Wir sind die andere Seite, die gegenteilige Meinung. Wir sind das, was Sie woanders eben nicht hören.
Wir zweifeln, wo andere abnicken. Wir bohren und stänkern, wo andere applaudieren. Das ist der Zweck dieses „Beobachters“. Und jeder kluge Börsianer weiß, dass wir damit eine Funktion erfüllen: Die des „Teufelchens“ neben ihnen. Das Ihnen die Zweifel einflösst, ob die bullishe Mehrheit wirklich weiterhin erbaulichen Gewinnen entgegenströmt. Wer sich entscheidet, hört gerne vorher eine zweite Meinung, um beide Seiten der Medaille zu kennen und abzuwägen. Und an den Börsen treffen Sie Entscheidungen jeden Tag: Kaufen, halten, verkaufen?
Mr. Bonner und ich haben dabei nicht den Wunsch, recht zu bekommen und uns gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Wir sind auch nicht glücklicher, wenn die Börsen einbrechen. Wir haben auch keine Rechnung mit der Börse offen und reden sie deshalb herunter. Wir werden ebenso bullishe Töne anklingen lassen, wenn keiner mehr an die Wende nach oben glauben mag. Es geht einfach darum, die Gegenseite zu vertreten.
Wir verwalten Ihr Geld nicht, verehrter Leser, und wir müssen auch keine Performance bringen. Wir sind ein Newsletter, kein Börsenbrief. Unsere Aufgabe ist, Sie mit der anderen Seite der Medaille zu versorgen. Und dabei vertreten wir schlicht und einfach unsere Meinung. Völlig subjektiv. Ich freue mich, dass eine stark steigende Zahl von Lesern dies zu schätzen weiß. Damit ist unsere Aufgabe erfolgreich. Wer dies nicht einzuordnen bereit ist oder es einfach nicht ertragen kann: Lesen Sie uns einfach nicht! Denn unser Stil – weder meiner, noch der von Bill Bonner oder anderer Autoren in diesem Newsletter wird sich ändern: Wir werden niemals anderen nach dem Munde reden ... und bleiben auch weiterhin absolut subjektiv!
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende - bis Montag!
Ronald Gehrt

