Der Dank der nächsten Generation
Bill Bonner in Investors Daily
vom 29. November 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Anmerkung in eigener Sache
Da Herr Steffens diese Woche krankheitsbedingt keine Texte schreibt, direkt zum Beitrag von Bill Bonner:
Der berühmteste Alkoholiker Großbritanniens ist gerade verstorben. Die Zeitungen und Nachrichtensender nehmen alle Abschied. Mehr dazu im nächsten Beitrag, siehe unten.
Ich habe die Zeitungen von letzter Woche Donnerstag durchforstet. Ich habe nichts gefunden. Wem sollen wir danken? Und wofür? Niemand hat diese Frage aufgeworfen. Vielleicht folgte Thanksgiving zu kurzfristig auf den Tag der Veteranen. Vielleicht war dadurch schon die ganze Dankbarkeit aus uns herausgepresst. Aber man sollte doch meinen, dass eine Nation, die soviel Glück hat wie Amerika, zwei Tage erübrigen kann, um zu danken.
Ich werde hier jedoch keine Lobrede auf meine Vorfahren halten, sondern die Lebenden befragen: Wofür wird die nächste Generation diesen Menschen dankbar sein?
"Ich sollte mit unseren Vorfahren beginnen", schreibt Perikles in seiner Rede für einen toten Soldaten. Das war 431-430 vor Christus in den ersten Jahren des Peloponnesischen Krieges. Es war Brauch, jedes Jahr eine öffentliche Lobrede zu halten – eine Art Thanksgiving und Veteranentag in einem.
"Sie lebten ohne Unterbrechung in einem Land, Generation um Generation und reichten es frei an diese Generation weiter ... und wenn unsere entfernten Vorfahren Lob verdient haben, dann haben es unsere eigenen Väter um so mehr, die zu ihrem Erbe das Imperium hinzufügten, das wir heute besitzen und die keine Schmerzen scheuten um in der Lage zu sein, das, was sie erworben hatten, auch noch an diese Generation weiter zu geben."
Perikles beginnt auf die gleiche Weise, auf die vielleicht auch Bush eine solche Rede beginnen würde. Er lobt die Männer, die für die Nation kämpfen. Ein weniger sentimentaler Geschichtswissenschaftler würde sich vielleicht fragen, ob das, was man dadurch erreicht hat, die Sache auch wert war. Athen schien dazu zu neigen, gegen die Nachbarn in den Krieg zu ziehen, wie viele andere Stadtstaaten auch, ohne einen ersichtlichen Grund oder einen ersichtlichen Vorteil. Athen war erfolgreicher als die meisten und in der Lage, ein eigenes kleines Imperium aufzubauen. Dann wurde das Imperium durch die Pest, Verrat und andere Imperialisten zu Boden gebracht.
Danach macht Perikles ebenso zweifelhafte Bemerkungen über Athen selbst. Auch diese Bemerkungen könnten ebenso gut aus dem Munde des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten stammen, nachdem jemand zuvor bereit gewesen ist, sie für ihn in Stichworten aufzuschreiben. Diese kleine Einsicht führt auf ewig zu der Erkenntnis,, dass Athen kein Zentrum des ernsthaften Denkens gewesen sein kann. Perikles konnte noch besser Unsinn reden als Bush, aber die Schmeicheleien waren ähnlich. Athens Regierung sei besser als die der Gegner, sagte er. Die Leute mutiger und besser organisiert. Selbst die Künstler gediehen in Athen besser als anderswo. Mit solchen Männern konnte Athen einfach nicht verlieren.
"Sie erinnern sich vielleicht, dass es durch Mut, einen Sinn für die Pflichten und ein Gefühl der Ehre möglich war, dass die Männer gewinnen konnten ..." fuhr er fort, darüber, wie das Imperium entstanden sei.
Perikles hatte die Athener zum Krieg aufgefordert, genauso wie später George W. Bush. Aber es ist nicht gut gelaufen. Zweimal sind die Spartaner einmarschiert und haben das Land der Athener in Schutt und Asche gelegt. Ein Jahr später waren die gleichen Leute, die Perikles gelobt hatten, auf seinen Fersen. Der große Redner hielt sie ab – und drängte sie dazu, auf Kurs zu bleiben. Ja, sagte er, euer Land und eure Häuser sind vielleicht zerstört, aber das ist ein Kampf, bei dem es um viel mehr geht – um Freiheit. "Man kann nicht einfach die Bürde eines Imperiums ablehnen und immer noch erwarten, dass man den Ruhm teilen kann." sagte er.
Die Athener blieben auf Kurs, und es brachte ihnen die absolute Niederlage. Perikles fiel der Pest zum Opfer.
Wir wissen, was die Generation des Perikles den Vorfahren schuldete. Aber welchen Dank schuldete die nachfolgende Generation der Generation des Perikles? Athen war zerstört. Der Aufbau des Imperiums hatte von den Eltern erhebliche Kosten gefordert, ihren Reichtum, ihre Unabhängigkeit, sogar das Imperium selbst.
25 Jahrhunderte später vergeht ein Thanksgiving, ohne dass darum viel Aufhebens gemacht wird. Nur wenige Leute haben kurz inne gehalten, ehe sie den Truthahn anschnitten, um ihren Vorfahren zu danken. Diese toten Menschen haben gearbeitet, gespart, damit ihre Nachfahren es besser haben. Aber hat irgendjemand inne gehalten, um darüber nachzudenken, was die folgende Generation sagen wird.
Ich erinnere mich an einen Kommentar von Kurt Richebächer.
"Ich wuchs in einer Zeit auf, als man sparen wollte, damit die Kinder ein besseres Leben haben, als man selber. Heute wollen die Menschen in der angelsächsischen Welt der nächsten Generation nichts mehr hinterlassen, sie betrügen sie stattdessen, indem sie ihnen erschöpftes Kapital hinterlassen ... und Schulden."
Jedes Jahr fällt der Wert des amerikanischen Dollars. Jedes Jahr besitzen die Amerikaner weniger von den eigenen nationalen Schulden ... weniger von ihren Häusern ... weniger von ihren zukünftigen Einkommen. Stück für Stück wird das Erbe der zukünftigen Wähler abgebaut und durch Verpflichtungen ersetzt. Die Schuldenlast ist mittlerweile so groß, dass sie nicht mehr von einer einzelnen Generation bewältigt werden kann – selbst wenn diese Generation wollte. Stattdessen werden die Segen der einen Generation als Fluch an die nächste Generation weitergereicht. Ein Kind, das 1900 in Amerika geboren wurde, kam nackt in eine Welt ohne Schulden. Heute kommt man zur Welt und ist sofort in den Ketten der Schulden verfangen. Ein Leben lang wird dieses Kind die Schulden abbezahlen müssen – die Schulden durch die Prämien, die 1986 an Regierungsangestellte bezahlt wurden ... durch die Bomben, die 2003 abgeworfen wurden ... durch den, der 1995 gebaut wurde ... durch die Cheques, die 1974 ausgestellt wurden ... durch die Versprechen, die man den alten Leuten 2002 machte ... durch die Ausgaben für den Hurrikan 2005 ... und so weiter. Das arme Kind wird die gesamte Mitleid erregende Geschichte des amerikanischen finanziellen Untergangs an den Hacken haben.
'Bleiben sie auf Kurs', sagte Bernanke 2005, 'Wir können jetzt nicht aufhören', fügte Bush hinzu.
"Verdammte Hunde", wird die nächste Generation wohl schimpfen.