Der bullishe Hahn ist gespannt!
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 15. September 2005 18:00 Uhr
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Sie haben sicherlich bereits bemerkt, dass ich in einigen Dingen ganz anderer Ansicht bin als Bill Bonner und unsere anderen amerikanischen Korrespondenten. Ich empfinde diesen Dissens durchaus produktiv: In Köln sagt man dazu: "Jeder Jeck ist anders."
Gerade der Dissens ist es, der die nötige Motivation generiert, durch den Wunsch nach Überzeugung starke Argumente/Beweise zu finden, auch wenn es bisweilen zu Lasten der objektiven Auseinandersetzung geht und man sich in rabulistischer Umtriebigkeit übt.
Konsens führt zu nichts
Viel schlimmer ist der Konsens, man versichert sich gegenseitig, wie genial, durchdacht die vorgebrachten Argumente sind und verliert vollgefressen von der Einigkeit und Stimmigkeit die Realität aus den Augen, die Börse quittiert den Konsens gerne durch schmerzhafte Verluste, die unsanft aus den Träumen reißen.
Marc Faber: Nikkei auf 18.000
Mit einigen unserer Korrespondenten stimme ich in vielen Punkte überein und komme doch zu anderen Schlüssen. Hier ist zum Beispiel Marc Faber zu nennen. In einem Punkt sind wir uns jedoch einig: Japan ist der aktuelle Boommarkt. Marc Faber hat heute in einem Interview auf Bloomberg gesagt, er rechne damit, dass der Nikkei auf 18.000 steigen wird – das kann ich mir auch gut vorstellen.
Aber es gibt auch Punkte, da frage ich mich, wie viel Einfluss hat die selektive Wahrnehmung auf die Argumentationsbildung. Besonders häufig tritt dieser Effekt bei der Einschätzung der Stimmung in den USA auf. Alle sind antizyklisch, antizyklisch zu sein ist nach einem Crash immer schick! Das kleine aber unfeine Problem: Jeder schätzt die Stimmung der amerikanischen Investoren anders ein, seltsamerweise antizyklisch passend zu seiner Einschätzung.
US-Anleger bullish oder bearish?
So behauptet Bill Bonner immer wieder, dass die Stimmung in den USA zu bullish sei. Bill Bonner bewertet die bullishe Stimmung als Zeichen eines drohenden Aktieneinbruchs. Von Ken Fisher, einem großen amerikanischen Vermögensverwalter, weiß ich, dass er das genaue Gegenteil behauptet, die Stimmung der amerikanischen Anleger sei bearish.
Ich sehe mir die amerikanischen Indizes an und kann keine "Euphorie" erkennen, wirklich nicht. Die Märkte laufen seitwärts, wenn es Übertreibungen gegeben hat, dann sollten sie mittlerweile abgebaut sein. Doch heißt eine Seitwärtsbewegung noch lange nicht, dass die Märkte nach oben ausbrechen. Diese Seitwärtsbewegung bedeutet nur, dass sich Potential aufbaut.
Es ist ein wenig so, als würde man den Hahn eines Revolvers unendlich langsam spannen, jeder weiß, irgendwann geht der Schuss los, nur über die Richtung ließe sich streiten.
Umfrage sieht Bärenstimmung
Jetzt ist zu lesen, dass die Umfragewerte von US-Präsident George W. Bush auf einem neuen Tiefstand angelangt sind. Einer Umfrage von "Wall Street Journal" und NBC News zufolge, liegt die Zustimmungsrate für Bush nur noch bei 40 Prozent. Nur 36 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, die US-Truppen im Irak zu lassen, 55 Prozent sind für einen Abzug. Fast 60 Prozent sind unzufrieden mit der Reaktion des Präsidenten auf den Hurrikan "Katrina". (AFP)
Doch nun kommt der Satz, der uns Börsianer am meisten interessiert: "Fast die Hälfte aller Befragten rechnet damit, dass sich die Lage der US-Wirtschaft im nächsten Jahr verschlechtern wird."
Das sieht nun wirklich nicht nach einer "sehr" bullishen Stimmung für die Wirtschaft aus. In diesem Punkt muss ich Bill Bonner klar widersprechen. Das bedeutet aber auch, dass die Märkte durchaus noch Aufwärtspotential haben.
Es wird spannend, wohin die US Märkte ausbrechen werden. Ich weiß nur, wenn sie nach oben ausbrechen, dann hat der Dow durch seine "Erstarrung" in diesem Jahr ein Potential von 3000-4000 Punkten, es könnte sehr explosiv werden.
Auch die deutschen Investoren bearish
Im Dax gilt im Moment das Gleiche: Nach Aussagen von Cognitrend hat sich die Bullenstimmung zur Vorwoche dramatisch verschlechtert. Auch das ist ein bullisher Hinweis. Wenn nicht die Wahl wäre, ich würde kaufen.
Wahrscheinlich werden morgen die Zocker in den Dax einsteigen, wenn nicht dreifacher Verfallstag wäre. Es kommt dieses Mal leider alles zusammen!
US-Verbraucherpreisindex in den Erwartungen
Damit zu dem Faktor, der den amerikanischen Investor in der letzten Woche paralysiert hat. Die Angst vor der Bekanntgabe des US-Verbraucherpreisindex.
Die Verbraucherpreise in den USA sind um 0,5 % angestiegen, das lag zwar in den Erwartungen, ist aber trotzdem ein Hinweis auf inflationäre Tendenzen, da es in diesem Jahr bereits der 5 Monat ist, der bei 0,5 % oder höher liegt.
Wenn Sie dann noch bedenken, dass ein Teil der Verbraucherpreis-Inflation durch den Import von extrem billigen chinesischen Waren kompensiert wird, also im Prinzip deutlich höher stehen müsste, dann sind das schon Entwicklungen, welche die Fed zwingen werden, die Zinsen weiter zu erhöhen. Im langjährigen Vergleich ist der aktuelle Verbraucherpreisanstieg in diesem Jahr jedoch immer noch im "moderaten" Bereich.
Es geht, wie gesagt, nur um die Gefahr einer ausufernden Inflation, noch ist es nicht soweit. Die Fed hat Spielraum die Zinserhöhungen für ein oder zwei Monate auszusetzen. Wann und ob sie es tun wird, ist, wie gesagt sehr wahrscheinlich abhängig von den weiteren Wirtschaftsdaten.