Der Aufstieg (2)
DAX Daily
vom 29. März 2007 08:30 Uhr
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DER AUFSTIEG (2) von (3)
Er war nicht alleine hier! Erst entdeckte er eine zweite Leiter, die kaum drei Meter neben seiner senkrecht in den Himmel ragte, dann, gleich dahinter, eine dritte, vierte und eine fünfte. Langsam drehte er den Kopf.
Oh Gott! Hunderte, nein Tausende dieser Leitern standen hier auf dieser schier endlosen Wiese. Und alle verloren sich oben im Blau des Himmels. Wie hatte ihm das entgehen können? Noch viel mehr als das Vorhandensein all dieser Leitern irritierte es Igno aber, dass auf jeder von ihnen ein Kletterer zu sehen war. Die einen noch weit unter ihm, andere aber schon etwas weiter oben.
Ehrgeiz packte ihn. Ich werde sie einholen, dachte es, vielleicht sogar überholen. So schwer es zu Beginn auch gewesen war, so einfach erschien ihm der Aufstieg auf einmal. Die Muskeln, offenbar an die ungewohnte Beanspruchung schon etwas angepasst, ließen ihn nicht im Stich. Zwar drohte er ab und an noch den Halt zu verlieren, aber das Glück schien auf seiner Seite zu sein: Rutschte der Fuß, dann hielten die Hände, glitt er mit den Fingern ab, hatte er gerade festen Halt unter den Füßen.
Nicht weniger als 40 Sprossen erklomm er, bevor er die nächste Rast einlegen musste. Und er erschrak, als er sah, wie hoch er schon geklettert war. Die Wiese war nur noch als ein riesiger, grüner Teppich zu erkennen, Einzelheiten nicht mehr auszumachen. Nach unten schien die Leiter wie ein senkrecht gestelltes Gleis in der Ferne zusammen zu wachsen. Im Sonnenlicht, das jetzt fast senkrecht einfiel, konnte er die anderen Kletterer sehen, die allesamt weiter aufwärts strebten. Weiter oben erkannte er trotz der scharf blendenden Sonne auch einige Konkurrenten, die, wenn auch knapp, noch immer vor ihm lagen.
Abrupt brach Igno seine Pause ab und erhöhte das Tempo. Hinauf, hinauf, dem Paradies entgegen!
Mit einer Leichtigkeit, die ihn selbst verblüffte, liefen jetzt all seine Bewegungen ab. Perfekt synchronisiert das Zusammenspiel von Armen und Beinen. Eine Sprosse war jetzt kein Hindernis mehr, das Klettern begann, richtig Spaß zu machen. Pausen, dachte Igno, die sollen andere einlegen. Er hatte Recht. Die Leiter flog förmlich vor seinen Augen vorbei, gelegentlich auf ihr ausruhende Vögel wusste er mit einer geschickten Handbewegung zu verscheuchen.
Die Mittagssonne kannte kein Erbarmen. Igno schwitzte wie niemals zuvor in seinem Leben. Der Schweiß rann in seine Augen, und er hatte das Gefühl, jemand hätte ihm Salz ins Gesicht geschüttet. Er musste jetzt eine Pause machen.
Als seine Augen wieder klar waren, richtete er den Blick erneut nach oben. Ein ende der Leiter war nicht in sicht, immer noch tiefblau der Himmel. Nach unten blickend, konnte er die Schwärme der Vögel, die er vor wenigen stunden noch weit über sich hatte kreisen sehen, gegen das tiefe Grün der Wiese wie kleine schwarze und weiße Punkte ausmachen.
Hinauf, hinauf! Igno gönnte sich keine Pause mehr. Zwar wurde das Brennen in den Augen nun so unerträglich, dass er sie schließen musste, aber das konnte ihn nicht aufhalten. Seine Muskeln funktionierten wie von außen gelenkt, ein perfektes Zusammenspiel von Reflex und Routine.
Es war schon spät und die ersten Vorboten der Dämmerung kündigten sich an. Igno kletterte ohne Unterlass. Sein Puls hämmerte, die Andern an seinen Schläfen traten weit hervor, und sein Mund war trocken wie die spätsommerliche Luft, die er begierig einsog und wieder ausstieß.
Jetzt, wo die Dunkelheit nicht mehr ferne schien, hielt Igno noch einmal inne, wischte sich den Schweiß aus den geröteten und brennenden Augen und blickte nach oben. Was er sah, verschlug ihm fast den Atem, und es hätte wenig gefehlt, und er hätte vor Freude die Hände von der Leiter gelöst: Das Ende der Leiter war in Sicht!
(Fortsetzung und Schluss morgen)