Der Aufschwung ist da!
Ronald Gehrt in DAX Daily
vom 01. Juni 2007 08:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Der Aufschwung ist da. Wer hätte das vor wenigen Jahren noch gedacht, als man Deutschland und Frankreich bereits als in sich irreparables „Altes Europa“ abgeschrieben hatte. Doch jetzt geht es wieder voran. Der Dax zeigt es ... und nährt den Aufschwung mit, denn wer Aktien hat, könnte sich nun mehr leisten. Wenn er denn verkaufen würde. Doch alleine die Möglichkeit nährt das Wachstum ... und die Erwartungen. Was wiederum den Dax zulegen lässt ... ein perpetuum mobile, könnte man meinen, basierend darauf, dass aus Kursgewinnen Geld entsteht, das Geld ausgegeben wird (oder könnte), was die Unternehmensgewinne steigert, was zu steigenden Aktienkursen führt, was wiederum den Wohlstand mehrt, der erneut in Aktien angelegt wird ... und so geht es fröhlich weiter. Bis irgendwas dazwischen kommt. Unerwartet wie immer ... und dennoch sicher – wie immer.
Doch in vielen Umfragen wird festgestellt, dass die Mehrheit der Bundesbürger von diesem Aufschwung noch nichts spürt. Mehreinnahmen werden – wo überhaupt vorhanden – gleich wieder aufgesaugt. Durch steigende Energiepreise und viele der Kosten des täglichen Bedarfs. Bei Dingen also, die für die Berechnung der angeblich kaum vorhandenen Inflation sorgsam herausgerechnet werden. Da geht es uns wie den US-Bürgern. Null Inflation, steigende Löhne, leere Taschen. Ha! Und doch:
Wenn Otto Normalverbraucher einmal so richtig spüren möchte, wie sich Aufschwung anfühlt, sollte er versuchen, sich der Dienste eines Handwerkers zu versichern. Ich bewohne ein altes Anwesen, teilweise fast 250 Jahre alt, und da ich weder die Zeit noch die Erfahrung habe, knifflige Renovierungen und Reparaturen selbst zu machen (einfachere natürlich schon), ist mir das Handwerk Beistand und Stütze. Bis vor einem Jahr war das eine wunderbare Sache. Ich rief an, man eilte herbei, es wurde ein Termin gemacht, die Angelegenheit pünktlich und vollständig erledigt und auf der Rechnung stand genau das, was ausgemacht war. Doch jetzt, jetzt haben wir einen Aufschwung. Und es geht wieder zu wie vor 30 Jahren, wenn Sie damals einen Telefonanschluss haben wollten: Erst mal gaaanz langsam ...
Unlängst galt es, unsere Waschmaschine zu reparieren. Kaum einen Monat nach geäußerter Bitte um Hilfe kam ein befreundeter Elektriker vorbei ... mit einer „guten Gebrauchten“ auf dem Anhänger. Ohne den Patienten gesehen zu haben, hatte er bereits im Vorfeld (ein alter Hase spürt so was halt) erkannt, dass sich die Reparatur der alten nicht mehr lohne. Also stellte er die neue gebrauchte auf. Alles funktionierte tiptop ... nur die Vorwasch-Funktion nicht. ‚Kein Problem’, so seine Worte, ‚ich bestelle das Teil und bringe es dir nächste Woche vorbei. Bezahlen brauchst Du erst, wenn alles fertig ist.’
Das war Mitte März. Aus zweiter Hand hörte ich, dass er das Teil zwar bestellt hatte, es aber in eine andere Maschine eingebaut hatte, da dies dringender gewesen sei. Daraufhin wurde das Ersatzteil noch mal bestellt. Und es sei auch da ... aber der Elektriker weile derzeit erst mal zu einem dreiwöchigen Urlaub in Kroatien. ‚Waschen kann er ja’, soll er gesagt haben. Faszinierend. Trotz Bezahlung erst nach vollendeter Arbeit ... es scheint besser zu gehen.
Übrigens warte ich seit Januar darauf, dass eine Betonsanierungs-Firma meine Terrasse saniert. Nach drei Monaten und drei telefonischen Nachfragen (kein Witz) kam im Dezember zumindest mal ein Ingenieur vorbei und begutachtete die Lage. Nach zehn Minuten schritt er von dannen mit den Worten, das Angebot werde umgehend erstellt. Nach zwei Nachfragen erhielt ich es „umgehend“ vier Wochen später, sandte es sofort als Auftragserteilung zurück ... und warte bis heute. Hoffnungsvoll. Aber ich renne und telefoniere nicht hinterher. Es hat keinen Zweck. Denn der Aufschwung ist da. Da muss man wieder Geduld lernen!