„Der Aufschwung“ auf dem Prüfstand
Hernik Voigt in Investors Daily
vom 3. November 2009, 18:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
ich hatte Ihnen versprochen, in drei Ausgaben den aktuellen Stand der drei Haupt-Krisenherde Bankensystem, Immobiliensektor und Realwirtschaft zu analysieren. Nach den Banken und dem Immobiliensektor in den letzten beiden Ausgaben gehe ich heute nun stärker auf die Realwirtschaft ein, um zu sehen, wie weit sich diese in den letzten Monaten stabilisiert hat.
Hohes prozentuales Wachstum ausgehend von einer sehr niedrigen Ausgangsbasis gaukelt einen neuen Boom vor
Die meisten Wirtschaftsdaten konnten sich tatsächlich in den vergangenen Monaten deutlich erholen. Einige verzeichneten sogar den stärksten prozentualen Anstieg seit vielen Jahren, was viele Marktbeobachter zu sehr optimistischen Kommentaren veranlasste. Betrachtet man allerdings das extrem niedrige Ausgangsniveau der Daten, dann relativieren sich diese starken Prozentanstiege aber wieder sehr.
Technisch betrachtet wurde die Rezession bei der Konjunkturlokomotive USA seit dem Ende des dritten Quartals (also vor wenigen Tagen erst) beendet. Dort stellte sich nach den kürzlich veröffentlichten Daten ein annualisiertes Wirtschaftswachstum von +3,5% ein (nach noch -0,7% im Vorquartal). Soweit so gut. Allerdings stelle ich mir die Frage, wie nachhaltig diese Daten sind und wie sie ohne die staatlichen Stützungsmaßnahmen aussehen würden.
Wie nachhaltig ist ein „herbei-subventionierter" Aufschwung?
Es ist logisch, dass sich die Daten erholen, wenn Güter teilweise verschenkt werden. Abwrackprämie, Hauskaufprämie, Steuergeschenke usw. sind nun mal nichts anderes. Dazu kommen enorme staatliche Bauaufträge. Da wundert es mich gar nicht, dass ein Krisenunternehmen wie Ford „überraschend" Gewinne vermelden kann, wenn die Leute einen Teil ihres neuen Wagens vom Staat bezahlt bekommen. Aber das ist lediglich eine vorgezogene Nachfrage auf Pump und kein neuer Boom bei Autos. Dem Unternehmen wird das langfristig nicht helfen. Auf der anderen Seite haben viele Unternehmen in den vergangenen Monaten ihre Gewinne durch Kostensenkungen steigern können. Die Kehrseite davon ist jedoch, dass diese Maßnahmen inzwischen ausgereizt sind und dass sie durch den Personalabbau zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt haben, die sich belastend auf den Konsum auswirkt.
Wir sehen derzeit die größten staatlichen Interventionen in die Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg. Sie hinterlassen einen Berg von Billionen Dollar weiterer Staatsschulden. Und das in einer Situation, in der die westlichen Staaten noch nicht einmal mehr die Zinsen für ihre Schulden ohne die Aufnahme neuer Schulden zahlen können (will heißen: restlos überschuldet sind). Die Regierungen hoffen, mit den Subventionen die Konjunktur irgendwie anzuschieben, um das Geld später durch höhere Steuereinnahmen wieder zurückzubekommen. Die Verschuldungskrise soll offensichtlich mit immer neuen Schulden gelöst werden. Aber auch das hat Grenzen, sonst wird die Stabilität der Währungen untergraben. Der Staat kann nicht immer neue Konjunkturpakete auflegen. Aber Unternehmen und Konsumenten sind durch die größte Finanzkrise seit der großen Depression derart angeschlagen, dass deren Ausgaben bisher nicht ausreichen, um die staatlichen Hilfen zu ersetzen.
An den eigentlichen Krisenursachen wurde bislang kaum etwas verändert
Entsteht nun ein selbstragender Aufschwung? Sehr wahrscheinlich nicht. Konjunkturprogramme können recht sinnvoll sein, wenn bereits ein selbsttragender Aufschwung eingesetzt hat, um diesen weiter anzuschieben. Aber einen Aufschwung von staatlicher Seite „herbeizusubventionieren", noch dazu ohne die eigentlichen Krisenursachen (falsche Notenbankpolitik und krankes Finanzsystem) wirklich anzugehen, ist doch - sagen wir es mal höflich - ziemlich ambitioniert. Das wäre in etwa so, wie wenn ein Bauer ein Feld düngt, das mit gefräßigen Raupen befallen ist. Wachsen wird da trotzdem nichts. Solange die (in den USA absolute rekordverdächtige) Arbeitslosigkeit nicht sinkt, kommt auch der Konsum und damit die gesamte Wirtschaft nicht auf die Füße. US-Präsident Obama musste gestern einräumen: "Wir gehen davon aus, dass die nächsten Wochen und Monate mit weiteren Stellenverlusten einhergehen." Neue Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit werden dort derzeit geplant. Wir dürfen gespannt sein.
Wir befinden uns derzeit mitten in einem gewaltigen Experiment, dessen Ausgang ungewiss ist. Diese Situation spiegeln auch die sehr wankelmütigen Märkte wider. Was man aus deren Mustern herauslesen kann, zeige ich ihnen in dieser Ausgabe von DAX Profits.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen!
Ihr
Henrik Voigt
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