Depression im Sport / Rezession in der Wirtschaft – besteht ein Zusammenhang?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 24. Juni 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Ein wirklich schlechtes Spiel, eine nervöse deutsche Mannschaft und etwas Pech. Auch wenn ich den Rücktritt Rudi Völlers verstehen kann, ich finde es irgendwie schade, dass er geht. Aber er hat wahrscheinlich sehr weise entschieden, ein neuer "Wind", neue Ideen, können manchmal nicht schaden.
Nach diesem Debakel gegen die B-Mannschaft Tschechiens hätte er wahrscheinlich alles "falsch" gemacht – in den Augen der Presse. Es wäre schwer geworden weiterzuarbeiten. Die Presse hätte alles besser gewusst. Ein Trainer muss her, der einen Respektvorschuss hat. Bis zur WM sind es noch zwei Jahre, das reicht gerade für einen neuen Trainer aus, seine eigenen Vorstellungen umzusetzen und zu testen. Hitzfeld wird als Nachfolger heiß gehandelt – welch' ein Wunder – gerade ohne Job.
Ich habe vor kurzem hier geschrieben, dass Erfolg viel mit Mentalität zu tun hat. Und die Stimmung in Deutschland ist ziemlich am Boden. Ich glaube, unsere Mannschaft ist lediglich eine Art "Spiegel" dieser negativen Mentalität, die sich in unserem Land breit gemacht hat. Doch eigentlich ist so etwas typisch für eine Rezession, nicht umsonst nennt man diese Phase auch "Depression".
Niedergeschlagenheit, Selbstzweifel, düstere Zukunftsgedanken, Antriebslosigkeit und Ängste sind u.a. Kennzeichen einer Depression. Das alles ufert in eine Arte tiefe Resignation aus.
Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschaue, kann ich das nur bestätigen. Viele haben Angst ihren Job zu verlieren. Andere, mittlerweile arbeitslos, resignieren angesichts des desolaten Arbeitsmarkt. Ich gewinne so ein wenig den Eindruck, dass wir uns nach den vielen "satten" Jahren, noch nicht so recht mit der neuen Situation abfinden wollen. Das ist meiner Meinung nach zurzeit ein weitverbreitetes Phänomen in Deutschland. Kein Biss ist mehr zu erkennen. Es wird zu schnell aufgegeben und zu ängstlich agiert – es fehlt etwas der "Kampfwille".
Und genau diese Einstellung war gestern in dem Spiel der deutschen Mannschaft zu erkennen. Wundert es da, dass Tschechien gewinnt. Ein Land, das wirtschaftlich aus einer ganz anderen Richtung kommt. Ich denke hier herrscht eine völlig andere Grundmotivation, auch weil es keine fetten Jahre gegeben hat.
Besteht also ein Zusammenhang zwischen der gesamtwirtschaftlichen Situation und dem Sport? Ist das vielleicht sogar mit ein Grund dafür gewesen, dass in den Zeiten des Kalten Krieges, der Osten und Westen über den Sport versuchten ihre "Stärke" zu messen? Natürlich ist das nur eine "wilde" Theorie von mir, ein Gedankenspiel – ich überlasse es Ihnen darüber geteilter Meinung zu sein.