Demut und Widerstandslosigkeit
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 10. Februar 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Zunächst zum Markt:
Wie lange dauert ein Fußballspiel? 90 Min? Ganz falsch.
Ein Spiel dauert so lange, bis der Schiedsrichter es abpfeift.
In der aktuellen Situation haben wir die 90 Min im Dax vielleicht schon überschritten, aber noch hat offenbar keiner einen Pfiff gehört. Und die Verlängerung kann sich hinziehen ... zu viele haben zu lange an der Seitenlinie gestanden und wollen nun auch noch ein bisschen mitkicken.
Nach den Vorgaben gestern aus den USA hätte ich eigentlich mit einem wesentlich schwächeren Dax gerechnet. Aber er kämpfte sich wacker nach oben.
Im Moment droht eine Art Doppeltop im Dax, auf dem Niveau von 5745 – 5760 Punkten. Die wichtige Marke hierbei ist die 5600 Punkte, sollte diese Marke dynamisch und nachhaltig nach unten verlassen werden, drohen uns Kurse bis 5300 Punkte.
Jetzt also auf fallende Märkte setzen? Nein, immer noch ist das Chance/Risiko-Verhältnis nicht ausreichend. Allerdings kann man nun kaum noch auf ein Gap-Close bei 5560 Punkten mit anschließendem Rebound und neuen Hochs setzen. Diese "Chance" ist nun hinfällig, unter 5600 Punkten wird es zu heikel.
Aber, es hatte mich sowieso schon gestört, dass so viele Analysten auf dieses Gapclose gehofft haben. Nein, entweder knallt der Markt nun dramatisch nach oben durch, das wäre der Fall wenn die Amis heute anziehen und der Dow die 11.000 Punkte Marke schafft, oder der Himmel über Deutschland, sprich dem Dax, wird seine sonnigen Tage kurzfristig gesehen haben. Ein kleines Tiefdruckgebiet wird dann nach Monaten der Sonne den Himmel verdunkeln und vielleicht ein wenig heilsame Abkühlung bringen.
Reaktionen
Heute schrieb mir ein eher bearish gestimmter Kollege:
"In den letzten Monaten habe ich Ihre Artikel für entschieden zu bullisch gehalten, da mir da schon einige Entwicklungen bekannt waren, die diese Sicht nicht mehr gestützt haben."
Offenbar freuten ihn meine Bedenken, die ich in letzter Zeit äußere.
Ich möchte diesen Kommentar nutzen, um noch einmal kurz darauf hinzuweisen, dass ich weder Bulle noch Bär bin, auch wenn mich einige als "Dauerbullen" betrachten, nur weil ich seit drei Jahren (zurecht) bullish war. Ich versuche mich dem Markt unterzuordnen, soweit das gelingt, jedoch niemals dem Markt meine Meinung aufzudrücken. Ich kann und werde jederzeit meine Meinung ändern, wenn es hinreichend Gründe dafür gibt.
Langfristig (auf Sicht von ein bis zwei Jahren) bin ich allerdings immer noch wesentlich bullisher, als die meisten meiner Kollegen. Aber auch hier würde ich meine Meinung ändern, wenn der Markt mir andere Zeichen gibt. Kurzfristig bin ich skeptisch, besonders für den Dax.
Die Börse, ein großer Lehrmeister des Lebens
Hin und wieder sage ich zu Kollegen, dass die Börse mein größter "Zen-Meister" ist. Nicht, dass ich plötzlich zum Buddhismus übergetreten bin, aber die Börse hat mich viele Dinge gelehrt, die auch im alltäglichen Leben Sinn machen. Eine großer Teil meiner Gelassenheit und meines lächelndem Optimismus habe ich der Börse zu verdanken. Einfach, weil ich durch sie gelernt habe, mich eben nicht den Massenhysterien hinzugeben. Und, bei schlechten wie guten Nachrichten zu hinterfragen, ob es nicht auch eine ganz andere Sicht der Dinge gibt. In jeder schlechten Nachricht steckt etwas Gutes und in jeder guten Nachricht etwas Schlechtes.
Traden ist Demut
Ein ganz wichtiger Punkt beim Traden ist Demut und Widerstandslosigkeit. Das meiste Geld wird verloren, weil man seiner eigenen Einschätzung mehr traut, als dem, was der Markt uns zeigt.
Wie oft werden Stops ausgeweitet, aus dem Markt genommen, weil man eine feste Überzeugung hatte. Wie oft kam dann der Satz, wäre ich doch früher ausgestiegen.
Ich habe keine Überzeugung. Ich habe Wahrscheinlichkeiten, Ideen, Vermutungen, Tendenzen, Erfahrungswerte. Aber ich habe auch das unbedingte Wissen, dass letzten Endes der Markt immer Recht hat, egal was ich auch denke oder gedacht habe.
Gerade beim kurzfristigen Traden müssen Sie sehr demütig sein. Sie gehen eine Position ein, setzten einen kurzfristigen Stop. Der Markt steigt nicht, wie erwartet, sondern er fällt und löst Ihren Stop aus. Wenn Sie sich jetzt ärgern, haben Sie für diesen Tag kaum noch eine vernünftige Chance zu traden.
Viel besser ist es in einem ersten Schritt zu begreifen, dass Sie mit diesem Verlust-Trade um eine der vielen Erfahrungen reicher sind, die jede für sich genommen, unabdingbar wichtig ist, um Sie erfolgreich oder noch erfolgreicher zu machen. Denn nur über Schmerzen lernt man die Börse kennen. Warum sich also beklagen? Seien Sie eher dankbar!
Ein zweiter Schritt ist es, sich zu fragen welche "Lehre" hinter diesem Trade vielleicht verborgen liegt. Gab es etwas, was ich nicht wirklich beachtet habe, wie waren meine Stimmungen, kann ich beim nächsten Mal etwas besser machen? Traden ist lernen, lernen und lernen.
Widerstandsloses Traden
Oft genug hat man nicht mal einen Fehler gemacht. Der Markt bewegt sich einfach in verschiedene Richtungen. Auch dann besteht kein Grund sich aufzuregen, über den Markt, über unerwartete Nachrichten etc. Das wäre Widerstand. Ein Widerstand gegen die normale und alltägliche Realität des Tradens. Widerstand führt jedoch nur zu noch mehr Widerstand. Wenn Sie sich Ärgern, dann entsehen die Fehler, die schmerzhaft werden. Wenn Sie Angst kriegen, ist sowieso alles aus. Mit Angst kann man nicht traden. Wenn Sie mit sich hadern, sind Sie nicht bei der Sache und verpassen die besten Chancen – etc.
Bei einem vernünftigen Geldmanagement gehören Verluste dazu. Sie sind einkalkuliert, sie sind so normal wie Regen im Sommer.
Meditatives Traden
Gerade beim Daytrading, wenn Sie Futures und ähnliches traden, ist die geeigneteste Stimmung eine Art fließende Hingabe. Ihr Verstand ist zwar wach, klar und aufnahmefähig, aber der Körper und die Stimmung vollkommen durchlässig, offen für alles was passiert, frei von Vorurteilen (bullish/bearish), Einschätzungen und Emotionen. Der Geist versucht sich jeder vorgefertigten Meinungen zu verwehren, er ist reine Beobachtung und erkennt was geschieht.
Wenn Sie in diese Stimmung geraten, erhalten Sie ein intensives Gefühl für den Markt. Sie spüren geradezu, wenn die Kurse nicht mehr fallen wollen oder wenn der Markt steigen will. Sie werden quasi Eins mit dem Markt.
Leider ist es nicht leicht in diesen fast meditativen Zustand zu kommen. Zu viele Emotionen wollen sich in den Vordergrund drängen, Angst, Gier und Zweifel – wir kennen das alle zu Genüge.
Ich weiß, dass in amerikanischen Tradingfloors meditave Musik gespielt wird, um diesen Zustand zu erleichtern. Ich neige selbst dazu, ruhige Musik zu hören, wenn ich intensiv trade, um keine Emotionen zuzulassen. Manchmal stellt sich dann dieser fließende Zustand ein. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl intensiver Wahrnehmung – eine zeitlose Leere und stille Begeisterung. Und trotzdem gehen auch dann hin und wieder Trades daneben – who cares ...
Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Ihr
Jochen Steffens