Deflationäre Entwicklungen – und Allerheiligen in Frankreich
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 01. November 2002 18:00 Uhr
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Immer mehr Volkswirte scheinen sich Sorgen um eine mögliche Deflation zu machen. Anfang der Woche hat Wayne Angell, früheres Mitglied der US-Zentralbank, Alan Greenspan dazu aufgefordert, die Zinsen drastisch auf 1,25 % zu senken, um eine drohende Deflation abzuwenden. "Das Wesentliche einer Deflation ist die Tatsache, dass die Marktführer wissen, dass sie keine Preismacht mehr haben", schrieb er im Wall Street Journal. "Jedoch denken die Marktführer in den ersten Jahren, dass dies nur eine temporäre Entwicklung sein wird – sie sehen es als Ergebnis einer Rezession oder eines zyklischen Abschwungs. Sie erwarten, dass sie ihre Preismacht mit der nächsten Erholung wieder erhalten werden ... und das ist genau das, was sie heute in den USA denken."
Global Insight, ein volkswirtschaftliches Prognose-Institut, meint, dass die Fed die Zinsen um 1 % senken sollte.
Im Januar glaubte fast jeder respektable Ökonom in den USA, dass die Fed die Zinsen vor dem Jahresende wieder erhöhen würde. Ich persönlich glaubte das nicht – und nicht nur, um auf der Gegenseite zu stehen. Ich hatte bemerkt, dass Amerika dem japanischen Muster folgte – dort sind die Zinsen ja fast auf Null gesenkt worden und dort seit Jahren geblieben. Seit Anfang Januar ist nichts passiert, was meine Einschätzung ändern könnte: Amerika schliddert in eine lange, langsame, sanfte Rezession/Deflation – genau wie Japan damals – mit Zinssätzen von fast Null. Diese Ansicht schien lächerlich zu sein, als ich das erste Mal vor drei Jahren darüber schrieb. Jetzt schreibt der Ökonom Stephen Roach, dass es "vielleicht doch nicht so abwegig ist, sich Sorgen über Japan zu machen." Aber Erfolg ist manchmal schlimmer als Misserfolg ... und Recht zu haben, kann schmerzhafter sein, als falsch zu liegen. Ein Verlag hat mich gebeten, ein Buch darüber zu schreiben. Und jetzt muss ich an meinem PC sitzen und arbeiten, während draußen ein wundervoller Herbsttag ist.
Warum sollte man Gold kaufen? Es gibt eine Untersuchung von Sun Valley, wie sich der Goldpreis in einer Deflation entwickelt. Und demnach ist Gold in einer Deflation eine der besten Anlageformen, die man besitzen kann. Wenn die Zeiten hart sind, die Konsumenten und die Unternehmen den Gürtel enger schnallen und die Kredite faul werden, dann fragen sich die Leute, was für Geld sie eigentlich in der Tasche haben. Und der Dollar, eine aufgeblähte Papierwährung, könnte deutlich fallen. Die Investoren werden dann nach sichereren Anlageformen suchen. Und das wird Gold sein.
Wird Gold auf 1.000 Dollar pro Unze steigen? Vielleicht nicht, aber es wird auch nicht viel fallen. Und eine Anlageform, die in einem großen Bärenmarkt nicht fallen wird, ist doch auch schon etwas.
Gestern bin ich mit meiner Familie raus zum örtlichen Friedhof gefahren. Ich wohne und arbeite ja seit Jahren in Frankreich, und auch dort ist heute Allerheiligen. Auf dem Friedhof war viel los. Eine alte Frau reinigte einen Grabstein. Andere trugen jede Menge Grabgestecke. Es gab kaum ein Grab, an dem nichts gemacht wurde.
Wir legten Blumen auf das Grab unserer Tante und bemerkten daneben ein neues Grab.
"Er war nur 21 Jahre alt", berechnete meine Mutter schnell.
Auf dem frischen Grab stand eine Anzahl von Blumen, und auch eine Plakette mit dem Namen des jungen Mannes und seinem Geburtsdatum. Es gab auch einen Hinweis, auf die Todesursache, weil neben dem Namen ein Motorrad gezeichnet war.
"Man weiß es nie", sagte meine Mutter, die vor kurzem ihren 82. Geburtstag gefeiert hatte. "Man muss nur sein Bestes tun ... und beten ..."
Und dann, nach einem Moment des Nachdenkens ..."Und keine Motorräder anrühren", fügte sie hinzu.