Deflation oder Inflation?
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 30. September 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
ich habe in den letzten Tagen gemerkt wie die Verwirrung wächst:
Gibt es jetzt Rezession? Gibt es jetzt Inflation? Oder doch Deflation?
heute will ich versuchen, dies zu entwirren.
Fangen wir mit Inflation an:
Werfen die Notenbanken die Gelddruckmaschinen an, dann kommt es früher oder später zu einer Inflation. Es geht dabei nicht um einen wirklich objektiven Prozess, wie es sich viele Leute vorstellen, sondern um das Gleichgewicht zwischen - jetzt genau lesen - der Gesamtheit, der von uns für wertvoll erachteten Gegenstände - und der im Umlauf befindlichen Geldmenge.
Dieses Gleichgewicht zu wahren ist die Aufgabe der Zentralbanken. Nun lese ich in diesen Tagen wieder bei den verrückten Ultra-Bären, dass die Notenbanken schon seit den 90er Jahren die Märkte mit immer mehr Geld überschwemmen und dass es deshalb bald "kracht". Dies ist aber Unsinn. Nehmen wir einfach nur die Handys, die wir seit den 90er Jahren plötzlich alle bei uns tragen und die eine ganze Industrie begründet haben, welche heute mit Milliarden von Euro bewertet ist. Für diese enorme neue Wertschätzung von beispielsweise diesen Geräten mussten die Notenbanken immer neues Geld im Umlauf bringen, nur um das Gleichgewicht zu erhalten. Deshalb sagte ich, es handele sich nicht um einen vollkommen objektiven Prozess, denn er hängt unmittelbar an unserer "Wertschätzung".
Sollten wir uns eines Tages entscheiden, dass wir alle keine Handys mehr brauchen, dann würden die Notenbanken dieses Geld dem Markt wieder entziehen müssen. Solche plötzlichen radikalen "Abwertungen" (also den Verlust unserer Wertschätzung) sind jedoch äußerst selten. Sie kommen fast nur in schweren Weltwirtschaftskrisen vor, wenn wir als Verbraucher ohnehin den Gürtel schon enger schnallen müssen.
Ohnehin wirkt Inflation sehr schnell. Die größten Gelddrucker des letzten Jahrhunderts waren die Weimarer Republik und Hitler, der während des Krieges die Gelddruckmaschinen anwarf, um noch schneller Waffen produzieren zu können. Zugleich fälschte er übrigens viele Mrd. Dollar und Pfund, um diese über England und Amerika abzuwerfen und dort für den Zusammenbruch zu sorgen. Glücklicherweise wurden die Blüten nicht rechtzeitig fertig, denn tatsächlich wäre das sehr gefährlich gewesen. So fand man sie 1945 zwar fertig, aber noch nicht "zugestellt".
Heute hat man sehr regide Sanktionen eingeführt, um die Regierungen daran zu hindern, die Notenbanken zum Gelddrucken zu benutzen. Für den Dollar und den Euro ist das fast ausgeschlossen.
Aber ist es nicht jetzt wegen der Bankenkrise doch geschehen?
Bevor ich darauf eingehe, betrachten wir zunächst die Deflation:
Rein formal handelt es sich um das Umgekehrte von Inflation: Deflation ist das Ergebnis, wenn die Notenbanken zu wenig Geld in Umlauf bringen, die Geldmenge also den Werten nicht entspricht.
Japan erlebte Anfang der 90er Jahre eine Deflation, die eine Wirtschaftskrise zur Folge hatte, die bis heute nicht überwunden ist. Deflation wird von den Menschen anfangs häufig noch begrüsst, denn die Preise fallen und alles wird billiger. Aber dann schließen die Läden, die Unternehmer gehen Pleite und entlassen die Arbeiter, eine Tendenz zu Monopolen bildet sich....Deshalb gilt die Deflation als noch wesentlich schlimmer als die Inflation, denn die Deflation bringt eine psychologische Falle hervor, der man kaum noch zu entkommen vermag.
Aber das ist das Problem mit Inflation und Deflation: Es handelt sich um volkswirtschaftliche Beschreibungen, die aber zugleich selber weder die Ursache benennen noch die Lösungsmöglichkeit enthalten: Weder kann man Deflation einfach durch Gelddrucken bekämpfen, noch Inflation einfach mit Geldentzug. Dies hilft nur, wenn das Gelddrucken gerade erst passiert ist, und man dem Markt das Geld ganz schnell wieder entzieht, so wie es Erdogan in der Türkei getan hat, als er an die Macht kam, weil seine Vorgänger wegen des Mißbrauchs der Geldpresse abgewählt wurden. Aber als Japan einige Jahre nach dem "Knall" versuchte, wieder mehr Geld in Umlauf zu bringen, war es bereits zu spät.
Man kann zwar hoffen, dass man eine Inflation mit steigenden Zinsen und einem Entzug von Geld aus dem Geldkreislauf bekämpfen kann, aber das funktioniert nur bis zu einer gewissen Schwelle, dann laufen die psychologischen Folgen von ganz alleine ins Verderben.....
Noch viel schlimmer ist es mit der Deflation: Fallen erst einmal die Preise, gehen die Unternehmer Pleite und das Investieren lohnt sich nicht mehr, die Arbeitslosigkeit steigt extrem und wird zur Hoffnungslosigkeit - dann ist das Kind ganz schnell in den Brunnen gefallen.
Deshalb schauen wir uns lieber die wirkliche Ursache von Deflation und Inflation an:
Aus dem wunderbaren Beispiel der BabySitting Gemeinschaft von Capitol Hill wissen wir, wie es beginnt:
Eine Rezession (und hier verwenden wir jetzt bewußt nicht die formale Definition, nach der ein negatives Bruttoinlandsprodukt-Wachstum zwei Quartale hintereinander eine "Rezession" darstellt) beginnt mit dem vagen Gefühl der Verbraucher, dass es schwierig werden könnte, an neues Geld zu kommen: Im Notfall einen neuen Arbeitsplatz zu finden, oder einen Zweitjob, ... verbunden mit der Wahrnehmung, dass einige Dinge immer teurer werden, obwohl das Einkommen nicht steigt. Dieses Gefühl führt automatisch zur Deflation, denn wenn der Verbraucher zu sparen beginnt, kann der Unternehmer keine höheren Preise mehr durchdrücken.
Dieses Phänomen sehen wir seit einigen Jahren in Deutschland, insbesondere in den Jahren 2002-2005. Allerdings steigen die Ausgaben für Steuern, Abgaben (z.B. Benzinsteuer, KFZ-Steuer, Strom, Abfall, Wasser,...) munter weiter. Und erst in diesem Jahr sieht man erstmals wieder eine Lohnerhöhung, die vielleicht gerade die letzten Anstiege ausgleicht - in einigen wenigen Branchen.
Auch der Arbeitsmarkt hat sich jüngst wieder erholt. Das waren gute Anzeichen, die jedoch alle nur möglich waren, weil die Weltwirtschaft insgesamt weiter wuchs und die Emerging Markets durch die Stabilität des amerikanischen Binnenmarktes profitieren konnten.
Rezession ist beschlossen
Leider bringe ich mit diesem Artikel zugleich die Gewissheit mit, dass nun der bisher stabile Binnenmarkt Amerikas in eine Rezession fallen wird. Der aktuelle Kursrutsch des Dow Transportation Index lässt keinen anderen Schluß mehr zu. Wer noch aufgrund eines Probeabos beim LazyInvestor über die Adresse meiner öffentlich zugänglichen Chartliste verfügt, wird als zweites Chart dort die entsprechende Linie und die Aussichten vorfinden.
Es ist auch leicht sich das an zwei Händen auszurechnen: Der amerikanische Verbraucher wird jetzt von mehreren Seiten in die Zange genommen: angefangen von der Mißwirtschaft von George Bush, der Aufblähung der Staatsverschuldung, der daraus resultierende Anstieg der Energiekosten, Benzinkosten, Heizkosten, Steuern, usw... während gleichzeitig die Jobs abnehmen......
Die Zange wird also zu demselben Gefühl führen, welches Europa von 2002 - 2005 erlebte: "Spar Dich Reich, oder geh unter!"
Die Zange wurde unausweichlich, als jetzt klar wurde, dass die Banken, Bausparkassen und Versicherungen in den nächsten Jahren praktisch keine Kredite zu vergeben haben, außer an solche Kreditnehmer, die eigentlich gar keinen brauchen.
Und Inflation?
Tatsächlich haben die Notenbanken Mrd von Dollar und Euro auf den Markt geworfen, um die Krise an ihrer Ausweitung zu hindern. Zusätzlich haben die Länder, Kommunen und Staatshaushalten zukünftig gigantische neue Schuldenberge angehäuft, für die wir alle als Steuerzahler zahlen müssen.
Diese ungeheuren Summen stammen aus Verlusten, die Finanzdienstleister aufgrund von schier Unmengen von verdeckten Finanzierungen (ab)gewirtschaftet haben. Niemand kann zur Zeit eine eindeutige Antwort geben, wie dies zu bewerten ist, denn die bisherigen Fälle dieser Art (wenn es welche gab) sind nicht wirklich erforscht und die derzeitige Situation war nicht vorstellbar.
Ich persönlich glaube aber Folgendes:
Zunächst muss man fragen, ob die Summen, die durch die Finanzierungen erzeugt wurden, jemals wirklich zu jenem Gleichgewicht von "Wert der Güter" zu "umlaufender Geldmenge" gehört haben. Dies kann meines Erachtens nicht als sicher gelten, denn sie stammen nicht aus einer Erhöhung der Geldmenge, sondern aus einem "teuflischen Trick" der Finanzmathematik: Finanzierte Kapitalanlagen tauchten immer in der Geschichte der Kapitalmärkte auf, wenn Leichtfertigkeit die Märkte regierte. Sie erwiesen sich dann oft als Reinigungsmechanismus ohne bleibende Wirkung.
Wenn wir aber annehmen, es habe sich wirklich um zusätzliches Geld gehandelt, welches das Gleichgewicht von Geldmenge zu Wert der Güter berührte, dann müssen wir zugeben, dass dieses Geld jetzt massiv genau diesem Gleichgewicht entzogen wird.
Faktisch gehe ich davon aus, dass die Kreditvergabepolitik der Banken in den kommenden Jahren derart abläuft, dass es viele mittelständische und kleine Unternehmen, die von weiteren Finanzierungsschüben abhängig sind, den Kopf oder die Unabhängigkeit kosten wird. Der Banken werden keinen Spielraum für gewagtere Kredite zur Verfügung haben, faktisch werden sogar viele Kredite gekündigt werden.
Dies wird der kommenden Rezession aber ihre Schärfe geben und kann sie leicht zu einer Weltwirtschaftskrise werden lassen.
Aber nochmals zur Klärung:
Es ist nicht erforscht und nicht eindeutig klar, wie die Ausweitung der Geldmenge durch Rentenderivate (zu denen auch die Subprime-Kredite gehörten) zu bewerten ist und inwiefern dadurch das Gleichgewicht von "Wert der Gegenstände" zu "Geldmenge" beeinflusst war.
Es ist ebenfalls nicht erforscht und nicht geklärt, ob die derzeitigen Maßnahmen der Notenbanken zur Rettung der Situation das Gleichgewicht in Richtung Inflation oder Deflation stören, oder kaum beeinflussen.
Was wir zur Stunde lediglich wissen, ist, dass die psychologische Wirkung eher Richtung Rezession mit deflationären Tendenzen verläuft. Ich glaube daher: wir bekommen in den nächsten 15 Monaten Rezession und eine Tendenz zu Deflation - und keine Inflation. Allerdings steht außer Zweifel, dass die Notenbanken die Geldhähne offen lassen und vielleicht auch ein wenig überdrehen werden, um eine Wiederholung der japanischen Dauerkrise zu verhindern. Es wird ein Tanz auf dem Seil.....
Grüsse Doc