Deflation, ick hör Dir trapsen
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 31. Oktober 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Hinweis: Morgen erscheint aufgrund des Feiertages kein Investor`s Daily. Und am Freitag und Samstag bin ich auf der Tradersworld in Frankfurt (www.tradersworld.de). Vielleicht sieht man sich ja dort.
Schade, schade. Wenn klar gewesen wäre, dass die Republikaner die Kongresswahlen für sich entscheiden, dann wäre diese Woche sicheres Geld zu verdienen gewesen. Denn die Tage um die Wahl sind in den allermeisten Fällen sehr bullish. Man hätte einfach eine größere Summe in ein höher gehebeltes Zertifikat investiert und dann nur noch gebetet, dass nicht irgendeine verrückte Nachricht die Börse heimsucht und in die Knie zwingt.
Aber ist es wirklich schade? Andererseits lese ich aus Ihren Mail heraus, dass die meisten unter Ihnen eine gewisse Erleichterung erfahren werden, wenn Bush eine Wahlschlappe erfährt. Für das Ansehen der USA wäre das auf jedenfalls günstig, zu viele Feinde hat sich die US-Außenpolitik unter Präsident Bush gemacht. Inwieweit sich eine Verlust der Mehrheit im Kongress auf die Börse auswirkt, ist kaum abzusehen. Meistens haben politisch motivierte Börsen kurze Beine. Wenn man sich anschaut, dass auch in den USA immer mehr „große Adressen“, ehemalige Republikaner, anfangen, die Demokraten zu unterstützen, dann könnte ich mir sogar vorstellen, dass die Börse kaum auf eine Wahlschlappe der Republikaner reagieren wird. Vielleicht verhält sie sich sogar doch wie gewohnt und steigt im direkten Umfeld der Wahl an. Nur, mit einer großen Summe darauf setzen würde ich halt nicht. Im Moment glaube ich eher, dass sie bis zur Wahl konsolidiert.
Sparsamkeit gleich Deflation?
Ich möchte noch einmal auf die Zahlen von gestern zurückkommen. Denn ich hatte es unterlassen, einen wichtigen Umstand näher zu erläutern. Die Einkommen sind um 0,5 % gestiegen, die Auslagen lediglich um 0,1 %, gleichzeitig erhöhte sich die Bereitschaft zu sparen.
Je schneller desto Inflation
Es wird immer gerne vergessen, dass bei der Inflation auch die „Geldumlaufgeschwindigkeit“, beziehungsweise die Bereitschaft das Geld in den Konsum zu investieren, eine entscheidende Rolle spielt. Um es einmal zu überspitzen, stellen wir uns vor, wir befänden uns in einer galoppierenden Inflation. Sie wissen, dass Sie mit dem Geld welches Sie gerade erhalten haben am nächsten Tag nicht mehr so viel kaufen können, wie heute. Dann würden Sie versuchen ihr Geld „koste es was es wolle“ unter die Leute zu bringen. Damit würden Sie natürlich die Preise treiben, die Kaufleute würden das ihrige tun – etc.
Deflation in Deutschland, ein Problem der Sparmentalität?
Wir leiden in Deutschland unter vielem anderen auch deshalb unter beständig deflationären Einflüssen, weil wir ein Volk der Sparer und Erbsenzähler sind. Beständig nehmen wir Geld aus dem Wirtschaftskreislauf und parken es in so effektive Anlageformen wie Sparbücher bei 1 % Verzinsung oder Pfandbriefen.
Wenn jedoch Geld aus dem Kreislauf genommen wird und zwischengeparkt wird, verlangsamt sich die Geldumlaufgeschwindigkeit, beziehungsweise steht dem Konsum immer weniger Geld zur Verfügung. Dadurch erhöht sich der Konkurrenzdruck unter den Unternehmen, die von Ihnen Ihr sauer verdientes Geld haben wollen/müssen. Konkurrenz führt wiederum zu Preisdruck. Diese Preisdruck erkennt der Verbraucher, der sich dann unter Umständen sagt: „Hmmmm, wenn ich noch ein wenig warte, dann werde ich dies und jenes um ein Vielfaches billiger bekommen – also: Geld aufs Konto und abwarten.“ In letzter Konsequenz sinken die Preise immer weiter und noch mehr Geld wandert auf die Sparbücher.
Die psyschologische Komponente
Hinzu gesellen sich die bekannten Probleme, dass wenn die Verbraucher Angst vor eine Rezession haben, ihre Absicherungsneigung ansteigt. Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust führt dazu, dass noch mehr Geld auf den Konten landet – als Sicherheit. Da die Unternehmen aufgrund des nun immer stärkeren Konkurrenzdrucks ebenfalls ihre Kosten senken müssen, führt das dazu, das notwendige Investitionen nicht getätigt werden, was wiederum andere Zulieferunternehmen in Bedrängnis bringt.
Der Arbeitsmarkt
Nur kurz erwähnt sei, dass höherer Konkurrenzkampf der Unternehmen natürlich auch zu einer Vergrößerung der Arbeitslosigkeit führt, was wiederum die Konsumneigung der Verbraucher reduziert. Einerseits, wie gesagt, aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, andererseits haben Menschen ohne Arbeit nicht mehr das Geld, um zu konsumieren. Auch das verstärkt diesen Kreislauf.
Wenn dann noch der Staat mitmischt
In einem solchen Fall nimmt natürlich auch der Staat immer weniger Geld ein (wenn die Unternehmen immer weniger verdienen, wenn immer weniger Menschen arbeiten, etc). Kommt dann aus diesem Grund noch eine Reduzierung der Staatsausgaben hinzu, ist der Deflationsbrei komplett angerührt und muss nun nur noch so lange vor sich hinköchlen, bis auch der letzte Depp die Deflation bemerkt hat. Dann führt allein schon die Deflationserwartung zur einer Stabilisierung der Deflation. (Sie werden sicherlich merken, dass viele dieser Faktoren in Deutschland zu erkennen sind. Interessanterweise sind Steuererhöhungen auch ein Mittel die Inflation zu erhöhen, macht also einer der größte Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik Sinn? Wer weiß, wer weiß.)
Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist
Wenn sich Deflation erst einmal durchgesetzt hat, dann ist der Staat machtlos. Wie Sie wissen, glaube ich, dass in den USA eine verdeckte Deflation immer noch vorhanden ist. Verdeckt wurde Sie durch zwei Faktoren, die perfekt ineinander gegriffen haben. Als sich so um 2003 herum eine Deflation in den USA zu erkennen gab, hat die Fed darauf reagiert und eine extrem expansive Geldpolitik gestartet, wir erinnern uns alle.
Doch auch Japan hatte das versucht, die Zinsen sogar auf Null reduziert und konnte doch mit dieser Aktion die lange Deflationsphase nicht verhindern. Kritiker haben Japan vorgeworfen, nicht energisch genug gehandelt zu haben. Diesen „Fehler“ wollte die USA nicht machen und reagierte entsprechend aggressiv. Doch der USA spielte ein weiterer Umstand in die Hände, der das Wort Deflation komplett aus den Kommentaren der Marktanalysten verbannte: Die Rohstoffpreisexplosion.
Die dramatische Verteuerung des Rohöls wirkte sich preistreibend auf alle Bereiche der US-Wirtschaft aus. Meines Erachtens waren es diese beiden Aspekte zusammen, welche den deflationären Tendenzen in den USA das Wasser abgegraben haben.
Die inflationstreibenden Faktoren schwächen sich ab
Nun frage ich mich, wie wird es sich auswirken, wenn auf der einen Seite die restriktive Geldpolitik aufgehoben wird, schließlich steigen die US-Zinsen seit geraumer Zeit nachhaltig. Diese Frage gewinnt an Brisanz, wenn auch noch der Ölpreis drastisch sinkt. Wachsen nicht dann die Gefahren, dass die totgeglaubte Deflation wieder auftaucht?
Nun gab es noch einen dritten Umstand, der eine entscheidende Rolle bei der Inflation in den USA gespielt hat. Durch die extrem expansive Geldpolitik war viel billiges Geld vorhanden, welches sich auf die Suche nach Rendite machte. Statt in den Aktienmarkt zu fließen, suchte es sich den US-Immobilienmarkt und führte dort zu einer Immoblienblase, die maßgeblich mit an dem starken Wirtschaftswachstum in den USA beteiligt war und somit natürlich auch auf vielfältige Art und Weise die Inflation in den USA anfeuerte. Doch selbst im Immobliensektor erkennen wir eine deutliche Abkühlung.
Sparen ist Deflation?
Und nun zum Anfang zurück: Wenn nun neben diesen oben genannten Effekten auch noch die US-Bürger anfangen zu sparen, wenn nun das Geld gebraucht wird, Kredite zurückzuzahlen und Existenzsicherungen aufzubauen, dann steht dieses Geld nicht mehr dem Konsum zur Verfügung. Dadurch erhöht sich der Konkurrenzdruck unter den Unternehmen noch weiter. Wenn dann die Energiekosten sinken, können die Unternehmen sofort die Preise reduzieren, um sich dem Konkurrenzdruck zu stellen. Dafür müssen sie nicht einmal (zunächst) Arbeitskräfte entlassen, das wäre erst zeitverzögert der Fall.
Meines Erachtens sind das alles Hinweise darauf, dass wir mit offenen Augen wieder auf eine Deflation zusteuern. Zumindest dann, wenn die Fed nicht frühzeitig anfängt, das Regulativ, nämlich die Zinsen zu nutzen, um diese Effekte abzufedern. Kurz: Die Fed darf unter keine Umständen, wie es ein Herr Lacker empfiehlt, die Zinsen weiter anheben, sondern müsste eher so langsam erste Zinssenkungen anstreben. Aufgelöst würde dieses Szenario allerdings sofort, wenn die Rohstoff- und Ölpreise nach der US-Wahl wieder dramatisch ansteigen würden! Und ich vermute, das wird auch ein Indikator für die Fed sein.
Ich weiß, es gibt kaum bis keine Analysten, die angesichts der aktuellen Inflationszahlen in den USA von Deflation schreiben. Aber schließlich sollen Sie hier auch Dinge lesen, bevor es alle Welt weiß. (Schauen Sie sich dazu die bezahlten Preise beim Chicagoer Einkaufsmangerindex an (weiter unten)). Wir müssen also genau darauf achten, wie sich die Zahlen weiter entwickeln und sollten das Thema Deflation in den USA unter keinen Umständen als besiegt betrachten!
Andererseits, war es nicht gerade unser neuer US-Notenbankchef, Ben Bernanke, der den Stoff zu dem Buch geliefert hat: „Deflation: Making Sure "It" Doesn`t Happen Here!“