Defizite in Unordnung

unserem Korrespondenten Bill Bonner in London in Investors Daily
vom


von unserem Korrespondenten Bill Bonner in London

Wie ich schon gestern bemerkt habe, ist der Lärm über das Thema der nationalen Bilanzen ohrenbetäubend. Jeder Politiker, Wirtschaftswissenschaftler und Döskoppanalyst mit Zugang zu einem Leitartikel scheint dazu eine Meinung zu haben. Ich biete hiermit eine Gegenmeinung an. Mein Ansatz besteht nicht darin, die aktuellen Bilanzen zu erklären, oder zu raten, was mit dem Dollar passieren wird. Nein, ich habe mir ein wesentlich geringeres Ziel gesetzt: Ich will zeigen, dass all die Kommentatoren und Meinungsmacher Hohlschädel sind.


Ich mache einen Anfang, indem ich die Leser daran erinnere, dass das US-Handelsbilanzdefizit im Januar eine Rekordmarke von 58,3 Milliarden Dollar erreicht hat. Ein Betrag, "der die schlimmsten Befürchtungen aller noch übertroffen hat", schreibt die New York Times. Das Defizit erreichte im vergangenen Jahr mehr als 650 Milliarden Dollar, 80 % der Ersparnisse der gesamten Welt wären notwendig, es zu finanzieren. Die Welt hat noch nie zuvor eine so hohe rote Zahl im internationalen Handel gesehen, und sie weiß nicht, was sie davon halten soll. Manche Kommentatoren sehen diese Zahl als Zeichen für "den Untergang des amerikanischen Imperiums", andere als Merkmal der amerikanischen Stärke.

Woher kommt das Handelsbilanzdefizit?

Es entsteht, wenn die Amerikaner mehr von Nicht-Amerikanern kaufen, als sie an sie verkaufen. An jedem Tag, der vergeht, kaufen Amerikaner (netto) ca. 2 Milliarden Dollar mehr an Importen, als sie nach Übersee verkaufen. Dass die amerikanische Wirtschaft die flexibelste, dynamischste und köstlichste Einrichtung auf Gottes grüner Erde ist, tut ebenso wenig zu Sache wie Baumringe. Dass die Ausländer ein Stückchen der amerikanischen Wirtschaft haben wollen ist schmeichelnd, aber es ist ebenso sehr eine logische Folgerung wie Hämorrhoiden.

Es ist auch nicht besonders relevant, warum die Amerikaner zu viel ausgeben. Sie haben ihre eigenen Gründe. Aber selbst, wenn sie es nicht täten, wäre das Ergebnis das gleiche. Jeden Tag, inklusive Wochenenden, geht mehr raus, als rein kommt. Schiffe, die ihren Weg von Ost nach West zurücklegen, d.h. die die Häfen in Nordamerika in Richtung China, Japan oder den Rest des Fernen Ostens verlassen, gleiten über das Wasser. Sie haben leichte Ladung mit Holz, Rohmaterial, Werkzeug und Lebensmitteln. Manche davon sind leer. Auf ihrem Weg über die Weiten des Pazifiks kreuzen sie andere Schiffe, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Diese Schiffe haben den Orient mit Ziel Seattle oder Long Beach verlassen. Sie liegen viel tiefer im Wasser, denn sie sind bis an die Ladeluken beladen. Mit Mobiltelefonen, Fernsehern, Spielzeug, Elektrogeräten, Kleidung und Zubehör – das gesamte Sammelsurium, von dem der amerikanische Lebensstandard heute abhängt.

Wenn das Land ein Unternehmen wäre, wäre der Unterschied zwischen dem, was reingeht und was rauskommt – in Dollar ausgedrückt – das Maß für den operativen Verlust. Wenn es eine Familie wäre, wäre es die Rate, mit der sich die Familie in die Verarmung treibt. Wenn es ein Geschäft wäre, und ein solches Ungleichgewicht über mehrere Jahre anhielte, dann wäre es schon lange pleite. Selbst kleinere Nationen wären schon vor langer Zeit in Probleme geraten. Nur eine Nation, die die Weltreservewährung hält, konnte so lange damit davonkommen.

Es ist nicht besonders wichtig, dass die amerikanische Wirtschaft "schneller wächst, als die Wettbewerber", wie Mr. David Malpass behauptet, (im Wall Street Journal), selbst wenn es wahr wäre. Abgesehen davon wächst die amerikanische Wirtschaft nicht halb so schnell wie die chinesische. Es macht auch nichts aus, dass die Asiaten keine Wahl haben und amerikanische Vermögenswerte kaufen müssen, wie andere Kommentatoren behaupten. Auch ist es nicht relevant, dass die fremden Anlagen so etwas wie einen "Tribut" an die imperiale Macht darstellten.

Die harte und unerfreuliche Tatsache ist, dass die Amerikaner mit jedem Tag der vergeht um 2 Milliarden Dollar reicher sind an großen Autos, Flachbildschirmen und anderen Konsumgütern, die fast alle aus Asien kommen (wo sich das Handelsbilanzdefizit momentan konzentriert), während die Asiaten zur gleichen Zeit um 2 Milliarden Dollar reicher an amerikanischen Vermögenswerten sind, auffälligerweise Schatzanleihen.

Seit 1990 haben Ausländer, als direkte Folge des Handelsbilanzdefizits, amerikanische Vermögenswerte im Wert von mehr als 3,6 Billionen Dollar angesammelt.

Das allein macht noch keinen großen Unterschied, ich erwähne es hier nur, um mich über andere lustig zu machen, die das Thema schon vor mir aufgebracht haben. Jeder Mann entscheidet selbst, ob er lieber einen Flachbildschirm oder eine Schatzanleihe haben möchte. Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, ob es eine gute oder schlechte Wahl ist. Aber die Amerikaner traden ja nicht bloß einen finanziellen Vermögenswert gegen ein Konsumgut. Sie haben darüber hinaus nur wenige finanzielle Vermögenswerte anzubieten, die Sparraten sind gefallen. Die Leute greifen nicht zu Kapital, wenn sie bei Wal Mart einkaufen gehen, sondern in Schulden. Ohne frei verfügbare Ersparnisse können sie keinen finanziellen Vermögenswert gegen ein technisches Gerät eintauschen. Stattdessen handeln sie mit finanziellen Verpflichtungen.

Das ist aber schließlich nur eine besondere Vorliebe der Konsumenten. Es geht mich doch nichts an, ob jemand so dringend einen Flachbildschirm haben will, dass er bereit ist, sich deswegen zu verschulden. Er zieht eben die zusätzlichen Schulden einem weiteren Leben ohne diesen Fernseher vor. Diese Vorliebe ist allerdings so weit verbreitet, dass es einem die Sprache verschlägt. Jeden Tag kaufen die Leute, alle zusammen, Kram im Wert von 2 Milliarden Dollar, für den sie nicht bezahlen können. In Zukunft werden sie dafür bezahlen. Sie oder irgendjemand anderes.

Und wieder habe ich damit kein Problem.

Aber jedes öffentliche Spektakel beginnt mit einer Lüge. Später entwickelt es sich zu einer Massentäuschung, zur Selbstbeweihräucherung, Halluzination und Farce und dann, schließlich und endlich, zur Katastrophe. Bis die Katastrophe kommt, weiß niemand genau, wo er steht. Denn mit jedem Schwachsinn, der daherkommt, gibt es auch eine Menge von Illusionisten, die anfangen, diesen Schwachsinn unter den Leuten zu verbreiten, bis schließlich mindestens die Hälfte der Bevölkerung daran glaubt.

Also gibt es fast jeden Tag einen Beitrag im Wall Street Journal, der behauptet, dass das Handelsbilanzdefizit kein Problem darstellt. Auf einem bestimmten makroökonomischen Niveau, ist es auch wirklich kein Problem. Zumindest solange es noch jemanden gibt, der Geld verleiht, besteht kein Grund zur Sorge. Aber auch solange das Geld noch fließt, werden die Amerikaner mit jedem Tag ärmer.

Einige wichtigtuerische Besserwisser machen darauf aufmerksam, dass die Amerikaner schon in ihrer früheren Geschichte Handelsbilanzdefizite hatten, und dass Länder, die schnell wachsen, immer Haushaltdefizite aufweisen. Schließlich bauen sie ja etwas für die Zukunft auf, Fabriken, Produktionsstätte, Maschinen, und das alles kostet Kapital. Und wenn die Fabriken gebaut sind, werfen sie Gewinne ab, mit denen die Schulden dann beglichen werden. In diesem Beispiel kommt der Verschuldete mit einem Gewinn raus.

Oh, welch eine schmeichelnde Träumerei davon, aber wann haben Sie zuletzt gesehen, dass eine Fabrik gebaut wird, oder eine Raffinerie oder eine Mine? Das letzte, an das ich mich erinnere, ist eine funkelnagelneue Brauerei vor Baltimore – aber das muss jetzt schon 40 Jahre her sein. Und seitdem ist sie auch schon wieder nicht mehr in Betrieb.

Das erlesen Wirtschaftsjournal 'Bank Credit Analyst', das seinen Sitz in Montreal hat, schaut nach vorn und sieht nichts als gute Nachrichten. BCA glaubt, dass die Informationsrevolution uns noch einige gute Dinge bescheren wird. Bis jetzt bin ich mir über keinen Nutzen der Informationsrevolution bewusst, aber vielleicht kommt ja noch einer. Nur ist Information ja auch notorisch leichtfüßig.

Dann lese ich, dass immer mehr amerikanische Steuerformulare – die ja auch schließlich nichts anderes als Informationen sind – in Indien bearbeitet werden. Und jetzt kommen Nachrichten der Business Week, dass amerikanische Firmen den Informationsanteil der modernen Produkte immer öfter auslagern. Sie gehen nicht mehr nur nach Taiwan, um die Leute dort zu bitten, "etwas zu machen". Jetzt gehen sie auch nach Taiwan, um sich anzugucken, was die Ortsansässigen herstellen, um es nach Hause zu verkaufen. Immer mehr amerikanische Firmen nehmen gar nicht mehr an der Produktentwicklung teil. "Viele kaufen einfach unsere Produkte", sagt ein taiwanesischer Hersteller.

Was wir hier sehen, ist laut Paul Craig Robert die "rasante Umformung Amerikas in eine Dritte Welt Wirtschaft." Amerikanische Firmen sind zunehmend nur noch mit den Marken auf dem Markt vertreten. Aber auch die werden sich nicht mehr lange halten, wenn die Konsumenten festgestellt haben, dass die wahren Genies in Sachen Innovation, Entwicklung und Herstellung in Japan sitzen. Genauso wie sich die Konsumenten im Automobilbereich mit neuen Marken anfreundeten, als die Qualität in Japan besser wurde, werden sie sich auch in anderen Sektoren mit fremden Marken anfreunden. So wird es bald nicht mehr nur eine Frage sein, ob die Amerikaner ihr Geld für ausländische Produkte ausgeben wollen, so werden sie es bald müssen.

In der Zwischenzeit heben die Newmanbrüder Dan und Frank hervor, dass der Ausfluss von Dollars kein Grund zur Beunruhigung ist, weil die Dollars einfach zu uns zurückkehren werden. Ich muss einräumen, dass sie das wirklich werden. Aber sie werden nicht als die gutmütigen Arbeitsleichen zurückkehren, als die sie gegangen sind. Sie kommen in feinem Zwirn, mit besseren Manieren und mit einem besseren Akzent. Sie kommen als Mieter. Anstatt dem Ottonormalverbraucher zu helfen, sein Geld zu verdienen, werden sie es ihm schwerer machen. Im Moment muss man dem Dollar unter die Arme greifen. Schließlich müssen für Schulden Zinsen gezahlt werden. Oder sie müssen auf die bestehenden Schulden aufgeschlagen werden. Was auch immer, jeden Tag wird die Bürde schwerer.


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