Daytrading oder die Katze und der Ball
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 04. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Angesichts der seltsamen Spielchen im Future heute morgen muss ich einmal mehr das Tierreich bemühen.
Der Dax verhält sich zum Future wie eine Katze, die mit einem Ball spielt. Der Ball ist dabei der Future-Dax. Rollt der Future weg, jagt der Dax hinterher. Nur, das Problem – die Katze denkt, sie würde mit dem Ball spielen und merkt gar nicht, dass das Herrchen den Ball mit einer Schnur vor ihrer Nase hin und her zieht.
Dieses Herrchen könnte nur ein kapitalkräftige Marktteilnehmer sein. Stellen Sie sich also einmal vor, Sie verfügen über viel Geld – über sehr viel Geld. Es wäre für Sie kein Problem den Future 40–50 Punkte in diese oder jene Richtung zu ziehen. Gerade im Dax-Future bräuchten Sie an schwachen Tagen nicht einmal sonderlich viel Kapital dazu (besonders wenn es über die Ami Future versucht wird).
Nun erkennen Sie, dass die Vorgaben für den heutigen Tag negativ sind (ich erläutere es einmal an diesem Beispiel "negative Vorgaben", da es einfacher ist, es gilt aber genauso umgekehrt, wie heute morgen, wenn die Vorgaben "leicht positiv" sind). Die Amis hätten also uneinheitlich negativ geschlossen, die Japaner (die heute noch Feiertag hatten) hätten leicht im Minus geschlossen – perfekt. Sie lassen den Future, den Ball, zunächst alleine, ohne zu intervenieren, nach unten leicht ins Minus laufen. Der Dax, die Katze, kommt hinterher gewetzt.
Irgendwann merken Sie, dass den Verkäufern im Future die Luft ausgeht. Sie wissen, dass jetzt einige Short sind, sich aber insgesamt etwas unsicher in ihren Positionen fühlen. Nun kaufen Sie Future-Positionen und zwingen zunächst den Future und damit auch den Markt ins Plus.
Die Shorties werden nervöser. Sie wissen aus Erfahrung, bei einer bestimmten Marke, wenn die Verluste zu groß werden, werden die sowieso schon ängstlichen Anleger panisch und verkaufen ihre eben aufgebauten Short-Positionen. Das merken Sie spätestens daran, dass Kaufdruck aufkommt (die Shorties kaufen ihre Short-Positionen zurück).
Diesen Kaufdruck nutzen Sie, um einen Teil ihrer Position, den Sie gerade weiter unten gekauft haben, nun zu verkaufen (ein netter Gewinn). Das tun Sie bis der Kaufdruck nachlässt, wahrscheinlich haben Sie dann ein Drittel ihre Position, die Sie unten gekauft haben, um den Markt hoch zu kaufen, verkauft. Die nervösen Shorties sind zu diesem Zeitpunkt aus dem Markt.
Jetzt kommt der zweite Streich. Sie wollen auch noch die stärkeren Hände zum Zurückkaufen ihre Shortpositionen zwingen und kaufen den Markt noch einmal hoch, am Besten über eine Widerstandszone hinaus. Sobald diese wichtige Widerstandszone nach oben aufgelöst ist, werden auch die "stärkeren Hände" nervös und kaufen ebenfalls ihre Positionen zurück.
In diesen Kaufdruck verkaufen Sie das zweite Drittel ihrer Position. Das letzte Drittel schmeißen Sie daraufhin einfach auf den Markt. Damit drücken Sie zwar den Kurs, aber es reicht immer noch, um einen fetten Gewinn einzufahren.
Okay, um dieses Spiel so zu spielen, müssten Sie schon über sehr viel Geld verfügen. Wenn das der Fall wäre, dann wären solche Tage wie heute, eine einfache Möglichkeit viel Geld zu verdienen, auf sehr sichere Art und Weise. Zumal Sie sich darauf verlassen könnten, dass andere kapitalkräftige Marktteilnehmer ein ähnliches Spiel spielen werden. So werden die Schafe, wie die Kleinanleger "liebevoll" von den Institutionellen genannt werden, hin und her getrieben, wie die Katze, die dem Ball hinterherjagt.
Nun denken Sie sicherlich, wie soll, wenn so etwas möglich wäre, denn ein Kleinanleger gegen solche Praktiken ankommen? Die Hauptaufgabe müsste dann beim Intraday-Traden (darum geht es in diesem Spiel) darin liegen, zu erkennen, wie ein kapitalkräftiger Marktteilnehmen von der aktuellen Situation am besten profitieren könnte.
Das einzige, was Sie dann tun müssten, ist demnach, sich entsprechend zu positionieren. Stellen Sie sich also vor, Sie seien dieser Anleger (Es ist dabei völlig egal, ob es einen solchen Marktteilnehmer wirklich gibt, es funktioniert trotzdem) und tauchen in den Fahrtwind der Institutionellen. Schauen Sie also nie auf den Ball, sondern nur auf die Hand, die diesen Ball führt. Natürlich wird das dazu führen, dass Sie meistens das genaue Gegenteil von dem tun, was ihr Traderherz in diesem Moment denkt und fühlt.
Doch, wenn Sie nur auf Ihr Traderherz hören, werden Sie schnell zu der Katze, die meint einen Ball zu jagen, obwohl sie eigentlich selbst vom Ball gejagt wird. Und so erklärt sich auch, warum gerade im Intraday-Bereich so viele Trader mehr als 70 % ihrer Trades versemmeln und dann ihrerseits die Welt nicht mehr verstehen.
Zur Börse:
Ansonsten war heute an der Nachrichtenfront nicht viel los. Michael Vaupel vom Trader's Daily schrieb, die Nachricht des Tages sei, dass Japan im April damit aufgehört habe, an den Devisenmärkten zu Gunsten des Dollars zu intervenieren. Ich würde dem weniger Bedeutung beimessen, da es klar ist, dass sie nur interveniert, wenn der Dollar schwach ist. Warum sollte sie eine stärker werdenden Dollar noch mehr stützen?
Angesichts der Zinserhöhungsängste hatte sich der Dollar positiv entwickelt, eine Intervention tat nicht Not. Trotzdem reichte diese Nachricht offenbar aus, den Euro über die 1,20 Dollar zu heben und auch dem Goldpreis ein wenig auf die Beine zu helfen. So gesehen war es dann doch wieder, eine "interessante" Nachricht.
Im Moment wartet ein müder lustloser Handel auf die Kommentare von Old Greeny. Morgen dann die neusten News zur Fed-Sitzung und die Reaktion der Märkte.