DAXSec. Chemicals: Die Börse weiß es besser
Andreas Wolf in DAX Daily zum Thema Dax 30
vom 22. Mai 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
seit Anfang März verfestigen sich laut der Kursentwicklung an den internationalen Börsen die Hinweise, dass die schweren ökonomischen Verwerfungen des zweiten Halbjahres 2008 bald von einer stärkeren Erholung abgelöst werden könnten. Viele Ökonomen trauen „dem Braten" aber noch nicht und halten die Rally an den Aktienmärkten nur für eine zwischenzeitliche Episode, die von der düsteren Realität bald wieder eingeholt wird. Diese Skepsis ist insofern verständlich, als dass sich dieselben Ökonomen bei den Prognosen über die Schwere der laufenden Rezession erheblich verkalkuliert haben. Mit einer gehörigen Portion Optimismus rechnete kaum ein Analyst mit einem Einbruch des Wirtschaftswachstums in den aktuellen Dimensionen, der Blick auf die Kursentwicklung an den Börsen hätte aber im bereits im Frühjahr 2008 klar machen müssen, dass ein höheres Minus bei den Unternehmensergebnis zu erwarten war. Die klassische Ökonomie mit ihren starren Rechenmodellen konnte vor dem Hintergrund der veränderten Einflussfaktoren auf die deutsche Wirtschaft deshalb nur in die Irre führen, eine Einsicht, die am Ende auch die Verantwortlichen der Chemieindustrie traf. Während der weltweit größte US-Chemiekonzern Dow Chemical schon mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, sinnierten die Vorstandschefs von Bayer und BASF noch darüber, ob die Rekordergebnisse des Jahres 2007 noch zu halten oder ob leichte Einbußen hinzunehmen seien. Aufgrund der korrekten Warnfunktion, die die Weltbörsen mit ihrem Crash auf Raten gaben, dürfte deren Entwicklung in Zukunft wieder mehr Beachtung in Vorstandssitzungen finden.
Lange Erfolgsserie führte zu Fehleinschätzungen
Eine wesentliche Ursache für die drastischen Fehlprognosen im Chemiesektor liegt ohne Zweifel in der langen Erfolgsserie der Branche. Die letzten heftigen Einbrüche in den Unternehmensergebnissen, die mit der aktuellen Krise aber nur annähernd vergleichbar sind, liegen rund 19 Jahre zurück. Der Ausbruch der ersten Irak-Krise 1990 und der folgende Krieg im Frühjahr 1991 lösten eine kurze, aber heftige Rezession aus. Danach ging für den Sektor Chemie kontinuierlich nach oben. Egal welche Industrie gerade wieder ein neues Produkt entwickelt und auf den Markt gebracht hatte, die Chemiebranche profitierte immer mit. Als zusätzlicher Katalysator für die Unternehmensgewinne erwiesen sich danach dann die Öffnung der osteuropäischen Länder und der Aufstieg der großen Schwellenländer Brasilien, China, Indien und Russland. Die Marktführer aus den USA und Deutschland bauten nicht nur ihre weltweiten Marktanteile rasant aus, sondern nutzten auch gleich noch die Gelegenheit, um die Kosten nachhaltig zu senken und die Profitabilität stark zu erhöhen. Die daraus resultierende Erfolgsserie bei der jährlichen Steigerung von Umsatz und Gewinn verleitete zu der Annahme, gegen fast alle Krisenszenarien immun zu sein. Fast zwei Jahrzehnte lang zahlte die Chemiebranche ihrem Personal im Durchschnitt die höchsten Gehälter. Unter dem Eindruck der aktuellen Korrektur werden die Gehaltspakete in naher Zukunft wieder kleiner ausfallen.
Konsolidierungsprozess wird angestoßen
Der Blick auf die jüngste Aktienkursentwicklung bei den Chemiewerten verheißt aber wieder etwas Hoffnung. Wurde vor Wochen die Möglichkeit einer V-förmigen Erholung der Weltwirtschaft noch gänzlich ausgeschlossen, unterstellen die ersten Ökonomen bereits ein nahendes Ende des Konjunkturabschwungs verbunden mit einer kräftigen Erholung zum Jahreswechsel 2009/10. Für die Aktionäre bedeutet dass eine Fortsetzung der Achterbahnfahrt mit aufwärts gerichtetem Potenzial. Denn allein schon eine leichte Belebung der Weltwirtschaft wird die auf sehr niedrigem Niveau ausgelasteten Produktionsstätten wieder in schwarze Zahlen bringen. Anders als die Vorstandschef schaut die Börse nicht auf den tatsächlichen Auftragsbestand sondern auf verschiedene Konjunkturindikatoren. Die dort erkennbaren nachhaltigen Trends führten statistisch gesehen auch sehr häufig zu einer entsprechenden Realisation in den Auftragsbüchern der Unternehmen. Darüberhinaus dürfte einer infolge der Krise neu ausgelöster Konsolidierungsprozess ebenfalls für Fantasie bei den Aktienkursen sorge. In der Regel bieten sich für die Marktführer günstige Gelegenheiten, um kleinere Wettbewerber zu übernehmen.
200-Tage-Linie dynamisch überwunden
Deutlichstes Signal einer bevorstehenden Erholung in der Chemieindustrie ist der starke Zugewinn des Branchenindex DAXSector Chemicals. Zwischen November 2008 und Anfang Mai 2009 bildete der Index eine Bodenformation zwischen 600 und 800 Punkten. Ende April wurde die Seitwärtshandelsspanne mit einem Bruch des seit Juni 2008 gültigen Abwärtstrends nach oben verlassen. Nach einer weiteren Konsolidierung leicht unterhalb der fallenden 200-Tage-Linie gelang am Mittwoch auch der Sprung über diese Hürde. Damit ist nun der Weg frei, um bis zum nächsten Widerstandsbereich um 900 Punkte durchzustarten. Zwischenzeitliche Konsolidierungen wie jene am gestrigen Feiertag sind nach starken Aufwärtsimpulsen als Trendbestätigend zu betrachten und ändern nicht an dem positiven Szenario. Das lässt sich sowohl an den auf Kauf stehenden Trendfolge-Indikatoren MACD und Momentum, als auch am steilen Aufwärtstrendkanal erkennen. Eine größere Korrektur des derzeit laufenden Aufwärtsimpulses dürfte erst wieder einsetzen, wenn die stark steigende 38- Tage- Linie die 200-Tage-Linie von unten nach oben kreuzt. Bis dahin dürften aber noch 6 bis 8 Handelstage vergehen. Fällt der Index allerdings entgegen der Prognose unter 800 Punkte in den nächsten Tagen zurück, werden die Bären wieder stärker ein Wörtchen mitzureden haben. Nach dem aktuellen Stand der Dinge liegt die Wahrscheinlichkeit hierfür aber deutlich unter 30 Prozent.
