Dax zurück in seiner Seitwärtsbewegung oder das Zeitalter des Krebses
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 27. Februar 2004 18:00 Uhr
ENL5462
Eigentlich braucht man nur die Überschriften der einzelnen Analysten zu lesen und schon weiß man, ob es sich im Kern um Bullen oder Bären handelt. Dort heißt es:
"Dax fällt unter die wichtige Unterstützungsmarke bei 3980 Punkten.", "Dax wieder unter 4000." Die Wörtchen "wieder" und "fällt unter" verraten die innere Gesinnung. Aber auch die Bullen verraten ihre Einstellung: "Dax erobert 4000er Marke zurück!" Bullisher geht es kaum. Ein lustiges Völkchen – wir Analysten. Die Krebse unter uns (seitwärts), von denen es nur sehr wenige gibt, würden wohl Titeln: Dax zurück in seiner Seitwärtsbewegung. Natürlich nur rein theoretisch ...
Aber der Verlauf der letzten zwei Monate gibt mir die Gelegenheit, kurz über das schwierige Wesen der Seitwärtsbewegungen zu schreiben.
Seitwärtsbewegungen werden auch als Tradingranges bezeichnet. Das hat einen einfachen Grund, sie sind eine hervorragende Spielwiese für finanzstarke Trader. Tradingranges sind gleichzeitig der Ruin der Bären und Bullen, psychisch und finanziell.
Eine Seitwärtsbewegung verläuft zwischen zwei horizontalen Kurslinien – der oberen und der unteren. Die Bullen warten auf einen Ausbruch nach oben, die Bären auf einen Ausbruch nach unten. Gleichzeitig sammeln die Bullen, wenn sie gut sind, unten ein – soweit so gut. Aber sie verkaufen oben nicht, denn sie rechnen schließlich mit einen Ausbruch. Das gleiche gilt für die Bären, nur umgekehrt. Das heißt das Portfolio wird größer, aber erzielt keine nachhaltigen Gewinne.
Das hat natürlich fatale Folgen. Hinzu kommen die Verluste, die generiert werden, sobald eine der beiden Begrenzungslinien verlassen wird, z.B. die obere. Die Bullen steigen voller Freude ein, endlich geht es weiter, die Bären steigen geknickt aus, denn dort liegen die Stops, dort sind sie short gegangen. Und prompt läuft der Kurs wieder in die Seitwärtsbewegung rein. Bulle und Bär lecken sich die Wunden und positionieren sich neu.
Man sagt, so wie sich der Index Anfang des Jahres verhält, so verhält er sich das ganze Jahr über. Mag sein, dass da mehr Aberglaube als empirische Untersuchung hinter steckt. Aber generell könnte es sein, dass wir nicht nur eine große Seitwärtsbewegung auf Sicht von 12–20 Jahren, sondern innerhalb dieser auch viele kleine Seitwärtsbewegungen in nächster Zeit erleben werden.
Deswegen ist es wichtig zu wissen, wie man eine Seitwärtsbewegung tradet:
Folgende Vorgehensweise halte ich für weniger finanzstarke Investoren für die sinnvollste. Sie kaufen an der unteren Linie eine kleine Position. Sie muss klein sein, damit Sie den Stop tief unterhalb der Linie setzten können. Selbst wenn die untere Linie bricht, müssen Sie nämlich die Nerven behalten. Sobald sich der Kurs in die richtige Richtung entwickelt, vergrößern Sie die Position, bis zur Hälfte des Weges. Bei zwei Drittel der Bewegung bauen Sie die Position langsam wieder ab, so dass Sie an der oberen Linie bis auf eine kleine Position wieder aus dem Markt sind. Die kleine Position hält man für die Möglichkeit, dass es doch noch weiter geht.
An der oberen Linie geht man mit einer kleinen Position short, diese ist durch die Long Position abgesichert (gehedged), erkennt man, dass die Seitwärtsbewegung wieder aufgenommen wird, dann verkauft man die kleine Longposition (die dann immer noch deutlich im Plus gewesen ist) und vergrößert zunehmend die Shortposition, wieder bis zu zwei Dritteln des Weges.
Das entscheidende ist, man muss an den beiden Linien Nerven haben, denn die Linie in einer Seitwärtsbewegung werden gerne mal kurz unterschritten. Doch denken Sie daran, eine Seitwärtsbewegung bricht nur ein einziges Mal wirklich, aber bis dahin kann sie lange immer wieder zwischen den Linien auf und ab laufen. Mit anderen Worten, man macht ein einziges Mal einen Verlust hat aber die Möglichkeit viele Male zu gewinnen.
Sie sollten sich diese Art des Tradens für die nächsten Jahre vormerken. Nirgendwo gilt mehr: "Kaufe die Angst und verkaufe die Euphorie" als in einer Seitwärtsbewegung. Am unteren Ende einer größeren Seitwärtsbewegung, dürften alle Analysten um Sie herum, entmutigende Kommentare abgeben, am oberen Ende euphorische.
Aktuell ist die Seitwärtsbewegung im Dax allerdings etwas zu dürftig, um sie zu traden, zudem traue ich im Moment nix und niemanden. Das heißt, ich hätte ein sehr ungutes Gefühl dabei, nun long zu gehen.
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