Dax wieder beim Jahrestief 2002
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Dax 30
vom 29. Januar 2003 18:00 Uhr
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Heute hat der Dax mal kurz unter die 2600 Punkte geschaut und ein vorläufiges Tief bei 2563 Pkt ausgebildet. Damit hat er das Jahrestief von 2002 bei 2519 Pkt fast wieder erreicht. Wie ich gestern sagte, es wird Zeit für eine Konsolidierung. Die Zeichen dafür werden immer deutlicher.
Die wichtige Frage, die sich Charttechnikern stellt, ist: Wird der Dax nun im Bereich der 2500 einen Doppelboden ausbilden?
Ein Doppelboden ist eine Trendumkehrformation, die sich gerne nach langen Abwärtstrendphasen bildet und das Ende dieses Trends anzeigt. Es bildet sich, wenn es nach einem Tief zu einer deutlichen Aufwärtsbewegung kommt – diese Aufwärtsbewegung dann immer weiter abflacht – sich ein neues Hoch bildet, in dessen Folge es wieder zu einer Abwärtsbewegung kommt. Meistens stellt die Bewegung zwischen den beiden Tiefs eine Art rounding dar, also einen Halbkreis (Halboval). Der Abwärtstrend endet in einem zweiten Tief, dass in ungefährer Höhe des ersten Tiefs liegt. Ein anderes häufig verwendeter Begriff für einen Doppelboden ist: "W-Formation", da ein Doppelboden im Chart einem "W" ähnelt.
Der Dax hat im Moment die Chance, genau einen solchen Doppelboden auszubilden. Dann müsste er nun einfach nur steigen, steigen und steigen. Aber es gibt ein Problem: Es fehlt die Symmetrie zwischen der Aufwärtsbewegung und der Abwärtsbewegung. Eine Symmetrie in den Bewegungen ist aber "Vorraussetzung" für einen Doppelboden. Mit anderen Worten: Ohne Symmetrie sinkt die Eintrittswahrscheinlichkeit rapide. Deswegen gehe ich im Moment noch davon aus, dass das Jahrestief 2002 noch gebrochen wird.
Aber warten wir ab. Dass der Dax nach anfänglichen Verlusten von über 3 % wieder so deutlich ansteigt, hat im Moment ein ganz anderen Grund: Die ersten Marktteilnehmer beginnen unter 2600 Pkt ihre Shortpositionen glattzustellen. Um das zu tun, müssen Sie ihre vorher verkauften Positionen zurückkaufen. Das treibt die Kurse nach oben. Nur so kann man dieses Intraday Reversal erklären. Von einer wirklichen Kaufbereitschaft ist noch nicht viel zu spüren.
Intraday-Reversal entstehen, wenn es an einem Tag nach starken Kursverlusten wieder zu Käufen kommt und die Anfangskurse ungefähr wieder erreicht werden. Nach einem längerem Abwärtstrend zumeist ein klassisches Signal dafür, dass der Markt dreht (kurzfristig zumindest). In der Candlestick Technik sind diese Intraday-Reversals als "Hammer" oder "Doji" bekannt.
Wie gesagt, es sieht alles ein wenig danach aus, als könne der Markt nun ein paar Tage steigen. Von einer nachhaltige Trendwende ist aber noch nicht auszugehen.
Aber Charttechnik hin oder her, auch der Dauerbrenner "Irakkrieg" beschäftigt die Märkte: Gestern redete Bush. Der eigentliche Inhalt der Rede brachte nichts wirklich Neues. Neue Beweise sollen vorgelegt werden und Saddam Hussein wird von allen unterschätzt: Er habe und produziere Massenvernichtungswaffen. Ein Irakkrieg sei unverzichtbar – so der Tenor der Rede. Viel interessanter war jedoch die Art und Weise wie er die Rede hielt. Wider Erwarten war der Ton im Vergleich zu früheren Reden moderater und gemäßigter. Der patriotische und wortgewaltige Klang der vorherigen Rede fehlte. Nein, es war keine Kriegsrede. Sollten die Europäer mit ihrer deutlich ablehnenden Haltung Amerika doch beeinflusst haben? Beugt sich Amerika dem außenpolitischen Druck?
Nein, ich denke vielmehr, der innenpolitische Druck hat diese Veränderung bewirkt. Auch in Amerika sind die Umfragen bekannt, nach denen mittlerweile eine Mehrheit der Bevölkerung einen Irakkrieg im Alleingang, also ohne eine Zustimmung des Weltsicherheitsrates, ablehnt. Auch scheinen die Wogen des Patriotismus, die Amerika nach dem 11. September überrollt hatten, nun langsam abzuebben. Sollte der Verstand wieder in die Köpfe der Amerikaner zurückkehren? Lange genug hat das Trauma des 11. Septembers die Gemüter zutiefst beeinflusst.
An der Rede von Georg Bush kann man erkennen, dass er genau weiß, was in seinem Land vorgeht. Er passte sich den neuen Gegebenheiten sehr geschickt an. Das ist zumindest mein Eindruck. Soweit ich die Pressestimmen aus Amerika beurteilen kann, hat diese Rede so auch den gewünschten Eindruck bei den Amerikanern nicht verfehlt.
Trotz allem, Bush lies keinen Zweifel daran, dass der Irakkrieg stattfinden wird. Einfacher ausgedrückt: Nun wieder aus der Golfregion unverrichteter Dinge abzuziehen ist eine Schlappe, die sich George Bush nicht erlauben kann. Es wäre sein politisches Ende.