Dax über 5000. Und was nun?
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Dax 30
vom 07. September 2005 18:00 Uhr
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Ich weiß nicht, wie viele E-Mails ich in diesem Jahr erhalten habe, die mich aufgrund meiner bullishen Einschätzung kritisiert haben. Mit dem heutigen Bruch der 5000er Marke hat sich zumindest ein Meilenstein meiner Prognosen endgültig bestätigt. Leider kann man sich an der Börse nicht auf Erfolgen ausruhen, sie treibt einen weiter ohne Ruhe, weiter und weiter.
Eine Zahl verliert ihre Bedeutung
Die 5000 ist mit dem heutigen Tag Geschichte, die Zahl, die so viele Gemüter erhitzte, wird damit zu einer normalen Marke unter vielen degradiert.
Wo wird es jetzt hingehen? Welche Marken sind nun im Spiel, das steht jetzt im Focus der Investoren. Weiter, immer weiter, ist meine Antwort. Dazu biete ich eine so simple wie fundamental unrelevante Begründung: Selten, nur ganz selten findet eine Börse an so einer wichtigen psychologischen Marke ihr Hoch. Tops bilden sich meistens irgendwo im Niemandsland. Aufgrund dieser "Seltenheit" kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Dax noch zumindest die 5200 Punkte Marke erreicht. Nur wann das sein wird ... das ist eine ganz andere Frage.
Unsicherheiten vor der Wahl
Die Börse kann nicht steigen, wenn keine "Angst" im Markt ist. Und es kann sein, dass die neuesten Umfragen zur Bundestagswahl einige Anleger verunsichern. Die SPD konnte weiter zulegen, die CDU verlor etwas – es riecht nach Patt, nach einer großen Koalition – eine Koalition, die nicht gut wäre für Deutschland.
Vor der Wahl kann es demnach zu einigen Unsicherheiten kommen, welche die Kurse hier im Dax belasten. Diesen Effekt sieht man aktuell in Japan, obwohl hier das Wahlergebnis bei weitem eindeutiger erscheint.
Es kann also gut sein, dass wir eine kurze Weile miterleben, wie die Amis nach langer Zeit mal wieder besser laufen als der Dax – wenn die Amis laufen. Im Moment spricht vieles dafür, natürlich sind kurze Rücksetzer dabei auch immer denkbar. Das Beige Book heute abend wird neue Impuls geben. Doch zu einem anderen Thema:
Immobilienblase, darauf spekulieren?
Seit geraumer Zeit, mindestens seit 1 1/2 Jahren, erhalte ich in schönster Regelmäßigkeit immer wieder E-Mails und Anfragen, wann man denn nun endlich auf einen Immobiliencrash in den USA setzten sollte.
Die Antwort ist so lapidar wie umfassend: Gar nicht!
Ich weiß nicht, warum immer wieder so viele Anleger gegen einen Trend handeln wollen – immer wieder versuchen sie das eine "Hoch" oder das eine "Tief" zu erwischen. Sicher, es wäre fürs Ego ein berauschendes Fest in einer Rally das absolute Hoch erwischt zu haben, doch für die Finanzen ist so ein Denken zumeist desaströs. Und selbst wenn man es geschafft hat, wer sagt einem nicht, dass man nach kurzer Zeit wieder verkauft?
Seit 1 1/2 Jahren hätten Sie, egal wann Sie auch eingestiegen wären, Verluste hinnehmen müssen. Ich weiß nicht, ob der Immobilensektor in den USA zusammenbricht, ich weiß nicht, ob es zu einem Crash kommt. Doch ich weiß, dass Immobilien wesentlich träger sind als Aktien. Ich sehe die Entwicklung in England, steigende Zinsen haben dort den Immobilienmarkt beruhigt, jedoch nicht zusammenbrechen lassen. Warum sollte es in den USA anders sein?
Kann es einen Crash geben, wenn alle davon reden?
Zudem, wirklich alle, mittlerweile sogar schon Alan Greenspan reden davon, das er zusammenbrechen könnte. Ich bin ein Antizykliker, wenn alle davon reden, dann wird das eh nicht passieren.
Doch zurück zu dem "gegen den Trend traden". Das menschliche Denken kann nur durch Relationen funktionieren. Alles wird dadurch differenziert, dass es in Relation zu etwas anderem gesetzt wird.
Der Fluch der Relation
Wenn nun ein Kursverlauf steil angestiegen ist, empfindet das menschliche Gehirn das als relativ "weit" angestiegen. Dieses "weit" lässt uns denken, dass es bald zu Ende sein muss. Ich kann Ihnen Trends zeigen, die immer und immer weiter gestiegen sind. Ein Desaster für jeden, der auf diesen Hang zu Relation tradet.
Die Entwicklung der Immobilienpreise in den USA hängt mit den niedrigen Zinsen zusammen. Steigende Zinsen werden die Preissteigerungen abwürgen, keine Frage – so gesehen bestand bis zu der Naturkatastrophe in den USA keine Sorge vor einer wirklichen Überhitzung. Wenn die Zinsen weiter angehoben worden wären, hätte sich der Immobilienmarkt weiter beruhigt (siehe England). Wenn nun jedoch aufgrund der Katastrophe die Zinsen nicht mehr weiter angehoben werden können, besteht tatsächlich eine realistische Gefahr, dass es zu einer Überhitzung kommen kann. Das muss jedoch abgewartet werden.