Dax-Seitwärtsbewegung nach unten verlassen!
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Dax 30
vom 09. August 2004 18:00 Uhr
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Nach neun Monaten Seitwärtsbewegung hat der Dax heute die untere Begrenzung bei 3692 Punkten nach unten gebrochen! Und nun? Alles verkaufen?
Gemach, Gemach – Natürlich nicht verkaufen! Aber Vorsicht ist natürlich trotzdem geboten. Aber zunächst einmal etwas Grundsätzliches zu Seitwärtsbewegungen:
In den Büchern über Charttechnik lernen Sie: Wird ein Rechteck (Seitwärtsbewegung) in eine Richtung verlassen, dann errechnet sich das Kursziel, in dem man die Spanne der Seitwärtsbewegung in die Richtung des Bruchs dazuaddiert oder entsprechend bei einem Bruch nach unten, subtrahiert. Im Dax würde das bedeuten: 4175 Punkte minus 3692 Punkte = 483 Punkte. Das ist die Spanne. Diese müsste man nun von der unteren Begrenzungslinie abziehen, daraus folgt: 3692 Punkte –483 Punkte = 3209 Punkte – kurz bei ca. 3200 Punkten läge nach charttechnischer Lehre das Kursziel.
Warum sollte man also nicht sein gesamtes Geld in fallende Aktien investieren und auf 3200 Punkte traden?
Es gibt ein kleines Problem dabei. Was diese zumeist sehr beschränkten Charttechnik-Bücher natürlich nicht erzählen, ist, dass es auf die Art der Seitwärtsbewegung ankommt. Die meisten dieser Bücher zeichnen nur eine sehr vereinfachtes Bild der Charttechnik – das Rüstzeug. Leider ist Charttechnik meistens wesentlich komplexer. Zur Erläuterung:
Einige Aufwärtstrends verlaufen in Rechtecken, die aufeinander aufbauen. Ein Beispiel: Die Aktie A steigt von 10 Euro auf 12 Euro (Spanne 2 Euro) und verläuft dann einen Monat zwischen 10 und 12 Euro hin und her. Dann bricht die Aktie die 12 Euro und steigt auf 14 Euro und läuft dann zwischen 12 und 14 Euro hin und her. In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass, wenn diese Aktie nun die 14 Euro bricht, die Aktie auch die 16 Euro erreicht. (Das gleiche gilt bei Abwärtstrends.) Und bei solchen Bewegung stimmt diese charttechnische Betrachtung.
Ganz anders verhält es sich bei derart langen Seitwärtsbewegungen, wie wir sie gerade im Dax erleben. Hier ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass ein Bruch ein sogenannter "False Break" (falscher Bruch) darstellt. Da alle auf diese Linien achten, nutzen größere Adressen gerne diese Marken, um einige Stops auszulösen. Wie ich vor etwas längere Zeit geschrieben hatte, umso länger eine Seitwärtsbewegung andauert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Begrenzungslinien genau getroffen werden, entweder dreht der Kurs vorher (wie beim letzten Anstieg) oder er bricht diese Marke, wie aktuell.
Genau das macht Seitwärtsbewegungen so schwierig. Keinesfalls sollte man in solchen Seitwärtsbewegungen auf einen Bruch traden! Auch wenn man dadurch vielleicht einmal die eine entscheidende Kursbewegung verpasst. Denn in einer Seitwärtsbewegung wird viele Male die Seitwärtsbewegung trotz Bruch fortgesetzt und nur ein einziges Mal ist der Bruch wirklich signifikant. Das heißt, die Wahrscheinlichkeiten zu gewinnen, wenn Sie nicht auf den Bruch setzten sind wesentlich höher als wenn Sie auf einen Bruch traden.
Trotzdem sollten Sie immer vorsichtig sein! Denn auch wenn ich immer noch an eine Wahlrallye glaube, die Zeit wird knapp. Und wenn der Ölpreis nicht langsam anfangen sollte zu sinken, dann wird es eng.
Doch, die schlechten Arbeitsmarktdaten aus den USA haben den Beweis dafür geliefert, dass die US-Konjunkturerholung ein wenig lahmt. Verlangsamte Konjunktur bedeutet: Öl wird weniger nachgefragt – dadurch sinkt die Nachfrage – das sollte zu sinkenden Preisen führen.
Insgesamt werden die nächsten beiden Wochen vielleicht die heißesten in diesem Jahr, nicht nur vom Wetter. Die Zinsentscheidung morgen, das Referendum in Venezuela am 15. August mit der Gefahr von Revolten, die weitere Öllieferungen beeinträchtigen könnten. Die Olympischen Spiele, die am 13.08.04 beginnen. Ende August wird dann über das Schicksal Yukos entscheiden.
Wie die Börse weitergeht, wird also in diesem August entschieden. Im September sind dann nahezu alle größeren Probleme (sofern keine neuen auftauchen) vorbei – lediglich die US-Wahl wartet. Wenn also nichts passiert, wenn alles ruhig bleibt, wenn sich ein großer Teil der Unsicherheiten erledigt hat, was glauben Sie, was die Kurse im September spätestens machen werden?
Und nun kommt die alles Entscheidende Frage: Wann werden die ersten starken Hände darauf traden? Sicherlich bevor die Unsicherheiten aus dem Markt sind. Meistens dann, wenn keiner damit rechnet. Doch ob das bereits diese Woche oder erst nächste oder sogar noch später geschieht? Wir werden es sehen – achten Sie auf das Volumen – das wird es verraten.
Insgesamt sollten Sie aber vorsichtig sein, ein Anschlag kann den Ölpreis nach oben und die Märkte nach unten jagen. Es gibt besser Umfelder zu investieren. Dieses Jahr ist sowieso mit Abstand das schlechteste, dass ich je erlebt habe, um gute Investitionsmöglichkeiten zu finden!
Und noch ein Hinweis: In den USA beginnt Ende dieser Woche die Hauptreisezeit. Sicherlich werden vorher auch einige Amerikaner Positionen glatt stellen.