DAX: Rezessionsjahre sind Bullenjahre
Andreas Wolf in DAX Daily zum Thema Dax 30
vom 27. Juli 2009, 08:00 Uhr
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Während die Realwirtschaft erst jetzt die volle Breitseite der Wirtschaftsflaute zu spüren bekommt, orientieren sich die Aktienmärkte bereits auf die Entwicklungen des Jahres 2010. Die bisherigen Vorhersagen der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute lassen nicht viel Hoffnung auf eine stärkere Erholung zu. Allenfalls eine Stagnation gestehen die Statistiker der deutschen Wirtschaft im nächsten Jahr zu. Die Begründung für diese negative Einschätzung liegt in der Schwere der Wirtschaftskrise. Für dieses Jahr wird ein Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von sechs Prozent angenommen. Bedeutend optimistischer geben sich aber momentan die Marktteilnehmer im DAX, denn seit dem Tiefpunkt bei 3.588 Punkten hat der DAX mehr als 45 Prozent an Wert zulegen können. Dies deutet darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft sich doch stärker erholen könnte als bisher gedacht. Wenn man sich zumindest die bisherigen Rezessionsjahre der Bundesrepublik betrachtet, so waren sie durchaus ansehnliche Börsenjahre. Da die aktuelle Wirtschaftskrise aber mit der der dreißiger Jahre verglichen wird, glauben viele Marktbeobachter, dass dieses Börsengesetz außer Kraft gesetzt wird.
Schwankungen gewöhnlich überdurchschnittlich
In den jeweils letzten fünf belegbaren Rezessionsphasen der Bunderepublik Deutschland stieg der DAX im betreffenden Rezessionsjahr deutlich an. 1967, nach dem Ende der Wirtschaftswunderzeit, verzeichnete der deutsche Standardwerte-Index einen Gewinn von 51 Prozent, 1975 im Anschluss an die erste Ölkrise lag der Zugewinn bei 40 Prozent, 1982 dämpfte der Koalitionswechsel im Herbst die Rally und es verblieb ein Plus von 14 Prozent. Die vierte Rezessionsphase folgte im Anschluss an den Wiedervereinigungs-Boom 1993 und hinterließ den Anlegern beim DAX einen Gewinn von 47 Prozent, 2003 resultierte aus dem Ende des Irak-Konflikts ein Plus von 37 Prozent. Schon zu diesem Zeitpunkt zweifelten viele Ökonomen daran, dass sich der DAX rasch wieder dem Niveau von 8.000 Punkten, dass er im Jahre 2000 erstmals erreicht hatte, wieder nähern könnte. Nur sieben Jahre später war aber genau diese Prognose schon wieder Makulatur. Die Auswirkungen der damals zur Bekämpfung der Rezession eingesetzten Mittel, Ausweitung der Liquidität und massive Senkung der Leitzinsen, schlugen sich stärker als Liquiditätsblase an den Märkten nieder als die Verursacher, allen voran Notenbankchef Greenspan, dies vermutet hatten. Da mit genau denselben Mitteln in einer höheren Dosierung die aktuelle Rezession angegangen wird, verwundert die Parallelität zu der Heftigkeit der Schwankungen an den Börsen nicht.
Neue Hausse oder immer noch Bärenmarktrally?
Angesichts der Dynamik der laufenden Erholung gewinnt der Streit zwischen den Lagern aus Optimisten und Pessimisten über die Grundrichtung der Börsenentwicklung in den kommenden 12 bis 18 Monaten wieder mehr an Aufmerksamkeit. Die Kernfrage, ob wir uns immer noch nur in einer Bärenmarktrally oder schon wieder in einem neuen Hausse-Markt bewegen, lässt sich im aktuellen Stadium nicht sicher beantworten. Fundamental wie technisch haben die Bären objektiv die meisten Argumente noch auf ihrer Seite. Aber gemäß des langjährigen Leitspruchs, „An der Börse wird zum Einstieg nicht geklingelt", könnte sich aus der Bärenmarktrally bei der Überschreitung diverser Widerstände in absehbarer Zeit ein neuer Hausse-Markt entwickeln. Die schlechte langfristige Stimmung der Anleger und die nach wie vor niedrige Investitionsquote der institutionellen Investoren schaffen zumindest günstige Rahmenbedingungen für eine Trendwende. Andererseits besteht allerdings auch noch die Gefahr eines abermaligen Absturzes der konjunkturellen Frühindikatoren, woraus dann ebenfalls ein kräftiger Rückschlag an den Aktienmärkten resultieren würde. Fakt ist: Die Bären beginnen zu schwächeln und die Bullen gewinnen etwas Oberwasser. Noch ist die sich anbahnende Trendwende aber nicht vollzogen.
Wendepunkt im Langfristchart
Betrachtet man sich den Langfristchart des DAX, so kann man die jeweiligen Aufschwünge in den Rezessionsjahren 1967, 1975, 1982, 1993 und 2003 erkennen. Seit Anfang der achtziger Jahre hat die Schwankungsbreite des Index deutlich zugenommen. Das dürfte allein auf die Einführung des Computers und die Umstellung auf den elektronischen Handel zurückzuführen sein. War der Handel zwischen 1960 und 1980 nur, mehr oder weniger, auf lokale Händler beschränkt, die noch dazu nicht mehr als maximal drei Stunden am Tag handelten, zog die Beschleunigung der Transaktionen automatisch eine Umsatzausweitung und eine Verlängerung der Handelszeiten nach sich. Aktienmarkt investiert sind und von sinkenden Kursen deshalb besonders betroffen sind. Seitdem der elektronische Fortschritt auf hohem Niveau stagniert, zeichnet sich auch im DAX eine gewisse Verfestigung der Handelsspanne wie zwischen 1960 und 1980 ab.
Auch das Jahr 2009 scheint sich wie ein typisches Rezessionsjahr zu entwickeln. Zwar gab es keinen regelkonformen Ausverkauf, das Tempo des Kursverfalls von Oktober 208 bis März 2009 erfüllte aber schon die Bedingung an das Finale einer Börsen-Baisse. Die Trend-Indikatoren MACD und Momentum signalisieren beide, dass die aktuelle Entwicklung als Wendepunkt zu interpretieren ist. Überschreitet der DAX im Zuge der laufenden Aufwärtsentwicklung den Widerstandsbereich zwischen 5.400 und 5.650 Punkte wäre damit die Grundlage für mittelfristig weitere Kursgewinne geschaffen. Der Abschluss dieser Wendeformation kann sich unter höheren Schwankungen von 500 bis 700 Punkten aber durchaus noch bis zum Jahresende hinziehen. Auch in den Vorgängerszenarien benötigte der DAX noch einen gewissen Zeitraum, um die Wende vom Baisse-zum Hausse-Markt zu vollziehen. Dies wäre auch im vorliegenden Fall nicht ungewöhnlich.
