Dax: Noch bleibt - dünne - Luft für Optimisten
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Dax 30
vom 02. Januar 2007 07:30 Uhr
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Wie ich erwartet hatte konnte den Dax in den letzten Handelswochen im Dezember nichts von seinem Aufwärtstrend abbringen. Der Future- und Options-Verfalltermin zur Monatsmitte und das diesmal sehr auffällige Window-Dressing der institutionellen Anleger zum Jahresende sorgten dafür, dass wir auch das Jahr 2006 mit einem makellosen, klar über dem langjährigen Durchschnitt liegenden Plus abschlossen. Damit rutscht der Zähler der bullishen Jahre auf „4“.
Es kann wenig verwundern, dass die befragten Experten - meist natürlich in Diensten derer, die unser Geld verwalten – auch für 2007 optimistisch sind. Vereinzelt höre und lese ich von Prognosen, die für das zweite Halbjahr 2007 möglicherweise, eventuell und unter Umständen eine Korrektur größeren Umfangs erwarten. Aber das lässt sich per heute leicht dahin sagen und ist zudem ein treffliches Alibi, um nicht als „Perma-Bulle“ (permanenter Bulle im „Pfui-Spinne-Neudeutsch“) verschrien zu werden.
Ich hatte in der Vorwoche bereits recht ausführlich, wenn nicht gar langatmig dargelegt, warum ich der Ansicht bin, dass man bei dergleichen Prognosen nichts anderes tun kann als weghören. Aber es ist nicht abzustreiten, dass solche – wenn auch nicht besonders stichhaltigen – Freudenbotschaften kurzfristig meist Wirkung haben. Zumal die allerjüngsten Konjunkturdaten hierfür optimal ins Bild passen!
Bullisher Faktor Gedächtnisschwund
Wir wissen ja, dass der Börsianer an sich nicht über ein Langzeitgedächtnis verfügt. Alles, was über den kurzfristigen Horizont hinausgeht, der je nach Tiefe des Ereignisses eine Reichweite von wenigen Tagen bis zu wenigen Monaten hat, fällt einfach hinten aus dem Speicher und ward nicht mehr gesehen. Ich spreche nicht von Ihnen, verehrte Leser, die sich regelmäßig mit anderen Gedanken und Meinungen eindecken, um die Sache von so vielen Seiten wie möglich zu betrachten. Ich meine die zahllosen Tipp-Junkies, Chat-Experten und Stammtisch-Analysten, die entweder durch direkte Käufe oder das Hinein- und Hinauspumpen von (in der Gesamtheit) Unsummen an Kapital die Fondsmanager zwingen zu tun, was sie ihnen durch ihre Kapitalbewegungen aufdrängen.
Hier dürfte man über die Konjunkturdaten der vergangenen Tage hocherfreut sein, die einen absoluten, klaren und unwiderlegbaren Beweis dafür liefern (haha), dass mal wieder alles von alleine in Ordnung kommt (wann soll das schon mal passiert sein) und wir alle noch die Ohren anlegen, wie die USA in 2007 wachsen werden (aha). So selbst gehört im Kreise diverser Herren im besten Alter anlässlich eines fünfzigsten Geburtstags am 29.12. Ich muss dabei hinzufügen, dass man meinen Beruf nicht kannte und ich mich gehütet habe, ihn zu nennen, um Saalschlachten zu verhindern.
Sei’s drum, auf jeden Fall passt das ins typische Bild: Ein paar Tage bullisher Konjunkturdaten, günstig platziert in eine Phase ohnehin steigender Kurse, und die Welt ist voller Optimisten, die inmitten einer blühenden Weltwirtschaft dem fünften Jahr hoher Kursgewinne entgegenschreiten ... die in solchen Stammtischgesprächen so schnell wachsen wie manch geangelter Hecht im Gespräch unter Angelfreunden.
Damit rücken die wirklich mehrere Wochen lang miserablen Daten im November und Dezember in den Hintergrund. Dass die Börsen diese Daten beiseite schoben, weil die vorgenannten Faktoren Verfalltermin und Jahresende schwerer wogen, ist schnell vergessen.
Volatiler Jahresbeginn mit unter dem Strich leichtem Kursanstieg
Ich bleibe dabei: Wenn die US-Wirtschaft nicht wirklich plötzlich die Kurve gekriegt haben sollte (wobei ich nicht wüsste, woher diese Wende kommen sollte), werden die wirklichen Fakten den Optimisten noch um die Ohren geschlagen werden. Doch für die kommenden Tage wird der angeborene Gedächtnisschwund, der in den Wochen darauf dazu führen wird, die Geschichte wegen Mangel an grauen Zellen wieder mal zu wiederholen (wie sonst auch), zunächst einmal die Chance auf weiter steigende Kurse offerieren. Aber Achtung:
Es ist sehr oft so, dass die institutionellen Investoren die Überbestände, welche sie zum Stichtag 31.12. in ihre Depots gehoben haben, um besonders gut dazustehen, in den ersten Tagen des Neuen Jahres hurtig über Bord werfen. Das kann dazu führen – muss aber nicht, es passiert, wie gesagt, nicht jedes Jahr – dass wir in dieser Woche auch mal plötzliche, deutliche Abschläge an den Aktienmärkten sehen, ohne dass hierzu besondere Nachrichten auftauchen würden.
Aber in aller Regel ist das noch nicht der Start einer größeren Korrektur. Man möchte die ersten Tage des Jahres per saldo gerne im Plus abschließen, um der Sage der magischen ersten zehn Tage genüge zu tun, die besagt, dass das Gesamtjahr so sein wird, wie die ersten zehn Handelstage. Ich hatte es bereits im Vorfeld erwähnt.
Es ist also zumindest die wahrscheinlichste Variante für die erste Monatshälfte, dass wir zwar sehr schwankungsfreudige, aber per saldo noch etwas steigende Kurse erleben werden. Sehen wir uns dazu mal den kurzfristigen Dax-Chart an:
Dax nahe der oberen Begrenzungen der Trendkanäle
Der Index läuft innerhalb seines seit einem halben Jahr gültigen, steilen Aufwärtstrendkanals unverändert stabil aufwärts. Nachdem eine kurze Abwärtsbewegung letzte Woche genau auf Höhe der November-Topps bei knapp 6.500 gestoppt wurde, ist aus diesem Kurslevel jetzt eine entscheidende Unterstützung geworden, die momentan durch Juli-Aufwärtstrend und 20 Tage-Durchschnitt noch verstärkt wird. Hier dürften voraussichtlich kurzzeitige Positionsbereinigungen in den kommenden Tagen aufgefangen werden. Das Verkaufssignal der Stochastik konnte sich dabei nicht auswirken, da eben diese charttechnische Marke um 6.500 gehalten hat, was aktuell klar schwerer wiegt.
Nach oben haben die Optimisten indes durchaus noch einigen Spielraum. Drei Prozent oder 200 Punkte bis 6.800 sind es, welche der Dax in den kommenden Tagen nach oben innerhalb seines Trendkanals noch Spielraum hat.
Allzu viel mehr sind es übrigens im langfristigen Zeitrahmen auch nicht. Sie sehen im Wochenchart, der den Dax seit Beginn des aktuellen Aufwärtstrends Anfang 2003 wiedergibt, dass auch dieser langfristige Trendkanal bei ca. 6.900 seine obere Begrenzung findet. Wenngleich die Divergenz des RSI zum Kursverlauf nach einem solch langen Kursanstieg normal ist ... dies, die Nähe des „Deckels“ des Trendkanals und die überkaufte Stochastik auf Wochenbasis sind Aspekte, die vielen Investoren schnell wieder ins Bewusstsein rücken wird, wenn die aktuell durch nichts zu erschütternde optimistische Stimmung kippt, was, wie wir aus Erfahrung wissen, blitzschnell zu passieren pflegt.
Was mir besonders zu denken gibt, ist die ungezügelte Rallye der Nebenwerte im MDax, der besonders von den Privatanlegern dominiert wird. Diese immense Rekordjagd, die schon überraschend bald nach der scharfen Korrektur im Mai wieder aufs neue begann, obwohl der MDax hier besonders unter die Räder kam, ist ein Hinweis auf selten hohen Optimismus. Und, wie Mr. Bonner im unten folgenden Artikel richtig schreibt: Wenn alle glauben, dass ihnen nichts mehr passieren kann, wartet die kalte Dusche schon hinter der nächsten Ecke. In diesem Chart sind die Trendlinien übrigens auf linearer Basis eingezeichnet und der Chart danach in logarithmische Darstellung umgewandelt, um die rein prozentualen Veränderungen deutlicher zu machen, ohne dafür Trends in den logarithmischen Chart einzuzeichnen, die gemeinhin nicht relevant sind ... daher die „Bananenform“ der Trendlinien.
Die Luft wird dünner ... aber noch bleibt etwas Spielraum
Ich kann im Vorfeld nicht abschätzen, ob eine Korrektur ab Mitte/Ende Januar, eventuell noch befeuert durch enttäuschende Quartalsberichte schon eine „große“ Korrektur wird. Es wäre eigentlich ein bisschen untypisch. Aber ausschließen, nur weil so etwas im Januar seltener vorkommt, sollte man dies besser nicht. Kurzfristig sollten die Bullen noch ein wenig auf die Weide dürfen. Aber die Luft ist bereits so dünn, dass man sich keineswegs ausgerechnet jetzt noch neu zur dieser Herde gesellen sollte. Denn ob wir nun Mitte Januar oder vielleicht erst im März wieder freilebende Bären an den Börsen zu sehen bekommen, die nach der langen Winterruhe hungrig sein dürften ... sehr viel Performance wird sich jetzt nicht mehr machen lassen. Die Relation Chance zu Risiko steht jetzt m.E. prozentual bereits bei 1:2 und wird mit jedem Kursanstieg ungünstiger.


